Niederlage und Neubeginn in der Hansestadt

Vorstandswahlen und ein neues Gemeindezentrum in Hamburg

 

Die Beiratswahlen der Jüdischen Gemeinde in Hamburg bescherten dem bisherigen Vorsitzenden Andreas C. Wankum eine herbe Niederlage. Er hat den Sprung in das 15-köpfige Gremium knapp verpasst und könnte nur als Nachrücker in das Gemeindeparlament einziehen. Seinen Posten als Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde in Hamburg ist er los. Mit Abstand die meisten Stimmen erzielte Wankums Widersacher, der Leiter des renommierten Ganztagsgymnasiums Klosterschule, Ruben Herzberg, der auf der siegreichen Liste 1 «Tacheles - Klartext» kandidierte. Noch kurz vor der Beiratswahl hatte Wankum seinen Kritiker Herzberg als Vertreter der Jüdischen Gemeinde in Hamburg aus dem Landesschulbeirat, einem Gremium, das die Hamburger Schulbehörde berät, abberufen. Er hatte ihm «grob gemeindeschädigendes Verhalten» vorgeworfen, weil er sich kritisch zur Finanzpolitik des Vorstandes geäußert hatte. Herzberg wehrte sich und leitete juristische Schritte ein.

Im Vorfeld der Wahl kam es bereits bei der Vorstellung der Kandidaten in der Gemeinde zu einem heftigen Schlagabtausch. «Tacheles - Klartext» trat mit 20 Kandidaten an, darunter ein Großteil junger Leute. «Ein offenes Zuhause in Hamburg für alle Juden, Transparenz, Demokratie und ein respektvolles Miteinander», so lautete das Wahlprogramm. Der Wähler hat dies goutiert: Zehn Kandidaten der Liste wurden für den Beirat gewählt.

Die Liste 2, angeführt von den bisherigen Vorstandsmitgliedern, hatte nur 15 Kandidaten ins Rennen geschickt. «Kompetenz für eine jüdische Zukunft: Jüdisch, sozial und integrativ» waren die Schlagworte. Zweifellos hatte Andreas C. Wankum mit seiner Liste 2 einen aktiveren und aggressiveren Wahlkampf geführt. Vermutlich wurde dies aber der Liste zum Verhängnis. Nur fünf Kandidaten erreichten die nötige Stimmenanzahl, um dem künftigen Beirat anzugehören.

Wankum war in den vier Jahren seiner Amtszeit immer wieder in die Kritik geraten. Ihm wurden selbstherrliche Amtsführung, verschwenderischer Umgang mit Gemeindegeldern und die Anhäufung eines Schuldenberges in Höhe von drei Millionen Euro vorgworfen. Auch die Schließung der jüdischen Ganztagschule 2005 wurde ihm und seinen Vorstandskollegen zum Verhängnis. Als Folge waren in den letzten Jahren mehrere Hunderte Mitglieder aus der Gemeinde ausgetreten. Schätzungen belaufen sich auf 700. Ein Teil der Austritte kam zweifellos auch zustande, weil die Kultussteuer analog zur Kirchensteuer eingeführt wurde. Auch die Eintragung der Religionsgemeinschaft mit dem Kürzel „JH" sorgte für großen Unmut. Dafür bekam Wankum mit seiner Liste jetzt die Quittung.

Das Wählervotum zeigt ganz klar: Die Gemeinde will einen Wechsel, sie will aber auch, dass junge, unverbrauchte Hoffnungsträger die Geschicke der Gemeinde mit gestalten. Unter den ersten fünf der siegreichen Liste 1 sind zwei Jura-Studenten unter dreissig Jahren. Welche Führungsaufgaben sie und ihre jungen Mitstreiter künftig in der Gemeindepolitik innehaben, wird sich erst nach der Konstituierung des Beirates in den ersten Juli-Tagen zeigen. Dann nämlich wählt das Gremium den fünfköpfigen Vorstand, den die Mitglieder komplett aus den eigenen Reihen oder über drei eigene und zwei externe Personen wählen. Aufgefüllt wird der Beirat immer auf 15 Mitglieder durch die Nachrücker, also die Nächstplatzierten der Beiratswahl. Ob Wankum sein Mandat annimmt, war bis zum Redaktionsschluss nicht klar.

Eigentlich hätten er und seine Kollegen mit der Unterzeichung des Staatsvertrages zwischen der Stadt Hamburg und der Jüdischen Gemeinde in Höhe von 850.000 Euro einige Tage vor der Beiratswahl noch punkten können. Das Vertragswerk ähnelt dem der christlichen Kirchen und regelt Rechte und Pflichten beider Vertragsunterzeichner. Die Präsidentin des Zentralrates der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, hatte den erfolgreichen Abschluss des Staatvertrages begrüßt und betont: «Die finanzielle Grundlage des Staatsvertrages sichert der Gemeinde einen Ausbau der dringend notwendigen Infrastruktur.» Der Vertrag kam «nach zähen Verhandlungen» zustande, wie der Hamburger Bürgermeister Ole von Beust erklärte. Die bisherigen finanziellen Zuwendungen der Stadt beliefen sich auf 350.000 Euro jährlich und waren in einem Zuwendungsvertrag geregelt.

Neues Gemeindezentrum

Eine Woche zuvor, am 10. Juni 2007, wurde das Gemeindezentrum offiziell im ehemaligen Gebäude der 1911 eröffneten Talmud-Tora-Realschule eingeweiht. Für Landesrabbiner Dov-Levy Barsilay erfüllte sich mit der Rückgabe des Gebäudes «ein langgehegter Wunsch. Aber ohne jüdisches Leben wären es nur tote Wände». Nun kann er zufrieden sein. Das 3.000 Quadratmeter große Gebäude beherbergt unter anderem den Kindergarten, das Jugendzentrum, die russischsprachige Bibliothek sowie eine moderne koschere Küche. Die Sanierungskosten betrugen rund drei Millionen Euro.

Das Gebäude, das im Hamburger Universitätsviertel am Grindel westlich der Alster liegt, war der Gemeinde von der Stadt Hamburg im Oktober 2002 übergeben worden. Die Stadt sicherte schon damals der Gemeinde eine halbe Millionen Euro für Sicherheitsmaßnahmen zu, ebenso machte die Reemtsma-Stiftung damals die Zusage, nochmals die gleiche Summe für Sicherheitsmaßnahmen zu spenden. Nachdem das Gebäude über drei Jahre leer stand, wurde 2006 mit den Renovierungsarbeiten begonnen. Fertig gestellt und seiner Bestimmung übergeben glitzert die sandgestrahlte Außenfassade weithin sichtbar in diesem quirligen Stadtteil der Hansestadt.

In den 1920er und 1930er Jahren pulsierte hier das jüdische Leben. Über ein Viertel der 20.000 Hamburger Juden lebte bis zur Machtübernahme der Nationalsozalisten in diesem Bezirk. Religiöses Zentrum war die 1906 gebaute größte Synagoge Norddeutschlands, die Bornplatz-Synagoge. Gleich nebenan war die Talmud-Tora-Realschule. 1939 wurde sie mit der Mädchenschule der Deutsch-Israelitischen Gemeinde zusammengelegt. Ab 1939 musste sie sich «Volks-und Höhere Schule für Judenn» ennen. 1942 schlossen die Nationalsozialisten die Schule endgültig, von den 343 Schülern überlebten nur wenige. Auch der hochangesehene Schulleiter und letzte Oberrabbiner von Hamburg, Joseph Carlebach, überlebte die Shoah nicht. Nach dem Krieg kaufte die Stadt das Gebäude von der Jewish-Trust Corporation. Bis zur Rückgabe an die Jüdische Gemeinde befand sich dort die Fachhochschule für das Bibliothekarswesen.

«Ich stehe hier mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Lachend, weil die jüdische Gemeinde hier ihre Zukunft hat, weinend, weil die meisten meiner Freunde, mit denen ich hier 1929 bis 1933 zur Schule ging, ermordet wurden», erklärte beim Festakt tief bewegt Yissakhar Ben-Yaacov, ehemaliger israelischer Botschafter in Österreich.

Im Rahmen der offiziellen Einweihung des Gebäudes wurde zugleich erstmals die «Herbert-Weichmann-Medaille» der Jüdischen Gemeinde für besondere Verdienste um das jüdische Leben in Deutschland vergeben. Preisträger waren posthum der ehemalige Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, Paul Spiegel, sowie Hans-Hinrich Reemtsma, dessen Stiftung sich finanziell so maßgeblich an der Renovierung beteiligt hatte.

 

Buchtipp:

«Eine verschwundene Welt.
Jüdisches Lebens am Grindel»
Herausgegeben von Ursula Wamser
und Wilfried Weinke
Verlag zu Klampen
ISBN 3-934920-98-5

Ursula Randt:
«Die Talmud Tora Schule
in Hamburg 1805 bis 1942»
Dölling und Galitz Verlag
ISBN 978-3-937904-07-8

Gabriela Fenyes

«Jüdische Zeitung», Juli 2007