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Brüderlich mit dem PräsidentenAserbaidschan zeigt sich religiös tolerant. Das hat das Leben der Juden im Land seit Jahrhunderten erleichtert.
In Aserbaidschan wird man selten müde zu loben, sich gegenseitig oder auch sich selbst. Besonders gerne lobt man sich für das friedliche Zusammenleben der Religionen. Denn Aserbaidschan ist ein muslimisches Land, jedoch - es ist weit entfernt vom Fundamentalismus des im Süden angrenzenden Iran. Aserbaidschan ist überwiegend shiitisch, mit 28 Prozent Sunniten in der Bevölkerung. Die Russisch-Orthodoxen stellen die drittgrößte Konfessionsgruppe, allerdings nur vier Prozent der Bevölkerung. Prozentual machen die Juden da eine verschwindende Minderheit aus, ihre Bekanntheit jedoch ist unproportional größer. Besonders die der Bergjuden in Krasnaja Sloboda, ein Dorf in der Region Quuba im bergigen Norden des Landes. «... und wen der Präsident seinen Bruder nennt, dem kann es nicht schlecht gehen, meine Damen und Herren.» endet der Gemeindevorsitzende Boris Simandiev gerade eine in altem Sowjetstil gehaltene Rede vor Besuchern. Dabei blickt er die Offiziellen aus Tourismusministerium und Lokalverwaltung, die an der Seitenwand der Synagoge Platz genommen haben, nickend an. Während draußen kalter Kaukasusregen nieselt erklärt er den Hörern mit der blauen ausgeliehenen Synthetikkippa in der älteren der Dorfsynagogen das Leben der Juden im Land am Kaspischen Meer. Hier siedeln die Bergjuden seit Jahrhunderten, wenn nicht gar Jahrtausenden. Im großen Dorf oder der kleinen Stadt Krasnaja Sloboda leben sie seit dem 18. Jahrhundert mit der restlichen Bevölkerung im Einklang, zumindest konfliktlos, oder andersherum - die restliche Bevölkerung mit ihnen. Bergjuden - so nennen sich die Juden des östlichen Kaukasus. Außer in Aserbaidschan siedeln sie heute in Teilen Tschetscheniens und Dagestans. Historiker und Ethnologen vermuten die Vorfahren der Bergjuden im ehemaligen Persien, im Südwesten des heutigen Iran. Aufgrund von Vertreibungen seien sie etwa im siebten Jahrhundert v. u. Z. in das damalige als großalbanisch bezeichnete kaukasische Reich gekommen. Man habe sie als Schutztruppe gegen Invasoren aus der Pontischen Steppe angesiedelt, besagt eine Theorie. Eine andere spricht von zum Judentum konvertierten Bergstämmen, doch Studien der genetischen Forschung haben dies widerlegt. Als Juhuro bezeichnen sich die Bergjuden selbst, Juhuri heißt ihr Dialekt, weit verbreitet ist er nicht. Der moderne Bergjude spricht Russisch oder Azeri, Hebräisch wird eifrig gelehrt. Der Gemeinderabbiner von Krasnaja Sloboda im bergigen aserbaidschanischen Norden hat keine große Lust auf Besucher. Ja, man hole ihn, heißt es, dann - er sei doch schon dagewesen, ob man ihn denn nicht gesehen habe. Schließlich bemüht man ihn nochmals. Nisimo Ilasar ist so jung, wie die meisten seiner Gemeindemitglieder, gerade 30. Natürlich wird auch er gelobt. Ilasar führt in die repräsentativere Dorfsynagoge, er hat eher biblische Erklärungen für die Ursprünge der Bergjuden: «Der Legenden nach kamen sie nach der Zerstörung des ersten Tempels im Jahre 585 v. u. Z., zogen durch Persien und siedelten im Kaukasus. Einer zweiten Version nach kamen nach der Zerstörung des Zweiten Tempels im Jahre 70 n. u. Z. Juden aus Spanien hierher, aber das ist eine eher schwache Theorie.» Ilasar ist für das Kashrut der Gemeinde zuständig. Er hat das Rabbinerseminar in Jerusalem besucht und etwas von der Welt gesehen, auch das hasserfüllte Nebeneinander von Muslimen und Juden. Warum ist es hier anders? Auf die Erziehung käme es an, meint der Rabbi, man dürfe kein Feindbild des anderen aufbauen, sondern müsse Toleranz lehren. Er warnt vor der Politik und mahnt zur Religiosität, seine Worte sind einfach, wie das Leben in den Bergen. Was den Bergjuden überhaupt ausmacht, das kann er nicht genau sagen, und auch nicht, welche Ausrichtung seine Gemeinde eigentlich hat, ob liberal oder orthodox. «Wir sind einfach religiös!» meint der Rabbi. Frauen spielen keine Rolle im öffentlichen Leben von Krasnaja Sloboda. In oder um eine der beiden intakten Synagogen ist keine zu sehen. Kein Wunder, es ist unwirtlich draußen, auf den Straßen spritzt des schmutzige Regenwasser. Es ist kalt. Schwarzgekleidete Herren beherrschen die Szene, meist älter und beleibt, in diesen Äußerlichkeiten ohne Unterschied zum Rest des Landes. Leicht unterscheiden sich nur die Polizisten in Olivgrau, die dezent ihren Dienst verrichten, beinahe so zahlreich wie die Besucher. Entfernung von der Besuchertruppe dauert daher nie lange, in weniger als einer halben Stunde entsteigt jeder Ausreißer den vorfahrenden polizeilichen Dienstwagen - einem ziemlich neuen Volkswagen. Die deutsche Firma hat die Ordnungshüter des ganzen Landes ausgestattet. Eine dritte Synagoge in weißgetünchtem Backstein bröckelt vor sich hin, sie gehört nicht zu den Vorzeigeobjekten. Doch vor den Häusern stehen ansehnliche Autos, auch große Neubauten sind etwas außerhalb zu entdecken. Der Gemeinde geht es gut, dank der finanziellen Unterstützung aus dem Ausland. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion kam der Exodus auch über Krasnaja Sloboda, doch dem geschlossenen Schtetl-Leben hatte die Industrialisierung und der Ruf des Öls schon ab Mitte des 19en Jahrhunderts ein Ende bereitet. Bis 1940 sollen noch an die 18.000 Bergjuden in ihrer Heimat gelebt haben, Hoffnung auf Arbeit und der Krieg haben sie fortgeführt. In Richtung Amerika, Israel und Deutschland verließen viele Krasnaja Sloboda in den frühen 90ern. 3600 Bergjuden soll es noch geben in Krasnaja Sloboda, an die 3000 in Brooklyn/New York. Diese senden anscheinend fleißig nach Hause in den Kaukasus, wo viele Räume sonst ungeheizt bleiben, die Arbeitslosigkeit hoch und die Zahl der wartend auf den Straßen herumstehenden Männer stets groß ist. Schafe hüten kann man hier oder eben an die Küste gehen, oder gleich als Gastarbeiter nach Russland. Daher will der Junge Rabbi so viele Rückkehrer, wie der Vorsitzende erwähnt hatte, für den Ort doch nicht bestätigen. Nun ja, einige seien zurückgekehrt, ja, wie viele - schwer zu sagen - eher wenige: «Wie soll ich das sagen. Verstehen sie - der Mensch ist da zuhause wo er ein Haus bauen kann.» Er windet sich «Naja, vielleicht sind zwei Prozent zurückgekommen.» Fast alle anderen Alle sind geduldet in Aserbaidschan, nur nicht die Armenier. Die Einstellung zum verhassten Nachbarn ist überall im Lande spürbar und bei Vertretern aller Glaubensgruppen vertreten, der gemeinsame Gegner eint. Die Allee der Schigiten, der gefallenen Helden aus dem Konflikt mit dem Nachbarland 1992, liegt auf der windigen Höhe über der Bucht von Baku. Im Gedenken schimpft man und schiebt noch immer alle Schuld auf die Politik Gorbatschows. Über die unerwünschten aserischen Flüchtlinge, die einfachen Leute aus den Bergen der von den Armeniern nunmehr besetzten Nagorno-Karabach-Region, schweigt man. Richtig integriert wurden sie nie und so sitzen manche in klagender Passivität noch heute in Flüchtlingslagern der UN - Azeris in Aserbaidschan. Sheki ist ein seltenes Kleinod im bergigen Nordosten des Landes. Über 240 Höhenmeter erstreckt sich die Stadt. Schon früher schätzten Khane den Ort und wählten ihn zur Sommerresidenz. Restauriert beeindrucken vor allem die Malereien in den Räumen, sowie die Schekelen. Die bunten Glasfenster in allen möglichen geometrischen Mustern setzen sich aus tausenden kleiner Holz- und Scheibenteile zusammen. Eine albanische Kirche thront im kleinen Ort noch weiter oben, in Marchal. Anders als die Heldenallee ist sie ein Zeugnis der Einträchtigkeit. Der Ort war schon immer heilig, in vorchristlichen Zeiten befand sich hier ein heidnisches Heiligtum. Die Kirche von Marchal hat die Kirchenreform des Zaren und die Fusion mit der armenischen Kirche, sowie mehrere Baumaßnahmen überstanden. Sie gilt als so heilig, dass Wunderglaube die Konfessionszugehörigkeit überwiegt. Angehörige aller Religionen kommen zu Andacht und Bittstellung hierher. Eine muslimische Familie mit behindertem Kind umrundet die christliche Kirche dreimal andächtig und küsst nach jeder Umrundung die Kirchentür. Albanisch - ein irreführender Begriff, der nichts mit dem heutigen Albanien zu tun hat. Für den Kaukasus bezeichnet Albanien das Reich, das sich vom vierten Jahrhundert v. u. Z. bis zum arabischen Einfall im siebten Jahrhundert n. u. Z. auf dem Gebiet des heutigen Aserbaidschan erstreckte. In den letzten drei Jahrhunderten seines Bestehens war das albanische Herrscherhaus christlich. Eine weitere albanische Kirche findet sich auch im Dorf Nich, auf dem Weg nach Gabala. Ganz neu wieder aufgebaut steht sie inmitten ausgedehnter Haselnusshainen, durch die sich die ein wenig matschigen Dorfstrassen schlängeln. Ein riesiges Labyrinth, ein ungewollter Irrgarten scheint das ganze Dorf zu sein. Die Schweine, die sich im Straßengraben suhlen, machen klar, dass es sich nicht um ein muslimisches Dorf handeln kann. Hier leben etwa 3500 Uden oder Udinen, eine wirklich winzige Minderheit. Schon Herodot habe die Udinen erwähnt und 4200, so sagt das selbsternannte Gemeinde- und Kirchenoberhaupt Robert Mobili, gäbe es im ganzen Land. Sie seien der einzige von einst 26 großalbanischen Stämmen, die Sprache und Glauben bewahrt hätten. Und eine der wenigen Gemeinden, die das udinische Glaubensbekenntnis 150 Jahre lang, nachdem auf Zarenerlass die albanische mit der armenischen Kirche unifiziert wurde, aus Protest zuhause weitergepflegt hätten. Nun strebt man hier im Dorf danach, als eigenständige Kirche anerkannt zu werden. Bei der verschwindend geringen Anzahl der Glaubensangehörigen, dem fehlenden Regelwerk und der nicht existenten Ausbildung von geistlichen Kräften etwas unbescheiden, mag der Besucher denken. Damit dieser jedoch die Nachricht von der Renaissance des albanischen Kirchentums in die Welt trägt, tischt man im Dorf Nich kräftig auf, bis sich die Teller stapeln und der Gurkenwodka leert. Auch hier wird der Trinkspruch auf das glaubensliberale Aserbaidschan und seinen Präsidenten nicht vergessen. Wieder stimmen offizielle Vertreter aus Ministerien und Lokalpolitik mit ein. Und alle spachteln bei allem, was im christlichen Dorf so auf den Tisch kommt, kräftig mit. «Land des Feuers» nennt sich die Republik am Kaspischen Meer tourismusträchtig - wegen des Gases das an manchen Orten austrat, sich entzündete und dann über Jahrhunderte hinweg nicht erlosch. Erst der industrialisierte Ölboom brachte sie zum Versiegen, er grub den natürlichen Quellen das Gas und damit der mehrere Jahrhunderte anhaltenden Zarathustra-Religion das Wasser ab. Ökologisch angehaucht verehrte diese das Naturphänomen der endlos brennenden Quellen. Ihre Vertreter, auch Feueranbeter, Zarathustrier oder auch Zoroastrier genannt, kamen aus Indien und kasteiten sich in Askese. In den Zellen des Feuertempels lagen sie auf glühenden Kohlen oder legten sich in unerträglich schwere Ketten, um auf den Weg der Rechtschaffenheit zu gelangen. Die Pilger kamen aus Indien, lebten von Almosen, die am Rande der Seidenstraße für sie abfielen, jedoch getrennt von der übrigen Bevölkerung und in ständiger Buße. Ihre Verstorbenen ließen sie von Geiern auf den Plattformen der Feuertürme entsorgen. Der Atash Ka Feuertempel auf der Halbinsel Abscharon gehört zu einem der meistgenannten Sehenswürdigkeitn des heutigen Aserbaidschan, obschon seine Umgebung im Reiseführer als unromantisch beschrieben wird. Ein zutreffender Euphemismus. Als Wohngebiet in Mondlandschaft ließe sich die mit kleineren Ölpumpen gesprenkelte Gegend beschreiben. Die letzten Zoroastrier verließen den Tempel im 19ten Jahrhundert und die heute in der Mitte der Anlage züngelnde Flamme speist sich aus der hauptsächlichen Gasversorgungspipeline von Baku. Die Halbinsel Abscharon zählt zu den verseuchtesten Gebieten der Welt. Doch auch an Küsten und im Inneren hat Ölboom seit Beginn des 20. Jahrhunderts und auch die sowjetische Planwirtschaft Einiges verwüstet. Verlassene und vor sich hin rostende Bohrtürme säumen die Küste, in den Ebenen hat Baumwollwirtschaft die Böden versalzen lassen, in den Bergen sind Wiesen überweidet. Auch die Schwerindustrie forderte ihren Tribut. Vor der Stadt Genca, die sogar per Flughafen zu erreichen ist, steht das Mausoleum des überaus gerühmten Poeten Hisami, der im 12ten Jahrhundert hier geboren wurde und lebte. Hisami gilt als Koryphäe der orientalischen Literatur, berühmt für lediglich fünf Poeme - verfasst in Persisch. Dennoch gilt er heute als aserbaidschanischer Nationalpoet. Im übermanngroßen Denkmal neben dem marmorgefließten Mausoleum umgeben ihn die Figuren seiner Dichtung - zwischen ihnen fällt der Blick auf das Aluminiumwerk der Stadt. Das Relikt aus Sowjetzeiten produziert heute wieder, mit allerdings 500 statt der 3000 früheren Beschäftigten. Die Erde rundum ist für Kilometer rot vom Staub und Reststoff aus dem Aluminiumwerk. Dieser wird ständig berieselt, trocken würde er vom Wind über das Land verteilt. Eine Viertelstunde Busfahrt weiter zeigt ein muslimischer Friedhof schlanke Stelen, zuweilen von Turban oder Fez gekrönt. Gräber sind von blitzenden Blechdächern überschattet, auf deren Ecken der Halbmond thront und deren Giebel raffiniert durchbrochene Metallborten zieren. Das Grab eines Mohammedenkels macht den Ort zur Pilgerstätte, den mit grünem Tuch umwickelten Sarg umkreisen Besucher dreimal, nicht ohne ihn ehrfurchtsvoll mit den Lippen zu berühren.
Reich und selbstbewusst Von der Hauptstadt verbindet die Provinzen täglich eine Zugverbindung, in die wichtigeren Städte fahren Kleinbusse mehrmals täglich - meist eine lange und beschwerliche Fahrt. In das nördliche Krasnaja Sloboda beispielsweise dauert diese von Baku aus auf löchrigen Pisten an die sechs Stunden. Zuweilen läßt sich auf dem Weg ansatzweise die Realisierung ehrgeiziger Autobahnprojekte erkennen. Überall im Land grüßt der Präsident Heydar Alijev, entweder alleine oder in Doppelporträt mit seinem Vater Ilham, der das Präsidentenamt vor ihm inne hatte. Beider Sprüche sind auf Bannern aufgehängt, an den U-Bahn-Decken Bakus festgehalten oder auf Tafeln an Gebäudewänden angebracht. Jede Stadt, jedes Dorf hat einen Platz, ein Straße nach ihnen benannt. Aserbaidschans Ressourcen haben das Land reicher und selbstbewusster gemacht als die kaukasischen Nachbar-staaten. Doch Analysten äußern den Verdacht, dass es bald an der holländischen Krankheit leiden könnte. Zuviel Geld fließt ohne Wertschöpfung zu schnell ins Land, hauptsächlich in die Hauptstadt und an zu wenige, heißt es. Inflation und Arbeitslosigkeit mögen die Folge sein. Und manche Zeichen sind nicht zu übersehen, zahlreich ragen die Rohbauten vielstöckiger Wohnsilos in der erdbebenanfälligen Region aus niedrigstöckigen Vierteln hervor. Ein Bauboom ist dem Ölboom gefolgt, der Immobilienmarkt hat teilweise 100prozentige Teuerung gesehen. Wenn allerdings Rabbiner David Mirov in Baku durch die Straßen seines Viertels geht, scheint es beinahe, als ginge er durch's Schtetl. Das Gemeindezentrum ist nicht weit vom Gebäude der beiden Synagogen entfernt, doch Schüler, Gemeindemitglieder, Frauen wie Männer halten ihn auf, man spricht kurz über die Kinder und die Gesundheit. Bis 1918 habe es fünf Synagogen in Bakus jüdischem Viertel gegeben, erzählt der rundliche und weißbärtige Mirov, getrennt nach Ethnien. In einem neuen Gebäude, dessen gelblicher Stein und burgähnliche Außenwand es aus dem üblichen Straßenzug heraushebt, befinden sich heute die aschkenasischen Juden. Die georgische Synagoge, gebaut 2003, finanziert vom Joint, der Jewish Agency und, wie man stolz verkündet, von reichen bakustämmigen Philanthropen, die nun meist in Moskau ansässig sind. Für weitere Informationen jedoch empfiehlt Mirov Besucher dem Pressesprecher des Chabad-Zentrums. Und wieder wird hier jemand nicht müde sich zu loben, dafür hat die Gemeinde eigens einen Pressesprecher. Samir Khanlarov ist, seine Titel mehrmals hervorhebend, Politologe und Vizedirektor des Schulzentrums. Bakus Sehenswürdigkeit ist die Altstadt mit den verwinkelten engen Gassen um den Schirwanschan-Palast und dem kuriosen Jungfrauenturm. Auch die «Weiße Stadt» ist ein mit all ihrer in Europa eingekaufter Gründerzeitarchitektur Eyecatcher. Weiter östlich der an Sonntagen überfüllten Uferpromenade entlang steht ein maurisierender stalinistischer Zuckerbäckerbau, erbaut bis 1953 von deutschen Kriegsgefangenen und heute Sitz der Stadtregierung. In den Straßen dahinter versprüht das ehemalige jüdische Viertel kaum Glanz. Etwa 13.000 Juden sollen heute in Baku leben, allein über die Mitgliedschaft der Gemeinde hält man sich besonders bei Chabad bedeckt. Wie viele Mitglieder die Gemeinde umfasst, das wisse man nicht, sagt Khanlarov, einzig die 400 im Schulkomplex lernenden, tanzenden und singenden Kinder erwähnt er immer wieder. Das Schulzentrum hat 2003 der damalige Präsident Heydar Aliyev eröffnet und mit den Kindern hat der leitende Chabad-Rabbiner Meir Bruck sogar ein Video aufgenommen. Obschon er aus Amerika stammt und nach sechs Jahren im Land eher gebrochen Azeri spricht, singt der Rabbi inmitten einer etwas größer geratenen Boygroup vor der aserbaidschanischen Nationalflagge das Lied überhaupt - das Lied von der Liebe zum Vaterland, die Nationalhymne «Marsch von Aserbaidschan». Die Jungs in schwarzen Anzügen, gelben Hemden und schwarzen Hüten haben offensichtlich gerne beim kleinen Popspektakel mitgemacht. Überhaupt zeigt man sich patriotisch. «Zuerst bin ich azerischer Patriot und dann Jude», das zumindest kann Herr Khanlarov klar bestimmen und das beflügelt anscheinend auch die Beziehungen auf offizieller Ebene. Zu Chanukka 2006 habe man ein 40-Minuten-Programm bei einem der staatlichen Sender bestritten, der Präsident selbst hat die Kerzen auf dem Chanukkaleuchter entzündet. «Antisemitismus - so was kennen wir gar nicht», antwortet der Pressesprecher auf eine entsprechende Frage. Ungern allerdings, wie überhaupt auf alle gestellten Fragen. Auch hat er keine Lust sich mit der Geschichte der aserbaidschanischen Juden aufzuhalten, viel lieber erzählt er von sich und dem 1,5 Hektar großen Grundstück, das der jetzige Präsident der Gemeinde geschenkt hat. Ende Mai half die imposant gerundete Präsidentengattin Mehriban bei der Grundsteinlegung zu einem neuen Komplex, der Schule, Waisenhaus und Kulturzentrum beherbergen soll. Auf 20 Millionen Dollar beläuft sich das Projekt, finanziert von den Stiftungen des israelischen Milliardärs Lev Leviev und der des Präsidenten, die Eröffnung ist für April 2008 angesetzt. Spektakuläreres lässt sich kaum berichten und Khanlarov kann nur noch ein wenig unproportional viel von den Rückkehrern erzählen, von den 40 Familien, die angeblich wegen der Nostalgie aus Israel, Russland und Amerika zurückgekommen sind: «Das Leben hier ist nicht so schlecht!» |