«Durch Klarheit zur Wahrheit»

Erstes Schalom Ben-Chorin-Symposium in Zürich

 

Die Jüdische Liberale Gemeinde Or Chadasch in Zürich machte ihrem emeritierten Rabbiner Tovia Ben-Chorin und sich selbst Mitte Juni ein ganz besonderes Geschenk. Anlässlich Ben-Chorins 70. Geburtstag lud Gemeindepräsidentin Nicole Poëll zusammen mit dem Zürcher Lehrhaus zum ersten Schalom Ben-Chorin Gedenksymposium ein: Einerseits in Erinnerung an den von seiner ganzen Familie hoch verehrten Vater, den bekannten Religionsphilosophen und Schriftsteller Schalom Ben-Chorin (München 1913 - Jerusalem 1999), anderseits als großes Dankeschön für die bedeutenden Verdienste von Rabbiner Tovia Ben-Chorin um Or Chadasch und im interreligiösen Dialog. Auf dem Programm standen verschiedene Vorträge, ein Round-Table-Gespräch, eine Lesung von Gedichten und Texten Schalom Ben-Chorins und musikalische Einlagen. Ben-Chorin war 1935 nach seinem Studium der Germanistik und Vergleichenden Religionswissenschaften an der Münchner Ludwigs-Maximilians Universität nach Palästina emigriert und bis 1970 in Israel als Journalist tätig. Er gehörte 1961 zu den Mitgründern der «Arbeitsgemeinschaft Juden und Christen» beim Deutschen Evangelischen Kirchentag und wirkte von 1970 bis 1987 als Dozent und Gastprofessor in Jerusalem, Tübingen und München.

Der 17. Juni war nicht nur eine Hommage an Schalom Ben-Chorin (ursprünglich Fritz Rosenthal), der 1958 mit Har-El die erste liberale Synagogengemeinde Israels in Jerusalem begründet hatte, sondern geriet zum Familienfest gleich dreier Rabbinergenerationen: Im Schabbatgottesdienst, der von den Rabbinern Reuven Bar-Ephraim und Golan Ben-Chorin geleitet wurde und in dem Avital Ben-Chorin predigte, übergaben Adina und Tovia Ben-Chorin die Torarolle an ihren Sohn Golan und segneten den frisch gebackenen Rabbiner. Den Gemeindemitgliedern und Gästen wurde dabei bewusst, dass hier auch drei Generationen alternatives Judentum den Schabbat feierten und dass dies auch für die Familie von Adina Ben-Chorin gilt, der Tochter von Rabbiner Elias Charry, die auch Schwester, Ehefrau und Mutter von Rabbinern und selbst eine geschätzte Lehrerin ist.

Die familiäre Betrachtungsweise kam auch beim mit 130 Teilnehmern sehr gut besuchten Symposium zum Tragen: Avital Ben-Chorin (Jerusalem) sprach über «Schalom Ben-Chorin aus der Sicht seiner Frau», Tovia Ben-Chorin beschrieb ihn aus der Sicht des Sohnes. Aber auch Freunde, Schüler und Wegbegleiter zeichneten aus ihrer ganz persönlichen Perspektive ein Bild von ihm. So unternahm Stefan Schreiner (Tübingen) mit «Von der Vergegnung zur Begegnung. Schalom Ben-Chorins Modell jüdisch-christlichen Verhältnisses - seine Stärken und Schwächen aus heutiger Perspektive» eine kritische Darstellung des Schriftstellers und Philosophen, dessen meist zitierter Satz aus seinem Buch «Bruder Jesus» stammen dürfte: «Der Glaube Jesu einigt uns, aber der Glaube an Jesus trennt uns.» Verena Lenzen (Luzern) setzte sich unter dem Vortragstitel «Schalom Ben-Chorins Werk und seine Bedeutung für den jüdisch-christlichen Dialog» mit dem geistigen Vermächtnis von Ben-Chorin auseinander, den sie als Grenzgänger beschrieb, der sich selbst als Schriftsteller mit theologischen Interessen und publizistischen Methoden bezeichnete und den jüdisch-christlichen Dialog auch als Mittel im Kampf gegen das Heidentum des Nationalsozialismus begriff. Der frühere Or Chadasch-Präsident und Literaturexperte Martin Dreyfus sprach über «Ich muss jetzt viel an Deutschland denken ...» , porträtierte Ben-Chorin als Wegbereiter für die israelisch-deutsche Verständigung und erläuterte an vielen literarischen Beispielen den Einfluss von Stefan George auf Schalom Ben-Chorin, um dann zu einer Lesung aus seinen Gedichten überzuleiten.

Das Symposium machte deutlich, dass Ben-Chorins Werk nach wie vor Impulse für das interreligiöse Gespräch zu geben vermag, aber auch für innerjüdische Debatten von Belang bleibt, so etwa «Jenseits von Orthodoxie und Liberalismus: Versuch über die jüdische Glaubenslage der Gegenwart» (Tel Aviv 1939). Besonders bemerkenswert war auch die Zusammenarbeit mit dem Zürcher Lehrhaus, namentlich mit Hanspeter Ernst und Michael Bollag; das Lehrhaus ist dem Dialog zwischen Juden und Christen und Muslimen verpflichtet und versteht sich als Ort, an dem jüdische, christliche und muslimische Menschen von- und miteinander lernen. Die Beiträge des Zürcher Ben-Chorin-Symposiums sollen in der Reihe «Lamed» des Lehrhauses veröffentlicht werden.

Gideon Wollberg

«Jüdische Zeitung», Juli 2007