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Golem und der achte TagEin frischer Blick auf den alten BundRabbi Zwi Hirsch Aschkenasi (1660-1718) setzte sich einst ernsthaft mit dem Problem auseinander, ob man einen Golem zum Minjan zählen dürfe. Wäre dem so, dann müssten die magisch beseelten Geschöpfe aus Lehm natürlich auch Bar Mitzwa feiern können. Dafür sprächen jüngste Ereignisse: kürzlich wurde ein Golem beschnitten. Die Zeremonie fand am 1. Juni im Centrum Judaicum in Berlin statt. Boris Holz, junger Chirurg und Mohel im Jüdischen Krankenhaus Berlin, legte persönlich Hand an. Es handelte sich aber um einen rein symbolischen Akt mit besonderem Anlass: der «GOLEM», auch «Europäisch-jüdischer Almanach», wurde nach vierjährigem Winterschlaf neubelebt und der Presse vorgestellt. Das dreisprachige Magazin (deutsch, englisch, französisch) widmet sich in diesem Jahr ganz dem Thema Beschneidung. Der alte Bund zwischen dem jüdischen Gott und Abraham schreibt die Beschneidung eines Jungen nach dem achten Tag seiner Geburt vor. Im GOLEM liest man: «Der Mensch wird durch die Brit Mila „heilig", so wie Adam durch den heiligen Odem vom Lehmklumpen zum Menschen wurde.» Hier schließt sich wieder der Kreis zum anderen Golem, dem Fabelwesen, dem in manchen Fassungen die Buchstabenkombination «emeth» (Wahrheit) auf die Stirn geschrieben ist, wie Adam. Im Fall Adams ist es Gott, der Wahrheit als Siegel ausspricht, um sein Werk ein Stück weit zu vollenden. Im Fall der Beschneidung ist es der Mohel oder die Mohelet. Und so heißt es im selben GOLEM-Beitrag («Ledor vador - Von Generation zu Generation») weiter: «Der Bund mit Gott ist in sein Fleisch geschnitten, aber an der Stelle, die ihn mit seiner Frau verbindet. So wird der Bund mit den Frauen und den Männern geschlossen und gehalten.» Nicht immer hat man dem Mohel das hierfür notwendige Vollendungsglück zugetraut, oder dessen Fertigkeit als solche anerkannt. Obwohl erst jüngste medizinische Studien aus den USA verkündeten, dass die Beschneidung das Aids-Risiko erheblich mindere, bleibt das Thema nach wie vor auch in der jüdischen Gemeinschaft zumindest kontrovers. In der Geschichte spielte oft auch die äußere Staatsmacht eine einflussreiche Rolle. So liest man unter einem weiteren Titel des Almanachs («Barbarisch und absonderlich? Zum Diskurs um die Beschneidung im 19. Jahrhundert in Deutschland»), dass in Frankfurt am Main im Jahr 1843 eine Verordnung des Sanitätsamts den alten Brauch zu einer «Ermessenssache der Eltern» erklärte. Dem waren ein Todesfall und einige Unfällen bei Beschneidungen vorangegangen. Auch unter Juden war der Ritus umstritten. Der «Verein der Reformfreunde» wollte die Beschneidung ganz abschaffen. Rabbiner Abraham Geiger, Vordenker des liberalen Judentums, bezeichnete sie zwar privat als «barbarischen und blutigen Akt», hielt aber um der Einheit des Judentums willen an der Tradition fest. Neben historischen Aspekten (ein weiterer Text widmet sich etwa dem Zusammenhang von Beschneidung und Holocaust) behandelt der Almanach mit seinen insgesamt dreizehn Textbeiträgen ein umfangreiches Spektrum alltäglicher Fragen: was durchleben die Eltern in dem entscheidenden Moment des Schnittes? Spricht man über das Thema in Konversionsgruppen? Schaut man sich seine eigene Beschneidung Jahre später gern auf Video an? «Der Jude stirbt seiner Vorhaut hinterher», lautet einer der kleinen zwischengeschobenen Scherzbeiträge (Sprüche, Witze und Anekdoten) - aber wohin kommt eigentlich die Vorhaut nach dem rituellen Akt, dann, wenn sie ihren körperlichen Nutzen nicht mehr erfüllt? GOLEM berichtet dazu von einer Kiste am Eingang der Synagoge eines polnischen Stetls und von einem hoch aufgerichteten Baum im Hof einer Berliner Synagoge. Intensiv wird auch der Frage nach dem Verhältnis der Frauen zur Zeremonie und zum Bund nachgegangen. Mit viel Witz erzählt Ian Kaplow von seiner Frau Mirjam und dem Konflikt, den es mit der Beschneidung ihres gemeinsamen Sohnes Orfeo Isaiah auf sich hatte, nachdem dieser durch einen Kaiserschnitt zur Welt gekommen war: «An eine große feierliche Bris war freilich nicht zu denken, nicht nur, weil Mirjam gerade eine Operation hinter sich hatte, sondern auch, weil sie katholisch ist.» Die Überschrift desselben Beitrags, der Beschneidung in Mischehen behandelt, könnte für sich sprechen: «Halt! Das ist der Penis von meinem Baby!». Aber trotz mütterlicher Bedenken unterstützt Mirjam («meine wunderbare (und fromme) Schickse») die alte Tradition, die im Jüdischen Krankenhaus Berlin vollzogen wird. Die Angst vor «Hozens Klinge» (derselbe Hoz, der die «GOLEM»-Beschneidung vornahm!) teilt sie ganz mit dem Vater («Da kann nichts passieren - außer natürlich all jenen hässlichen Dingen, die der Assistent aufgezählt hatte ... Ich kam mir wie ein Schurke vor.»). Nur gut, dass Hozens Helfer die richtigen Worte findet:«Der Assistent beruhigte uns. Hoz habe ein spezielles Messer aus Israel. Und die Bracha, der erforderliche Segen, sei im Preis enthalten.» Die Zeremonie verläuft vorbildlich. In einem Gastbeitrag begibt sich der Psychoanalytiker Francis Martens auf die Spuren des Beschneidungsfestes Jesus', das die Katholische Kirche 1970 aus dem Kalender strich, obwohl Jesus erst durch seine Beschneidung heilig oder zum symbolischen «Jesus Christus» geworden sei: «Jesus wurde glücklicherweise jüdisch geboren - das heißt der Beschneidung versprochen. Durch diese Markierung entgeht der Körper - zum Zeichen geworden - gerade jeder natürlichen Evidenz.» Aber die jüdische Beschneidung ist keine rein symbolische Angelegenheit. Die «Markierung» hinterlässt jedenfalls ein physisches Merkmal, das per definitionem ohne den natürlichen Körper nicht zu denken ist. Deutlich wird dies nicht zuletzt in einem Portrait der Mohelet Andrea Hahn. Die Ärztin betrachtet die Beschneidung als eine ans direkt Physische gebundene Offenlegung: «Ich verbinde die Beschneidungsnarbe mit einem körperlichen Zeichen von Gott. Man nimmt diese Verletzung bewusst an.» Ob man das auch als Mann so sieht? Zwei anonym bleibende junge Männer, die zum Judentum konvertierten, erzählen dem GOLEM von ihren persönlichen Erfahrungen. Der eine spricht tatsächlich von einem «bewussten Opfer» und beurteilt seinen Bund mit Abraham nach dem unverblümten Kriterium, ab wann man «wieder vollauf funktioniert» - und wie es sich nach dem Eingriff anfühlt: «Am ersten Tag nach der OP hatte ich zehn Erektionen (das vergisst man nicht so schnell) und nach diesen Schmerzen wissen sie jeden Orgasmus zu schätzen. Besonders den ersten - wie beim ersten Mal.» Der andere, derzeit Rabbinatsstudent in den USA, sah während seiner Konversion, dass das Thema Beschneidung auch unter Rabbinern und Mohalim oft tabuisiert wurde. Für seinen späteren Beruf gewann er daraus eine bemerkenswerte Einsicht: «Das ist wahrscheinlich die größte Herausforderung für den spirituellen Berater oder die spirituelle Beraterin: über Sex zu reden und über Gott zu reden.» Der GOLEM-Almanach erzählt eine vielseitige Geschichte zahlreicher Facetten dieses zentralen jüdischen Ritus'. Er gelangt dabei außerdem zu existenziellen Fragen jüdischer Tradition und Identität - sachlich, unterhaltsam, indiskret.Das Magazin in kartoniertem Umschlag und mit anspruchsvollem Layout ist für 5 Euro zu haben. Weitere Informationen unter www.golem-journal.de
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