Idylle am Wetterstein. Foto: Schloss Elmau

Weltjudentum oder Schtetl?

Die 4. «Tarbut»-Konferenz auf Elmau: ein gelungenes Experiment

 

Nach drei erfolgreichen jüdischen Kulturkongressen unter der Ägide der Münchner Buchhändlerin und Literaturexpertin Rachel Salamander und des Historikers Michael Brenner, der seit zehn Jahren den Lehrstuhl für Jüdische Geschichte und Kultur an der Ludwig-Maximilians-Universität München innehat, stand bei der vierten «Tarbut»-Konferenz auf Schloss Elmau im Juni das Thema «Rückkehr der Religion - auch bei uns?» auf dem Programm. «Tarbut» heißt auf Deutsch «Kultur» und impliziert in seiner Wortbedeutung Zuwachs und Vielfalt. Ziel von «Tarbut» ist es, ein kulturelles Forum für innerjüdische Debatten zu schaffen. «Tarbut» versteht sich als unabhängig und religiös wie gesellschaftlich neutral. Gefördert wurde diese Konferenz vom Zentralrat der Juden in Deutschland, der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich, dem Schweizerischen Israelitischen Gemeindebund und dem deutschen Fonds «Erinnerung und Zukunft». Den Veranstaltern war es gelungen, über zwanzig Referenten aus dem Freundes- und Kollegenkreis nach Elmau zu holen, um drei Tage lang auf Podien und in Lernzeiten die Gretchenfrage zu stellen: «Wie hältst du es mit der Religion?»

Den Auftakt machte der orthodoxe Rabbiner Nathan Lopes Cardozo, charismatischer Redner und Begründer eines «Beth Midrasch of Avraham Avinu», der David Cardozo Academy in Jerusalem. In seinem Vortrag «To be a Jew by Choice» rief er mit großer Geste und schönen Worten dazu auf, wie einst Abraham Gott für sich zu entdecken und die eigene jüdische Tradition für sich so gut wie es geht mit Leben zu füllen: innerjüdische Missionsarbeit im besten Sinne. Der Funke sprang aber nicht auf jeden der gut 300 «Tarbut»-Teilnehmer über und manch einem kamen bei Cardozos Vortrag Franz Rosenzweig und Martin Buber in den Sinn. Die beiden haben ebenfalls die Frage nach der Verbindlichkeit der Tora, individueller Gotteserfahrung und grundlegender Orientierung gestellt und dürften uns darin heute auf der Suche nach religiösen Werten in einer säkularisierten Gesellschaft weit näher sein als Cardozos marktschreierische Outreach-Arbeit es ist.

Auf vier Podien wurde dann über «Judentum ohne Gott?», über «Judentum in Bewegung: Übertritte, Mischehen, Chosrei be'tschuwa», «Judentum ohne Geist?» und «Religion as Politics: Jewish and Other Fundamentalisms» diskutiert: eine Herausforderung auch an die Moderatoren. Rachel Salamander etwa bewies, dass ihr die literarische Welt näher ist als die religiöse, als sie eingestand, den Unterschied zwischen «liberal» und «säkular» nicht so recht zu kennen. Awi Blumenfeld nahm zur Verwunderung der Akademiker an seiner Seite eine Engführung des Begriffes «jüdischer Geist» auf «Naschome», die jüdische Seele, vor. Leider wurden zunächst mehr Klischees verfestigt als ausgeräumt. Gegenüber von «orthodox» und «säkular» blieb auf der Strecke, dass es weltweit doch die Liberalen sind, die heute den Großteil des religiösen Judentums ausmachen - es ist Rabbiner Tovia Ben-Chorin zu verdanken, dass auf Elmau deutlich wurde, dass die Erneuerung des Judentums seit zweihundert Jahren zur Erfolgsbilanz der Liberalen zählt. In der Auseinandersetzung mit orthodoxen Wortführern wie Rabbiner Joel Berger, von dem einem allein der kryptische Satz «Ich habe im Leben schon mehr Gänse gehütet als Sie!» in Erinnerung bleibt, zeigte sich vor allem eines: es fehlt uns im Spannungsfeld von Priestern und Propheten, Partikularismus und Universalismus, Schtetl und Weltjudentum an «tarbut hamachloket»,an Streitkultur. Ratlosigkeit überwog zunächst, und die Schriftstellerin Barbara Honigmann befand augenzwinkernd, dass «wir doch eigentlich nur ein schönes Wochenende auf Elmau verbringen und über Religion schwatzen wollen.»

Was es mit «Glauben» und «Emuna» im Judentum eigentlich auf sich hat, blieb lange unklar, bis schließlich mit Yehuda Bauer (Jerusalem)sich ausgerechnet ein Verfechter des säkularen Judentums dieser Begriffe annahm. Die Lernzeit mit ihm zum Thema «Judentum als Kultur in der heutigen Weltkrise» wurde zum schabbatlichen Publikumsmagneten. Die orthodoxen Vertreter, allen voran der Rabbiner Steven Langnas, traten den Schabbat über vor allem als Koscherwächter in Erscheinung, von denen sich viele Tagungsteilnehmer drangsaliert fühlten. Wäre aber vorab bekannt gewesen, dass einen auf Elmau ein glattkoscheres Wochenende erwartet, so hätte man sich auf diese Beschränkungen einstellen und sie womöglich in Frage stellen können. Auch wenn die Veranstalter es dezidiert verneinten, dass man sich bei dieser vierten «Tarbut»-Konferenz aus politischen Gründen für den Schulterschluss mit der Orthodoxie und gegen eine repräsentative Beteiligung liberaler und konservativer Referenten entschieden habe: der Beigeschmack von Parteilichkeit auf Grund persönlicher wie beruflicher Nähe zur Münchner Kultusgemeinde blieb bestehen und einige Zürcher Damen befanden ob dieser Bindung treffend: «Das geht auf den Sechel».

Auch wenn die Wellen manches Mal hoch schlugen: heiße Eisen wurden gar nicht erst angefasst. Zwar war immer wieder von Chabad Lubawitsch als «Rattenfängern» die Rede, doch wie man ihnen im Gemeindealltag in Deutschland begegnen soll, blieb offen. Bei der Frage nach der Rückkehr der Religion wurde auf Bodenhaftung,Praxisbezug und konkrete Beispiele weitgehend verzichtet. Kaum ein Wort davon, welche Konkurrenz Chabad Lubawitsch für die orthodoxen Gemeinderabbiner in München, Dresden und Berlin darstellt, keine Rede davon, dass die «Union progressiver Juden» seit zehn Jahren aus eigener Kraft zur Erneuerung jüdischen Lebens beiträgt. Dass niemand aus dem Kreis der russischsprachigen Zuwanderer auf einem Podium saß, fiel auf, dass niemand die Frage stellte, welches Formen jüdischer Religiösität diesen Zuwanderern in Deutschland vermittelt werden und in welche religiöse Tradition sie sich stellen, gibt zu denken. Praktische Anregungen für diese Outreach-Arbeit bieten etwa das «Kiruv»-Programm der Ronald S. Lauder Foundation oder die Rabbinerausbildung am Abraham Geiger Kolleg, beides vom Zentralrat der Juden in Deutschland gefördert. Und doch: bei allen Verstimmungen und unerfüllten Erwartungen erwies sich dieser Kulturkongress zur Religion als großartiger Erfolg. Wo sonst treffen Orthodoxe auf Liberale, wann verbringen Mitglieder von Agudass Achim und Bnei Akiba einen Schabbat zusammen mit säkularen Juden? In der Schweiz ist so etwas nicht denkbar, in Deutschland ansonsten vielleicht nur bei «Limmud» vorstellbar. Spätestens bei der Abschlussrunde mit Kantor Marcel Lang lösten sich alle Differenzen in Harmonie auf. Seine Melodien, in denen sich Religion und Kultur verbinden, erwiesen sich als gemeinsame Grundlage jüdischen Empfindens. Kurzum: «Tarbut» muss weitergehen und uns zeigen, wie «Christ-Juden, Nationaljuden, Religionsjuden, Abwehrjuden, Sentimentalitätsjuden, Pietätsjuden, kurzum Bindestrich-Juden», so Franz Rosenzweig, «ohne Lebensgefahr für sie und das Judentum wieder Juden werden können.» Hoffen wir, dass Michael Brenner und Rachel Salamander sich auch nächste Jahr wieder auf dieses Experiment einlassen.

Gideon Wollberg

«Jüdische Zeitung», Juli 2007