Maimonides-Denkmal Foto: H. Bomhoff

Wöchentliche Toralesungen

 

Über den Umgang mit Eifer

Sidra Pinchas
Samstag, den 7. Juli 2007
den 21. Tammus 5767
Toralesung: Num 25:10-30:1
Haftara: 1. Melachim 18:46-19:21

 

Der Beginn unseres Abschnittes schließt die Geschichte von Bileams böswilligen Versuchen, die Israel in den Augen des Ewigen diskreditieren sollten, ab. Sie sollten dazu verführt werden, unmoralische Taten zu begehen. Der Hintergrund zu dieser Geschichte wird im folgenden Auszug aus dem Talmud (Sanhedrin 106a) dargestellt, der das Thema diskutiert: «Bileam sagte zu ihnen: Ihr Gott verabscheut Unmoral. Die Israeliten sehnen sich nach Leinengewändern. Ich will euch einen Rat geben. Stellt Stände auf und verkauft ihnen Leinen [...] Wenn die Israeliten essen, trinken, sich vergnügen und am Markt spazieren gehen, wird sie zu ihm sagen: Du bist wie einer aus der Familie, setze dich und wähle! Kalebassen mit ammonitischem Wein standen neben ihr ... Sie sagte zu ihm: Willst du einen Becher Wein trinken? Sobald er einen Becher getrunken hatte, entbrannte in ihm die böse Neigung und er sagte zu ihr: Gib dich mir hin! Dann nahm sie ihr Götzenbild heraus und sagte zu ihm: Verehre es! Er sagte zu ihr: Bin ich nicht ein Jude? Sie sagte zu ihm: Was kümmert es dich? ... Ich werde mich dir nicht hingeben, solange du nicht das Gesetz Moses', deines Lehrers, zurückgewiesen hast, wie es heißt (Hosea 9, 10): Sie kamen nach Baal-Peor und weihten sich der Schande und wurden mir ein Greuel wie ihr Buhle.»

Am Schluss der vorhergehenden Sidra wird erzählt, wie Pinchas in die Bresche stieg, um den Zorn Gottes abzuwehren. In seinem Eifer für seinen Gott erschlug er einen Mann im Antrieb eines Augenblicks, ohne Prozess, ohne eine Warnung auszusprechen, ohne einen Zeugen gehört zu haben und in Herausforderung aller Prozeduren juristischer Untersuchung, wie sie von der Tora beschrieben werden. Durch seine Tat nahm er das Gesetz in die eigene Hand und schuf einen Präzedenzfall von sozialer, moralischer und erzieherischer Tragweite. Aber, wie kommentiert die Tora seine Tat? «Und der Ewige redete zu Moscheh also: Pinchas, Sohn Elasar, Sohnes Aharons, des Priesters, hat meinen Grimm abgewendet von den Kindern Israel, indem er eiferte an meiner Statt unter ihnen, dass ich nicht aufrieb die Kinder Israel in meinem Eifer.»

Es klingt seltsam, dass für eine solche Tat eine solche Belohnung beschrieben wird. Die Weisen des Jerusalemer Talmud stellen fest, Pinchas' Tat fand nicht die Zustimmung der religiösen Führer seiner Zeit, das heißt von Moses und den Ältesten. Einer von ihnen geht so weit, zu sagen, dass sie ihn ausstoßen wollten, wäre nicht der Heilige Geist dazwischen gesprungen und hätte erklärt: «Und es sei ihm und seinem Samen nach ihm der Bund eines ewigen Priestertums; dafür, dass er geeifert hat für seinen Gott, und gesühnt hat die Kinder Israel.» (Num 25:13).

Rabbiner Kook erklärt: «Jeder Weise, der für seine Frömmigkeit und sein Lernen ausgezeichnet ist, kann Gebete formulieren, die den Geist von Gnade und Liebe atmen. Aber ein solches Gebet, voller Hass und Verdammung, erweckt auf Seiten des Autors die privaten Gefühle von Animosität und Trotz gegen die Feinde und Verfolger seines Volkes. So ein Gebet muss daher von jemandem stammen, der für seinen heiligen und reinen Charakter bekannt ist und der den Hass nicht kennt. Ein solcher Mensch war Samuel HaKatan. Man konnte sicher sein, dass er von gänzlich selbstlosen Überlegungen beherrscht war und inspiriert von den reinsten Motiven. Er hatte aus seinem Herzen alle privaten Gefühle von Hass gegen die Verfolger seines Volkes verbannt.»

Jetzt ist es vielleicht leichter, den Zusammenhang zwischen Pinchas' Tat - wie schrecklich sie auch war - und der von Gott beschriebenen Belohnung zu sehen: «Siehe, ich gebe ihm meinen Bund des Friedens.» (Num 25:12) Der Neziw (Naftali Zwi Jehuda Berlin) drückte diese Idee so aus: «Als Belohnung, dass er den Zorn des Ewigen, gepriesen sei Er, abgewandt hatte, segnete Er ihn mit Frieden, damit er nicht jähzornig sei. Da es nur natürlich ist, da eine solche Tat, wie sie Pinchas beging, eine intensive emotionale Unruhe hinterlässt, war der göttliche Segen eine Hilfe für den Umgang mit der Situation und versprach der Seele Ruhe und Frieden.»

 

Von Bileams Ende und dem Gebot, in Eretz Israel zu wohnen

Sidrot Matot-Massej
Samstag, den 14. Juli 2007
den 28. Tammus 5757
Toralesung:
Num 30:2-36:13
Haftara: Jirmejahu 1:1-28; 3:4

 

«Siehe, sie waren den Kindern Israel auf den Rat Bileams zur Verleitung zum Treubruch am Ewigen wegen Peor, und es kam das Sterben über die Gemeinde des Ewigen.» (Num 31:16) Hier nennt die Tora zum ersten Mal einen Mann namens Bileam als Initiator des Komplotts, das die Israeliten zur Sünde in Baal Peor veranlasste. Während der gesamten Erzählung wird Bileams Einfluss auf die Tat nicht erwähnt. Im Gegenteil: «Und das Volk fing an zu buhlen mit den Töchtern Moabs.» (Num 25:1)

Wir sahen, wie der Ewige den Israeliten wegen ihrer Abtrünnigkeit zürnte, wie er ihnen befahl, die Midjaniter für ihre Komplizenschaft in der Tat von Baal Peor zu plagen. Aber auf Bileams Anteil wird nicht angespielt. Luzzatto kommentiert diese Unterlassung so: «Auf seinem Weg nach Hause kam Bileam durch Midian und erfuhr, wie die Israeliten mit den Töchtern Moabs gebuhlt hatten und zur Götzenanbetung veranlasst worden waren. Da erkannte er, dass dies die einzige Methode war, um die Israeliten zu unterminieren. Daher riet er den Midianitern, ausgesuchte Mädchen zu schicken, um die Israeliten zur Götzendienerei zu verführen. So würden sie den Schutz des Ewigen verlieren.» Die Frage, warum Bileams Anteil an der Angelegenheit von Peor nicht sofort berichtet wurde, bleibt unbeantwortet. Wie wir an anderer Stelle bemerkten, lässt die Tora oft wichtige Details in der Erzählung aus, um später darauf anzuspielen. Die Tora berichtet Angelegenheiten in ihrem ursprünglichen Zusammenhang kurz, nur um sie später breiter zu behandeln.

Wir wählen zwei andere Beispiele von den vielen, die es davon in den Schriften gibt, aus. In der Geschichte von Jakob und Laban (Genesis 31, 36-42) erzählt Jakob Einzelheiten der Arbeitsbedingungen und der Ausbeutung durch Laban erst ganz zum Schluss. In den Kapiteln 29 und 30 wird die Zeit beschrieben, die Jakob für Laban arbeitete. Die Erzählung erwähnt nicht, unter welchen Bedingungen Jakob arbeitete und wie Laban seinen Lohn zehn Mal änderte. Erst als Jakob Padan Aram verlassen hatte und Laban ihn einholte, erhalten wir eine genaue Schilderung dieser Bedingungen in Jakobs Ausbruch gerechter Entrüstung. Diese Details ergänzen, was in unserem früheren vagen Bild von Jakobs Beziehungen mit Laban fehlte. Warum lässt die Tora in einem Kontext Details aus und erwähnt sie später? Die Erklärung in diesen beiden Beispielen ist nicht schwer zu entdecken. Die Erzählung schweigt, solange Jakob schweigt und seiner Entrüstung Herr war, die ganze Zeit, die er für Laban arbeitete. Aber nach zwanzig Jahren Ausbeutung machte sich Jakob Luft und berichtete alles, was er während der Zeit für sich behalten hatte. Wären uns diese Einzelheiten chronologisch berichtet worden, hätten sie uns auch so tief berührt?

Versuchen wir nun zu verstehen, warum die Tora nicht erwähnte, dass Bileam in die Angelegenheit von Baal Peor verwickelt war. Erst nach seinem Tod durch die Hand der Israeliten erfahren wir davon. Warum wurde Bileams Verantwortung dafür nicht im Zusammenhang mit dieser Geschichte berichtet? Offensichtlich wollte uns die Tora etwas lehren: Obwohl es Bileam war, der die Töchter Midjans anstiftete, die Reinheit des jüdischen Familienlebens zu untergraben, obwohl er das böse Genie war, das sich diesen Plan ausdachte, lag die moralische Verantwortung letztlich auf den Israeliten. Sie waren schuldig:

«Und das Volk fing an zu buhlen mit den Töchtern Moabs.» (Num 25:1) Die Erzählung berichtet nur die Sünde der Israeliten und ihre Vergeltung. Jeder Mensch ist für seine Handlungen verantwortlich. Provokation befreit das Opfer nicht von der Verantwortung.

«Die Worte des Herrn (Gott) und die Worte des Schülers - wessen Worten haben wir zu gehorchen?» Die erste Loyalität des Menschen gilt dem moralischen Gesetz, Gott. Das bedeutet aber nicht, dass der Provokateur, der Verführer zur Unmoral ohne Verantwortung ist. Als daher auf die Vergeltung, der Bileam anheimfällt, angespielt wird - als er in der Schlacht von den Israeliten erschlagen wird, «Und auch Bileam, Sohn Beor, erschlugen sie mit dem Schwerte» (Num 31: 8) finden wir auch eine Anspielung auf seine Komplizenschaft in der Sünde, die Israel beging: «Siehe, sie waren den Kindern Israel auf den Rat Bileams zur Verleitung zum Treubruch am Ewigen wegen Peor, und es kam das Sterben über die Gemeinde des Ewigen.» (Num 31:16) z

 

Sidra Massej

«Und der Ewige redete zu Moscheh in den Steppen Moab am Jordan von Jericho und sprach: „So ihr hinüberziehet über den Jordan ins Land Kanaan, so sollt ihr austreiben alle Bewohner des Landes vor euch, und sollt vernichten all ihre Bildsäulen, und all ihre Bilder von Gusswerk sollt ihr vernichten, und all ihre Höhen sollt ihr zerstören. Und ihr sollt austreiben die Bewohner des Landes und sollt darin wohnen, denn euch habe ich das Land gegeben, es zu besitzen."» (Num 33:50-53) Diese Passage, die mit den Worten: «So ihr hinüberziehet über den Jordan...» beginnt, gehört zu einer Kategorie von biblischen Feststellungen, die ziemlich häufig anderswo auftauchen, vor allem im Buch Deuteronomium. Sie sind alle damit gekennzeichnet, dass sie die Vorschrift davon abhängig machen, dass die Kinder Israels das Heilige Land bewohnen. Daher haben wir: «Wenn du kommst in das Land, das der Ewige, dein Gott, dir gibt ...» (Dtn 17:14; 26:1) und «Und es wird geschehen, wenn dich der Ewige, dein Gott, bringt in das Land, wohin du gehest, es einzunehmen» (Dtn 11:29). In Leviticus 19: 23 finden wir: «Und so ihr in das Land kommet ...»

In solchen Fällen ist es nicht immer klar, wo der Konditionalsatz «Wenn du kommst» endet und der Hauptsatz, der das Gebot, in das Land zu gehen, fortsetzt, beginnt. Der Grund dafür ist eine grammatikalische Zweideutigkeit, die der hebräischen Sprache eigen ist: die Benutzung des «waw» bei der Verbindung von zwei Sätzen. Es kann einfach die Fortsetzung des Konditionalsatzes anzeigen: «Wenn dies und das geschieht, dann ..» oder den Beginn des Haupt- oder Ausführungssatzes: «Wenn dies geschieht, dann beobachte dies oder jenes Gebot.» In unserem Zusammenhang wird es nach einem näheren Studium klar, dass der Konditionalsatz mit Vers 51 endet (mit den Worten «ins Land Kanaan»). Das Gebot, welches die Israeliten danach einhalten sollen, beginnt mit dem Satz «so sollt ihr austreiben alle Bewohner des Landes vor euch.»

In den Versen, mit denen wir das Kapitel einführten, kommt zweimal die Phrase «we-horaschtem» - «und ihr sollt austreiben» vor. Oberflächlich gesehen scheint es, dass Vers 53 nur eine Wiederholung von Vers 52 darstellt. Aber in Vers 52 heißt es: «So sollt ihr austreiben alle Bewohner des Landes vor euch». In 53 lesen wir jedoch: «Und ihr sollt austreiben die Bewohner des Landes und sollt darin wohnen, ..., es zu besitzen.» Raschi nimmt das zweite «we-horaschtem», um eher eine Bedingung für die folgende Besiedlung zu geben als ein Gebot: «„Es zu besitzen" - nehmt es von den Bewohnern in Besitz, dann „sollt ihr darin wohnen" - dort in Sicherheit leben. Sonst werdet ihr dort nicht leben können.»

«We-horaschtem» impliziert für Nachmanides nicht «Vertreibung, Enteignung» der armen Einwohner, wie es Raschi erklärt, sondern eher das «Erben» väterlichen Erbgutes. Die Betonung liegt nicht auf dem Sicherheitsproblem, sondern auf der Übernahme des göttlichen Erbes: «Er gab es ihnen, und sie sollten das Erbe des Ewigen nicht zurückweisen.» So wie ein Jude nicht die moralische Freiheit besitzt, mit seinem Leben zu tun, was ihm gefällt, sondern die Pflicht hat, es zu bewahren, so kann er nicht wohnen, wo immer er will. Der Ort, an dem er seine Gottesgabe, sein Leben, verbringen soll, ist ihm vorgeschrieben. Sollte ein Jude imperialistische Wünsche hegen und erobern, sagen wir «Schinar» oder «Assyrien», und nicht das Gelobte Land, welches seinem Volk bestimmt ist, dann verletzt er Gottes Wille.

Nachmanides skizziert die Pflicht der Besiedlung des Landes Israel lang und breit in seiner Kritik an Maimonides' «Sefer ha-mitzwot» (Buch der Vorschriften), in der er sich mit den Punkten auseinandersetzt, in denen sich seine Methode, die 613 Gebote des Judentums zu zählen, von Maimonides unterscheidet. In diesem Fall tadelt er Maimonides, da dieser die Pflicht, Eretz Israel zu bewohnen, nicht als eigenes Gebot betrachtete. Maimonides beschäftigt sich in grossen Teilen seines Werkes mit der obersten und unentbehrlichen Wichtigkeit von Eretz Israel, spezifiert aber dessen Bewohnung nicht als eines der 613 Gebote der Tora. Nachmanides: «Die Mitzwa gilt für alle Zeiten, sogar während des Exils, wie es an vielen Stellen im Talmud bezeugt wird. Zum Beispiel: „Es geschah, dass R. Judah ben Batira und R. Matya ben Harasch und R. Chanina, der Neffe von R. Josua und R. Jochanan eine Reise in die Diaspora unternahmen. Als sie nach Palatium kamen (einem Ort außerhalb von Eretz Israel) erinnerten sie sich an Eretz Israel und ihre Augen füllten sich mit Tränen. Sie zerrissen ihre Gewänder und wandten auf sich selbst folgenden Vers an: Ihr sollt es besitzen und darin wohnen. Daher kehrten sie um und gingen nach Hause. Sie sagten: In Eretz Israel zu wohnen hat das gleiche Gewicht wie alle anderen Mitzwot der Tora."»

Mit anderen Worten, die Tora kann nur in einer von ihren Vorschriften beherrschten Gesellschaft vollständig eingehalten werden, nicht in einem fremden Rahmen, der von anderen Idealen regiert wird. Zugegeben, es gibt persönliche religiöse Verpflichtungen, die überall eingehalten werden können, sogar von einem jüdischen Robinson Crusoe auf einer einsamen Insel, aber die Tora als Gesamtheit verkörpert eine soziale Ordnung, ein judizielles, nationales, wirtschaftliches und politisches Leben. Das kann nur im Heiligen Land erreicht werden und nicht außerhalb. Die Vorschrift, die uns befiehlt, Eretz Israel zu erobern und zu unserem ständigen Wohnsitz zu machen: «Ihr sollt das Land besitzen und darin wohnen», hat einen guten Grund: «Denn euch habe ich das Land gegeben, es zu besitzen.» (Num 33:53)

 

Richtet mit Gerechtigkeit!

Sidra Dewarim
Samstag, den 21. Juli 2007
den 6. Aw 5767 (Schabbat Chason)
Toralesung: Dtn 1:1-3:22
Haftara: Jeschajahu 1:1-27

 

In dieser Sidra rekapituliert Moses in seiner Rede an die Kinder Israel die Geschichte der Wanderungen ihrer Väter. Er beginnt mit dem Augenblick, 38 Jahre vorher, als ihre Eltern an der Schwelle des Gelobten Landes standen, das sie wegen ihres Fehlverhaltens verwirkt hatten. Moses beschreibt, wie er die Kinder Israel damals auf das Betreten des Landes vorbereitet hatte, indem er Führer und Offiziere ernannt hatte. Hier die Botschaft, die er ihren Richtern gab: «Und ich gebot euren Richtern in selbiger Zeit also: Verhöret eure Brüder, und richtet mit Gerechtigkeit zwischen einem Manne und seinem Bruder und seinem Fremdling. Ihr sollt kein Ansehen erkennen im Gericht; wie den Kleinen, so den Grossen sollt ihr hören. Fürchtet euch vor niemand, denn das Gericht ist des Ewigen.» (Dtn 1:16 - 17)

Neben der allgemeinen Vorschrift, gerecht zu handeln, werden viele detaillierte Regeln der rechtlichen Prozedur von jedem Wort und jedem Satz dieses Textes abgeleitet. Im ersten Vers sind das Wort «verhöret» und die ungewöhnliche adverbielle Qualifikation «zwischen» Gegenstand der Exegese.«Rabbi Chanina sagte: „Dies beinhaltet die Ermahnung des Gerichtes, nicht die eine Streitpartei zu hören, bevor die andere angekommen ist, und die Ermahnung an die Streitpartei, ihre Sache nicht dem Gericht vorzulegen, bevor der Gegner ankommt. Wende den Text: ‚Richtet mit Gerechtigkeit zwischen einem Manne und seinem Bruder' an."» (Talmud, Sanhedrin 7b) Das Hören einer Partei in der Abwesenheit der anderen könnte Parteilichkeit hervorrufen, denn der eine kann den Eindruck, den der andere erweckt, nicht korrigieren. Aber auch wenn beide anwesend sind, gibt es immer noch Gefahren, die im Interesse der Gerechtigkeit vermieden werden müssen. Auch dies kann von der Formulierung des Textes abgeleitet werden, wie der Autor von «Or HaChaim» feststellt: «Warum sagt uns der Text, die Sache zwischen Brüdern zu hören? Sicher, ohne sie zu hören, gibt es keine Sache! Warum wird hier die ungewöhnliche Infinitv Form „Schamoa" (Verhöre) benutzt statt des Imperativs „Schim'u"? Der Hinweis besteht darin, dass die Richter geduldig sein sollen und sie zur Gänze hören müssen. Wenn eine Partei mehr Beweise oder Argumente bringen möchte, dürfen ihn die Richter nicht abkürzen, sondern die Befragung fortsetzen. Weiter, falls der Fall ermüdend oder langwierig ist, sollten ihn die Richter nicht zu lange vertagen, sondern zu Ende hören, ohne Unterbrechung. Die Tora verhindert hier die Ungerechtigkeit langwieriger rechtlicher Prozeduren und fordert rasche Gerechtigkeit.

Derselbe Text lehrt den Richter auch, zwischen den Worten der Streitparteien zu lesen, um zur Wahrheit zu gelangen. Obwohl die Beweise und Argumente des einen oberflächlich entscheidend erscheinen können, sollte er sein eigenes Urteilsvermögen nutzen, wenn er fühlt, sie sind nicht im guten Glauben. „Richtet mit Gerechtigkeit zwischen einem Manne und seinem Bruder" beinhaltet, dass er jeder Nuance ihrer Äußerungen Beachtung schenken muss. Dies alles findet vor Gericht zwischen ihnen statt, wenn sie zur Wahrheit gelangen.»

Das Wort «Verhöre» wird im Sinn von «Beachte», «Begreife» verstanden. Die Gleichbehandlung beider Streitparteien wird vom Wort «zwischen» abgeleitet. Die Forderung, beiden Parteien gleiche Behandlung zukommen zu lassen, erscheint in allen vier Bibelstellen, die sich mit juristischen Angelegenheiten befassen: Ex 23: 6 - 3; Lev 19:15; Dtn 16:19. Unsere Weisen lehrten uns, keinen Text der Tora als bloße Wiederholung aufzufassen. Sie bringen für uns die separate und exklusive Botschaft eines jeden Wortes und Satzes ans Tageslicht. [...] So ist die Tora nicht darauf bedacht, den Schwachen zu schützen, sondern die Gerechtigkeit aufrecht zu erhalten, wie es am Schluss der Sidra heißt: «Denn das Gericht ist des Ewigen». Einen Hinweis auf diese kryptische Äußerung findet sich in den Worten Jehosaphats, des Königs von Juda, an seine Richter: «Seht zu, was ihr tut! Denn nicht für Menschen, sondern für den Ewigen richtet ihr. Er ist bei euch in den Rechtsangelegenheiten. Nun sei der Schrecken des Ewigen über euch! Denn bei dem Ewigen, unserem Gotte, gibt es keine Ungerechtigkeit, Parteilichkeit und Annahme von Geschenken.» (2 Chronik 19:6 - 7)

Raschis Kommentar zur Chronik erklärt die Bedeutung wie folgt: «Sage nicht: „Welchen Unterschied macht es, wenn wir mit unseren Freunden parteilich sind oder das Recht des Armen beugen und den Reichen begünstigen?" Sicher ist das Gericht nicht Gottes Gericht. Daher heißt es „für den Ewigen". Wenn du den Unschuldigen beschuldigst, ist es, als hättest du den Ewigen beraubt und das Gericht des Himmels pervertiert. Daher: „Seht zu, was ihr tut! Denn nicht für Menschen, sondern für den Ewigen richtet ihr." Vielleicht argumentierst du dann, warum soll ich alle Verantwortung auf mich nehmen und leiden, wenn ich einen Fehler mache? Der Text fügt hinzu: „Er ist bei euch in den Rechtsangelegenheiten."

Mit anderen Worten, es ist deine Pflicht, aufgrund der dir vorgelegten Fakten zu urteilen.» Die Verwaltung der Gerechtigkeit ist eine göttliche Angelegenheit, die der Ewige den Menschen anvertraut hat. Es ist eine Pflicht und ein Privileg.

 

Und du sollst tun, was recht und gut ist

Sidra Wa'etchanan
Sonnabend, den 28. Juli 2007
den 13. Tamus 5767
(Schabbat Nechamu)
Toralesung: Dtn 3:23-7:11
Haftara: Jeschajahu 40:1-26

Die Grundsätze des Judentums - Verbot des Götzendienstes, die Prinzipien der Einheit Gottes, seiner Liebe und der Ehrfurcht vor ihm, die Zehn Gebote, die Pflicht des Torastudiums - werden alle in unserer Sidra ehrenvoll erwähnt. Sie betont auch konstant die Verpflichtung, alle Vorschriften der Tora treu zu erfüllen. Zuerst: «Und nun, Israel, höre auf die Satzungen und Vorschriften, die ich euch lehre zu tun.» (4:1) «Siehe, ich habe euch gelehrt Satzungen und Vorschriften ... also zu tun inmitten des Landes, wohin ihr kommet, es einzunehmen.» (4:5) Danach abermals, als abschließender Refrain der Erzählung der Übergabe der Tora:

«Und seid bedacht zu tun, wie der Ewige, euer Gott, euch geboten; nicht weichet rechts, noch links.» (5: 29) Nach diesen zahlreichen Ermahnungen, die Gebote, Statuten und Urteile im täglichen Leben zu praktizieren, ruft uns die Tora nochmals auf: «Beobachten sollt ihr die Gebote des Ewigen, eures Gottes, und seine Zeugnisse und seine Satzungen, die er dir geboten; Und du sollst tun, was recht und gut in den Augen des Ewigen.» (6:17 - 18)

Die Frage, die uns augenblicklich in den Sinn kommt, lautet: Diese Ermahnung, zu tun, was recht und gut, ist bereits Teil aller Vorschriften der Tora. Jemand, der alle positiven und negativen Vorschriften der Tora beobachtet, erfüllt ipso facto die Ermahnung, zu tun, «was recht und gut in den Augen des Ewigen»! Welche neue Verpflichtung enthält dann diese Ermahnung? Oder ist sie vielleicht nur eine Zusammenfassung dessen, was zuvor gesagt wurde? Wir müssen selbstverständlich annehmen, dass die Tora Vorschriften nicht wiederholt um der rhetorischen Wirksamkeit willen. Daher müssen wir den speziellen Beitrag suchen, den dieser Vers zum Ganzen leistet, einen Beitrag, den wir aus keinem anderen Diktum der Tora ableiten können. Raschi und Ramban erklären beide, dieser Vers enthalte eine weitere göttliche Vorschrift, die nicht in dem vorher aufgezeichneten enthalten ist:«Was recht und gut in den Augen des Ewigen» - dies impliziert einen Kompromiss jenseits des Buchstabens des Gesetzes. (Raschi)

Ramban, der Raschi dieses Mal zustimmt, arbeitet seine Erklärung dieser Art aus. Die Idee hinter dieser Vorschrift ist folgende: Am Anfang gebot Er uns «seine Zeugnisse und seine Satzungen, die er dir geboten» zu beobachten. Jetzt fügt Er hinzu, zu tun, was recht und gut in Seinen Augen, auch in jenen Dingen, auf die sich kein spezielles göttliches Gebot bezieht, da Er liebt, was recht und gut. Dies ist ein sehr wichtiges Prinzip, da es unmöglich ist, jedes Detail menschlichen Verhaltens in der Tora aufzuzeichnen, die Beziehungen der Menschen mit den Nachbarn und Freunden, geschäftliche Angelegenheiten, nationale und lokale Wohlfahrt. Aber nachdem Er sich auf viele Aspekte bezogen hat - «kein falsches Zeugnis reden», «nicht Rache üben», «nicht das Blut des Nächsten vergießen», et cetera - wird eine allgemeine Vorschrift hinzugefügt, immer zu tun, was recht und gut, wenn es in einem Rechtsstreit notwendig ist, einen Kompromiss zu akzeptieren und über den Buchstaben des Gesetzes hinauszugehen. Die Worte des Ramban werden klarer, wenn wir sie mit einer anderen Vorschrift der Tora vergleichen, die das edelste Prinzip des göttlich gebotenen Verhaltens ausdrückt:«Rede zu der ganzen Gemeinde der Kinder Israel und sprich zu ihnen: Heilig sollt ihr sein, denn heilig bin ich, der Ewige, euer Gott.» (Lev 19:2)

Aber eine Frage bleibt immer noch: Jemand, der alle Vorschriften der Tora erfüllt, erfüllt ebenso das höchste Prinzip der Heiligkeit, das im vorigen Vers ausgedrückt wird. Heiligkeit und Gerechtigkeit sind die logischen Begleiterscheinungen der vollständigen Beobachtung der göttlichen Vorschriften. Ist es vorstellbar, dass jemand, der alle moralischen und rituellen Gebote der Tora loyal erfüllt, den Standard der Heiligkeit und Aufrichtigkeit, der in den bereits erwähnten Vorschriften «Heilig sollt ihr sein» und «Du sollst tun, was recht und gut ist» enthalten ist, nicht erreicht? Gemäß Ramban ist ein solcher Status durchaus vorstellbar. Er kommentiert die Verse aus Leviticus und stellt dazu fest: «Halte dich fern von Unmoral ... wo immer du Schutzvorrichtungen gegen Unmoral findest, findest du Heiligkeit.»

Dies ist Raschis Interpretation, aber talmudischer Kommentar zum selben Text limitiert sich auf den folgenden allgemeinen Satz: «Du sollst dich fernhalten.» Meiner Meinung nach bezieht sich das Fernhalten hier nicht bloß auf das Abstandnehmen von Unmoral, wie Raschi behauptet, sondern eher auf das Fernhalten, auf das sich der Talmud bezieht, auf die Praktiken, die «peruschim» (asketisch) genannt werden. Da uns die Tora vor Unmoral und verbotenen Speisen warnt, aber eheliche Beziehungen und das Genießen von Fleisch und Wein erlaubt, könnte ein maßloser Mensch diese Erlässe missbrauchen, sich sexuellen Beziehungen und Essen und Trinken übertrieben hingeben und gemeinsam mit allen Narren behaupten, dies sei von der Tora nicht speziell verboten. So jemand wäre ein von der Tora autorisierter Narr («naval bi-reschut ha-Tora»). Daher fügt die Tora zu ihrer Liste expliziter Verbote und Vorschriften eine allgemeine Mahnung hinzu, heilig zu sein, sich selbst durch Minimierung der Hingabe zu erlaubten Vergnügen, Essen, Trinken und Geschlechtsverkehr, zu heiligen. Der asketische Nasiräer wird von der Tora «heilig» genannt. Ähnlich sollte sich jeder Mensch selbst heiligen, bis er ein höheres Niveau von Heiligkeit und Abstand erreicht hat, wie es von R. Chija heisst, er habe sich niemals nutzloser Konversationen hingegeben.

Hier zeigt uns Ramban, wie es für jemanden möglich ist, sich an den Buchstaben der Tora zu halten und trotzdem ihren Geist zu verletzen, ein von der Tora autorisierter Narr zu werden. Im täglichen Leben gibt es oft Situationen, auf die keine direkte und explizite Vorschrift der Tora anwendbar ist. Aber wir sind aufgerufen, unter diesen Umständen in Übereinstimmung mit dem allgemeinen Prinzip der Heiligkeit und Gerechtigkeit zu handeln. Dies ist der Sinn der beiden Ermahnungen «Heilig sollt ihr sein» und «Du sollst tun, was recht und gut ist». Wir können bemerken, dass Ramban zuerst seine Beispiele auf Vorschriften zur Beziehung zwischen dem Menschen und seinem Schöpfer begrenzt und dann auf die Beziehungen der Menschen untereinander. Unsere Weisen erklärten die Verse unseres Abschnittes als Bezug auf die Beziehungen der Menschen untereinander. Der Mensch ist aufgerufen, nicht immer auf seinen Rechten zu beharren, sondern im Interesse einer höheren Moral einen Kompromiss zu akzeptieren. Wir zitieren hier ein lehrreiches Beispiel einer Anwendung dieser göttlichen Ermahnung in der praktischen Heiligkeit unseres täglichen Lebens:«Rabbah bar Chanas Träger zerbrachen seine Weinkrüge (die Gemara erklärt, der Vertag machte die Träger für den Schaden verantwortlich). Er nahm ihre Mäntel (als Pfand der Kompensation, die sie zahlen mussten). Die Träger kamen zu Rav und trugen ihren Fall vor. Rav sagte zu ihm: „Gib ihnen ihre Mäntel zurück." Bar Chana erwiderte: „Ist das das Gesetz!?" Rav antwortete: „Ja, damit du einhaltest den Pfad der Gerechten" (Sprüche 2: 20). So gab er ihnen die Mäntel zurück. Die Träger sagten dann zu ihm: „Wir sind arm und haben den ganzen Tag schwer gearbeitet, wir sind hungrig und haben nichts." Rav sagte zu ihm: „Geh, und zahle ihnen ihren Lohn." Rabbah Chana fragte: „Ist das das Gesetz!?" Rav erwiderte: „Ja! Halte ein der Gerechten Pfade" (Sprüche 2: 20).» (Baba Mezia 83a)

Ein weiteres Beispiel für die höchste Wichtigkeit des Handelns im Geist des Gesetzes und nicht nach dem Buchstaben, wird im folgenden rabbinischen Wort dargestellt: «R. Jochanan sagte: „Jerusalem wurde allein deswegen zerstört, weil sie in Übereinstimmung mit dem Buchstaben der Tora handelten und nicht darüber hinaus."» (Baba Mezia 30b) Der praktische legale Sinn dieser allgemeinen moralischen Gebote kann aus der folgenden Wiederholung rabbinischer Vorschriften im Codex des Maimonides ersehen werden. Diese Ermahnungen, heilig zu sein und gut und recht zu handeln, waren nicht als bloße Lippenbekenntnisse beabsichtigt: «Eine Person, die ihr Land verkauft, ist verpflichtet, dem Nachbarn, der ein angrenzendes Feld hat, das Vorkaufsrecht einzuräumen. Auch wenn der Käufer ein Gelehrter ist, ein Nachbar und Verwandter des Verkäufers und der angrenzende Landeigentümer ein Dummkopf und ein völlig Fremder, muss ihm das Vorkaufsrecht gegeben werden und er kann den Käufer hinausweisen. Dies ist in Übereinstimmung mit Prinzip der Schrift „Und du sollst tun, was recht und gut". Unsere Weisen sagten, da alles ein Verkauf ist, ist es nur recht und gut, dass der angrenzende Landeigentümer ein Vorkaufsrecht bekommt über einen, dessen Felder weit weg sind (Kodex Schechenim 12:5, siehe Baba Mezia 108a - 108b). Ein Gericht hat einem Gläubiger angeordnet, das Eigentum des Schuldners oder verpfändetes Eigentum in der Hand eines Käufers zu nehmen. Wenn der Schuldner, der Käufer oder ihre Erben in der Folge genug Mittel aufbringen und das Geld dem Gläubiger bringen, kann das Eigentum entlassen werden. Eine solche Beschlagnahme für eine Schuld ist immer rückerstattbar an den ursprünglichen Eigentümer in Übereinstimmung mit dem Grundsatz „Und du sollst tun, was recht und gut ist" (Loveh U-malveh 22:16, siehe Baba Mezia 16b).»

Obwohl es dem Gesetz nach scheint, eine Person könne ihr Land verkaufen an wen sie will, fordert die Tora die höchste moralische Überlegung. Beschließen wir unser Studium mit einem Zitat eines modernen religiösen Denkers zu diesem Thema, Jeschaja Shapiro (gest. 1942), der als Bauer in Kfar Piness im Heiligen Land lebte: «Die Vorschrift „Heilig sollt ihr sein" beinhaltet, dass nicht strikt am Buchstaben des Gesetzes gehaftet werden muss, sondern - wie es Ramban formuliert - „der Intention der Tora gefolgt werden soll". Wer eine vollkommene Beobachtung der Tora wünscht, kann sich nicht damit zufrieden geben, strikt an ihren expliziten Vorschriften zu haften. Er muss tiefer eindringen, um das höchste Ziel dieser Vorschriften zu erreichen. Er darf nicht nur an das denken, was gut und recht in seinen eigenen Augen ist, sondern „was recht und gut in den Augen des Ewigen". Es könnte scheinen, diese Vorschrift, die die Tora ihrer Liste hinzufügte, sei überflüssig, da alle göttlichen Vorschriften dem Menschen die rechte Art zu leben zeigen. Es gibt jedoch viele Dinge, die durch den Buchstaben des Gesetzes erlaubt und nur vom Aspekt des „Was recht und gut in den Augen des Ewigen" verboten sind. Hinsichtlich der Beschlagnahme von Eigentum wegen einer Schuld, stellten unsere Weisen fest, das Gesetz fordere nicht die Rückgabe eines solchen Eigentums, aber es muss gemäß der Vorschrift „Was recht und gut in den Augen des Ewigen" zurück gegeben werden. Diese spezielle Vorschrift zeigt, dass das Judentum nicht damit zufrieden ist, aktives böses Tun zu limitieren, sondern danach strebt, das potentiell Böse aus der Seele des Menschen auszurotten.»

 

Quelle:

Die Torastudien von Nechama Leibowitz, der wohl bekanntesten Bibelpädagogin Israels (1905-1997), wurden schon in viele Sprachen übersetzt. Wir bringen an dieser Stelle ihre gekürzten Kommentare zu den Wochenabschnitten, die auch auf der Website
der Jewish Agency unter www.jafi.org.il nachzulesen sind.

 

 

«Jüdische Zeitung», Juli 2007