Foto: M. M. Zentrum

Philosemitismus – was ist das?

Über eine internationale Konferenz in Potsdam

 

Der Begriff Philosemitismus, die «Liebe zu den Semiten», der im europäischen Kulturraum meist vor allem auf Juden bezogen wird, enthält ein breites Spannungsfeld an Bedeutungen. Diese reichen von der Antike bis heute und umfassen wertneutrale-des-kriptive bis denunziatorische Handlungen. Dabei geht es oft weniger um die Auseinandersetzung mit den tatsächlichen Gegebenheiten heterogen jüdischen Lebens, sondern vielmehr um die Herausbildung von Stereotypen und Idealisierungen. Eine Gesamtdarstellung des Begriffes, der im Gegensatz zum Antisemitismus jüngeren Datums ist - seine Entstehung wird den Kreisen um Heinrich von Treitschke zugeordnet - stellt bis heute eine Forschungslücke dar.

Das Moses Mendelssohn Zentrum Potsdam (MMZ) hat nun den Versuch unternommen, «einer Gesamtschau des Phänomens» innerhalb der internationalen Konferenz «Geliebter Feind - Gehasster Freund. Philosemitismus in Geschichte und Gegenwart» nachzugehen. Sowohl die große Teilnehmerzahl, als auch die intensiven Diskussionen während der parallel stattfindenden Sektionen, die damit auch die Breite des Themas demonstrierten, gaben der von Henryk M. Broder im Vorfeld geübten Kritik Unrecht, dass das Thema als Relevanz heischender Vergleich daherkomme.

Der Eröffnungsvortrag von Wolfram Kinzig unternahm den Versuch einer kritischen Begriffsanalyse, deren einzelne Punkte gleichzeitig als Fahrplan für die Konferenz fungierten. Den Ausgangspunkt bildete dabei die Begriffsbestimmung von Hans Joachim Schoeps, die er in der Artikelserie «Der Philosemitismus des 17. Jahrhunderts» im ersten Jahrgang der Zeitschrift für Religions- und Geistesgeschichte, deren Weiterexistenz an der Universität Potsdam gerade durch das philosophische Dekanat bedroht ist, 1948 veröffentlichte. Für Kinzig ist Philosemitismus in erster Linie «ein Interesse am Judentum in Verbindung mit einem intellektuellen und/oder praktischen Eintreten für das Judentum». Neben einer Ausdehnung der Untersuchung des Begriffes auf die Antike und das Mittelalter, plädierte der Kirchenhistoriker für eine internationale Kontexterweiterung des Begriffs, da er ihn nicht nur als «spezifisch deutsches Problem» auffasst.

Als weiterer Vertreter der Begriffsgeschichte fiel immer wieder der Name Frank Sterns. Dieser führte mit seiner 1991 erschienenen Dissertation den Terminus «philosemitischer Habitus» ein, der «ein ideelles Element des neuen kollektiven moralischen Subjekts» in der Bundesrepublik der Nachkriegszeit darstellte, das «jedoch nicht unbedingt eine realitätsorientierte gesellschaftliche Wahrnehmung von Juden» enthielt. Der Abendvortrag von Stern untermauerte seine Position in ein- und ausdrucksvoller Weise. Anhand zahlreicher Filmbeispiele von Ende der 1940er Jahre bis heute untersuchte der Filmwissenschaftler philosemitische Aspekte im deutschen Spielfilm. Überraschend war dabei zweierlei: Zum einen, dass die geschlechter-spezifische Darstellung des Jüdischen nach 1945 ihren Fokus auf jüdische Frauen setzt, deren «exotische Schönheit» immer wieder hervorgehoben wird, während antisemitische Zeichnungen an männlichen Figuren erfolgen. Zum anderen, dass der Hauptaspekt in den bundesrepublikanischen Darstellungen auf einen Figurenfixierung, dagegen in der DDR der Versuch auf dem Kontextbezug innerhalb der Thematik lag. Ein sorgsames Casting für die Besetzung der Rollen sollte zudem in der DDR stereotypische Darstellungen verhindern, ein Umstand der sich beispielsweise in der Bundesrepublik mit der Besetzung Curd Jürgens als Hauptrolle in der «Schachnovelle» ins Gegenteil verkehrte. 60 Jahre nach der Schoa, so lässt sich nach Stern feststellen, sei der große Korpus an Filmen von ästhetischen Vorstellungen und zeitbestimmten Elementen geprägt, die oftmals mehr die (stereotypischen) Erwartungen der Zuschauer befriedigen als die Realität abbilden. Eine Hoffnung, die diesem entgegenwirkt, sieht er in der Rückkehr jüdischer Komödien, wie in der Low-Budget-Produktion «Berlin Beshert» von 2005, die einen erfrischenden Blick auf den jüdischen Alltag unternimmt.

Auch Helmut Peitsch griff in seinem Vortrag «Philosemitismus in der Gruppe 47» auf Sterns Definition zurück. Er stellte die Beteiligung von Mitgliedern der Gruppe 47 an Organisationen wie der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit, dem Kongress für kulturelle Freiheit und den Akademien der Kirchen da - gemeinsam war diesen Organisationen, dass sie einen philosemitischen Habitus institutionalisierten. Unterstrichen wurde damit auch, dass dieser sich nicht allein auf die politische Sphäre beschränkt.

Die Darstellung des Verhältnisses Philosemitismus und Linke fand in einer länder-übergreifenden Sektion statt, die die Herausarbeitung von Gemeinsamkeiten und Unterschieden ermöglichte. So zeigte Christina Spaeti, dass sich in der gemäßigten Linken der Schweiz nach 1945 eine ausgeprägte Haltung des Philosemitismus wieder fand, die sich vor allem in der Idealisierung und Begeisterung für den israelischen Staat widerspiegelte. In den 1970ern wich diese einer beginnenden Israelkritik. Thomas Käpernick konstatierte eine ähnliche Entwicklung für die Bundesrepublik, allerdings früher. Bereits Ende der 1960er Jahre, mit dem Sechs-Tage-Krieg, wandelte sich die pro-israelische Haltung der Deutsch-Israelischen-Studiengruppe in eine zunehmende antizionistische.

Moshe Zuckermann stellte am letzten Tag der Konferenz seine Bedenken zum Thema in den Mittelpunkt seiner Ausführungen. Ausgehend von der Feststellung, dass die Tagung für ihn den Umstand vermittle, dass «sobald man über Philosemitismus rede, ein Umschlag in den Antisemitismus» erfolge, was durchaus aber nicht das Zentrum aller Vorträge bildete, stimme ihn an dem Begriff bedenklich, dass er «Juden dahingehend abstrahiere, dass sie als Exemplar, Kategorie gesehen werden». Dies führt wiederum zu einer Stereotypenbildung oder Idealisierung. So hat oft auch die Israel-Solidarität vieler Länder wenig mit dem real existierenden pluralistischen Staat zu tun. In seinen kritischen Anmerkungen wurde die Problematik des Themas abschließend mehr als deutlich. Die Frage, die einige Vorträge umkreisten, formulierte Zuckermann aus: Wann wird der Andere dahingehend ideologisiert, dass die eigene Identität zur Ideologie verkommt?

Auf eines sei am Schluss noch hingewiesen: Die Konferenz fand anlässlich des 65. Geburtstags von Julius H. Schoeps, Professor für deutsch-jüdische Geschichte an der Universität Potsdam und Direktor des MMZ, statt. Mit seiner Emeritierung verliert die Universität Potsdam einen streitbaren Geist, der die Jüdischen Studien an der Universität mitgegründet und etabliert hat. Den Standort Potsdam wählte er nicht zufällig - es ist die Stadt, der sein Vater Hans Joachim Schoeps sehr verbunden war.

Ulrike Schneider

«Jüdische Zeitung», Juli 2007