Noah Klieger. Foto: Sarnov

«Ich schreibe, solange ich lebe»

Noah Klieger besucht deutsche Schulen und spricht über die Zeit in Auschwitz und seinen Beruf als Journalist

Noah Klieger wurde 1926 in Straßburg geboren, seine Muttersprache ist also Französisch. Als 15-Jähriger schloss er sich während des Zweiten Weltkriegs einer jüdischen Untergrundorganisation an, die in Verbindung mit der französischen Résistance rund 300 jüdische Kinder und Jugendliche in die Schweiz schmuggeln konnte. 1942 wurde er gefangengenommen und in mehreren Konzentrationslagern, zeitweise auch in Auschwitz, festgehalten.

1947 gehörte er zu den rund 4.500 jüdischen Überlebenden, die auf dem von der zionistischen Untergrundorganisation «Haganah» gekauften amerikanischen Schiff, der «President Warfield», besser bekannt unter dem Namen «Exodus», von Frankreich nach Palästina gelangen wollten. Die Flüchtlinge wurden jedoch von der britischen Marine daran gehindert, an Land zu gelangen.Wochenlang wurden sie festgehalten und letztendlich nach Hamburg geschickt und dort interniert. Klieger schlug sich mit einigen Mitgefangenen nach der Freilassung doch noch nach Palästina durch und beteiligte sich 1948 am Unabhängigkeitskampf des soeben ausgerufenen israelischen Staates gegen arabische Truppen. Seine Karriere als Journalist begann er als Sportberichterstatter. Seit über 50 Jahren gehört Noah Klieger der Redaktion von Israels auflagenstärkster Tageszeitung «Yedioth Ahronoth» an.

Um von seinen Erfahrungen berichten zu können, war Noah Klieger in den vergangenen Monaten auf Einladung der F.C. Flick Stiftung gegen Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Intoleranz auf einer Lesereise durch Schulen in Brandenburg und Sachsen-Anhalt.

 

Herr Klieger, Sie sind fast 81 Jahre alt. Was führt Sie nach Ostdeutschland?
Ich habe Auschwitz erlebt und überlebt. Das schafften 0,04 Prozent. Ich habe zwei Jahre lang jede Minute an der Schwelle des Todes gestanden. Das Schicksal hat mich also privilegiert. (Klieger hat seine Jacke abgelegt und zeigt seine Nummer auf den linken Unterarm.) Ich wurde gerettet, um heute der Nachwelt Zeugnis abzulegen über diese schreckliche Zeit. Egal ob im Osten Deutschlands, in Frankreich oder Israel.

Warum sprechen Sie gerade mit Schülern?
Um mit ihnen über die erlebte Vergangenheit und deren gegenwärtige Wahrnehmung zu reden. Den jungen Deutschen von heute sage ich: Ihr könnt nichts für das, was passiert ist. Doch es waren Deutsche, die unser Volk vernichten wollten. Wer von Euren Großeltern behauptet, er habe damals von nichts gewusst, der lügt. Ich muss über das Thema sprechen. Das ist meine Pflicht als einer der ganz wenigen Überlebenden.

Manchmal sprechen Sie sehr lakonisch über die Schoa, den Holocaust. Passt das zusammen?
Ich kann darüber reden, viele meiner Leidensgefährten konnten das bis zum Lebensende nicht. Ich bin ein optimistischer Mensch und es gibt Dinge, darüber kann ich auch humorvoll sprechen. Mich plagen keine Alpträume mehr, aber ich muss jeden Tag meines Lebens an das Lager denken.

Zwei Jahre im Konzentrationslager Auschwitz zu überleben, wo man eine Lebenserwartung von drei Monaten hatte, grenzt an ein Wunder.

Ja, ich bin ein Aussetzer der deutschen Vernichtungsmaschinerie. Viele Wunder fügten sich zu dem größten aller. Ein serbischer Wachposten scheuchte mich unter Gewaltandrohung vom Lastwagen, der auf direktem Weg in die Gaskammern fuhr. Warum ich mich als professioneller Boxer ausgab, obwohl ich nie geboxt hatte, und so einen Topf Suppe pro Tag extra bekam, weiß ich bis heute nicht. Ich habe schließlich 22 Kämpfe gemacht, gewonnen habe ich keinen.

Fast Ihre gesamte Familie war in Auschwitz.
Mein Vater, meine Mutter und ich waren in Auschwitz. Mein Bruder lebte in England, wurde Rabbiner. Wir sind die einzige jüdische Familie, die das Vernichtungslager komplett überlebt hat.

Wie fanden sie wieder zueinander?
Wieder ein Zufall. In einer Straßenbahn in Brüssel. Da sagte eine Frau zu ihrem Mann, dass der Junge dort wie ihr Sohn aussehe. Ich trat auf sie zu und meinte, ich bin es auch.

Über all diese Wunder, über die Sie den Schülern berichteten, schreiben Sie in Ihren Erinnerungen «Zwölf Brötchen zum Frühstück», die in Israel viel Beachtung erfuhren. Gibt es das Buch in Deutsch?
Nein, es ist noch nicht in Deutsch erschienen. Ich bin Journalist, da wird man nicht so reich, um die Übersetzungen selbst finanzieren zu können.

Sie gelten als einer der 'Doyens des Journalismus', gehören seit über 50 Jahren der Redaktion von «Yedioth Ahronoth» an. Wann legen Sie die Feder aus der Hand und genießen das Privatleben?
Doyen der israelischen Journalisten zu sein, heißt ja nur, dass ich alt bin. Ich schreibe über die Schoa, den Zweiten Weltkrieg, habe mich auf Geschichte spezialisiert, weil ich zu den letzten Vertretern dieser Generation gehöre. Meine Editorials und Leitartikel werden gelesen, auch wenn sie sich nicht um Lifestyle, Models oder Schwule drehen. Ich schreibe für Leute, die dieses oberflächliche Zeug nicht interessiert. Eins ist sicher: Ich schreibe, solange ich lebe. Ich kann nichts anderes, habe nicht studiert. Meine Universität stand in Auschwitz. Eine sehr gute Lebensbildungsstätte, man lernt, wie sich Menschen benehmen, wenn sie und andere in Not sind.

Sie haben mit vielen Schülern in Israel, Frankreich und Deutschland geredet und eine eigene Sicht auf die Welt. Haben Sie Ängste, dass sich die Ereignisse aus den 30er Jahren wiederholen könnten?

Als bekennender Optimist glaube ich das nicht. Trotz der Massenmorde in Dafur, die ich in meinen Kommentaren anprangere. Weil ich glaube, dass sich die Welt geändert hat. Die Menschen sind gewarnt und wir haben einen Staat, der Juden aufnimmt und gleichzeitig sehr auf der Hut ist. Doch gewisse Schmachtfetzen im deutschen Fernsehen über Flucht und Vertreibung sehe ich sehr kritisch. Bei allem Leid muss man fragen: Was ist dem vorausgegangen?

Das Gespräch führte Uwe Kraus

«Jüdische Zeitung», Juli 2007