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Der preußisch-deutsche JudeVor 85 Jahren wurde Walther Rathenau ermordet (II)
In den Jugendjahren eines jeden deutschen Juden gibt es einen schmerzlichen Augenblick, an den er sich zeitlebens erinnert», klagte Walther Rathenau in seinem Aufsatz «Staat und Judentum», «wenn ihm zum ersten Mal bewusst wird, dass er als Bürger zweiter Klasse in die Welt getreten ist und dass keine Tüchtigkeit und kein Verdienst ihn aus dieser Lage befreien kann». Für Rathenau kam dieser Augenblick spätestens, als seine jüdische Herkunft ihm den Aufstieg zum Reserveoffizier versperrte. Die Grundspannung zwischen wirtschaftlicher Elitenzugehörigkeit und sozialer Ausgrenzung sollte Rathenaus Leben bis zum letzten Tag bestimmen. Bei anderer Gelegenheit bedauerte er einmal in einem Brief an Gertrud von Hindenburg, die ihn sich als Außenminister wünschte: «Wenn auch ich und meine Vorfahren nach besten Kräften unserem Lande gedient haben, so bin ich, wie Ihnen bekannt sein dürfte, als Jude Bürger zweiter Klasse. Ich könnte nicht politischer Beamter werden, nicht einmal in Friedenszeiten Leutnant [...]». Diese Erkenntnis war schlimm für einen Mann, der es ernst mit seinem Deutschtum und seinen Staatspflichten nahm und nie einen Zweifel an der Ernsthaftigkeit seines Judentums ließ, so gewaltig ernst gerade mit diesem, dass er sich stets mit diesen beiden Seiten seiner Ausrichtung in Konflikt fühlte, sich gleichwohl, wie er betonte, verantwortlich fühlte für die deutschen Juden. Rathenau hatte also sehr früh erfahren müssen, wie sehr ihm das angeborene Judentum - trotz seiner ihm sehr wohl bewussten Fähigkeiten - am Aufstieg, an einer ihm gemäßen Karriere hinderte. Da er hörte und sah, wie stark das Judentum hinsichtlich seiner Entfaltung benachteiligt war, entwickelte er gegenüber seiner Herkunft mitunter eine Aversion, eine Art antisemitischer Affekt. Das war der Grund, warum er sich sehr deutlich gegen die aus dem Osten nach Berlin «einströmenden» handeltreibenden Juden, gegen die Protzerei der neureichen «Tiergartenjuden» und gegen zionistische Selbständigkeitsbestrebungen, aber eigentlich nicht gegen das alteingesessene jüdische Patriziat wandte, das sich in vorbildlicher Weise den hohen (kulturellen) Werten des Gastlandes angepasst hatte - und zu dem seine Familie gehörte. Hatte er mit seinem Jugendaufsatz «Höre, Israel!» - unter Pseudonym veröffentlicht -, der einen allgemeinen Schrei der Entrüstung im deutschen Judentum auslöste und auch insbesondere das Verhältnis zum dadurch ebenfalls beleidigten Vater weiter vergiftete, «die bewusste Selbsterziehung zur Anpassung an das Deutschtum» gefordert, so verweigerte er es doch zu allen Zeiten, durch einen Glaubenswechsel dem «von den herrschenden Klassen nach seiner Überzeugung begangenen Rechtsbruch Vorschub zu leisten». Rathenau verspottete und hasste das Jüdische und war doch zugleich stolz darauf. Wie ein rabiater Antisemit höhnte er: «Inmitten deutschen Lebens ein abgesondert fremdartiger Menschenstamm [...] auf märkischem Sand eine asiatische Horde» und meinte damit vor allem die aus Osteuropa zugewanderten sogenannten Ostjuden. Diese Sätze zitierten Antisemiten über Rathenaus Tod hinaus gegen die Intention ihres Autors, der sie nicht als Bekenntnis zur Ausgrenzung, sondern als Appell zur Assimilation verstanden wissen wollte, und von seinen jüdischen Mitbürgern «die bewusste Selbsterziehung zur Anpassung an das Deutschtum» forderte. Zugleich nannte er das jüdische Volk «das Salz der Erde». Zunächst war das Judentum vor allem sein Problem, das sich gelegentlich im sogenannten jüdischen Selbsthass äußerte. Je mehr er eine öffentliche Person wurde, desto mehr verlagerte sich dieser Hass nach außen, war er «mehr ein Problem seiner Umwelt als sein eigenes». Denn für das nationalistische Deutschland, für die rechtsstehenden Kreise, war ein jüdischer Minister eine schlimme Provokation, ein Skandal. Mit der gleichen Entschiedenheit, mit der er bekannt hatte, dass für ihn über die Zugehörigkeit zu Volk und Nation allein Herz, Geist, Gesinnung und Seele entscheide, sprach er es aus: «In diesem Empfinden stelle ich die Juden etwa zwischen die Sachsen und Schwaben. Sie sind mir weniger näher als Märker und Holsteiner, sie sind mir aber vielleicht näher als Schlesier oder Lothringer. Ich rede natürlich vom deutschen Juden». Rathenaus Einstellung, die Judentum und Deutschtum als eine Einheit sah und erfasste, blieb Zeit seines Lebens im Grundsätzlichen unverändert. Das stets wiederholte freimütige, beinahe fanatische Bekenntnis zu ihr wirkt um so erschütternder auf den, der ihm die Tragik des Geschehens der Folgezeit entgegenstellt, die nicht nur Rathenau selber als frühes Opfer des Antisemitismus vernichtete, sondern dem Rassenhass Millionen seiner Glaubensgenossen opferte, von denen Rathenau kurz nach dem deutschen Zusammenbruch überzeugt und stolz am 16. November 1918 noch einmal - welch eine Tragik! - behauptete: «Die überwältigende Mehrzahl der deutschen Juden, unter ihnen viele, deren Vorfahren seit ungezählten Jahrhunderten in Deutschland leben, hat nur ein einziges Nationalgefühl: das deutsche. Wir wollen wie unsere Väter in Deutschland und für Deutschland leben und sterben. Mögen andere ein Reich in Palästina begründen: Uns zieht nichts nach Asien». Rathenau war Deutscher und Jude zugleich. Seine Geschichte ist eine deutsche und eine jüdische, aber vor allem war sie eine deutsch-jüdische Geschichte: Durch sie wird der Blick auf das Verhältnis der deutschen Kultur und der deutschen Nation zu den Juden möglich, und wir können die einzigartige Rolle, die diese Minderheit in der Entwicklung Deutschlands spielte, gar nicht hoch genug einschätzen. An Schmähungen und Drohungen gegenüber Rathenau hat es nie gemangelt. «Schlagt tot den Walther Rathenau, die gottverdammte Judensau!» oder makabre «Scherze» wie «Auch der Rathenau, der Walther, erreicht kein hohes Alter», das waren durchaus ernstzunehmende Lieder, die auf den Straßen von rechtsradikalen Gossenantisemiten lauthals gebrüllt wurden. Die Ermordung Rosa Luxemburgs, Karl Liebknechts, Gustav Landauers, des Ministers Erzberger und weiterer prominenter Politiker zeigte, wie real dieser Mordaufruf war. Mit einem Mordanschlag auf seine Person hatte er längst gerechnet, dazu gehörte nicht viel Prophetie, es genügten die hasserfüllten Hetzkampagnen und die heimlichen und offenen Drohbriefe, die nach seiner Ernennung zum Außenminister verstärkt eingesetzt hatten. Die Ernennung Rathenaus war gleichermaßen eine einleuchtende wie befremdliche Wahl: Einleuchtend, weil seine Finanzgutachten ebenso unübertroffen waren wie seine Verbindungen zu alliierten Ländern - freilich aus dem Blickwinkel der rechtsradikalen Deutschen ein zweifelhafter Aktivposten. Aber er unterschied sich von Grund auf von seinen Vorgängern im Auswärtigen Amt, das seinen eigenen Nimbus hatte. Er war kein Karrierediplomat, sondern ein Wirtschaftsmensch, ein Intellektueller und - ein Jude. Gewiss, Rathenau verfolgte die richtige Politik, und doch erwies er sich als der falsche Mann zur falschen Zeit. Den verbitterten Deutschen war seine Politik der Versöhnung zur Vermeidung noch schlimmerer Härten - wie der weiteren alliierten Besetzungen - verhasst. Fanatiker, die für störrische Obstruktion eintraten, sahen in Rathenau eine bequeme Zielscheibe für Beschimpfungen. Das waren Leute, wie beispielsweise der ehemalige Vizekanzler Karl Helfferich, die in Verantwortungslosigkeit schwelgten. Man hatte Rathenau oft gewarnt, er würde für die politische Prominenz mit seinem Leben zu bezahlen haben, und durch andere Morde wurden solche Warnungen bestätigt. Rathenaus Mutter war entsetzt über die Vorstellung, dass ihr Sohn ein Amt übernehmen wolle, und selbst Albert Einstein bat ihn, davon abzulassen: Ein Jude sollte solche Prominenz nicht anstreben, sagte er weitblickend, die Rache würde furchtbar sein. Rathenau verstand diese Warnungen zwar - und ignorierte sie zugleich. In seiner für ihn typischen Art antwortete Rathenau: «Ich bin der geeignete Mann für mein [!] Amt. Ich erfülle meine Pflicht gegenüber dem deutschen Volk indem ich ihm meine Fähigkeiten und meine Kraft zur Verfügung stelle». In einem Gespräch mit Hellmut von Gerlach, der ihn aufgrund eines drohenden Mordanschlags warnte, stellte Rathenau die Frage: «Sagen Sie, warum hassen mich diese Menschen eigentlich so furchtbar?» Darauf von Gerlach: «Ausschließlich, weil Sie Jude sind und mit Erfolg für Deutschland Außenpolitik treiben. Sie sind die lebendige Widerlegung der antisemitischen Theorie von der Schädlichkeit des Judentums für Deutschland. Darum sollen Sie getötet werden.» Am 24. Juni 1922 sollten alle Warnungen Wirklichkeit werden: Walther Rathenau wurde auf dem Weg ins Außenministerium im offenen Wagen Opfer eines mörderischen Attentats. Auch Rapallo, das viel mehr die verständigungsbereiten Kräfte in Deutschland ansprach als die Nationalisten, die ja darin ein keckes Auftrumpfen gegen die Siegermächte feiern konnten, machte Rathenau nicht zum Volkshelden. Der nationalsozialistische «Völkische Beobachter» bezeichnete ihn am 22. April 1922 als «Börsen- und Sowjetjuden». Nun galt er nicht nur als Erfüllungspolitiker, der Deutschland dem internationalen, kapitalistischen Judentum auslieferte, sondern auch noch als Anhänger des «schleichenden Bolschewismus». In Rathenaus Leben und Wirken spiegelt sich die ganze Tragödie der deutsch-jüdischen Beziehungsgeschichte. Er war sozusagen der Prototyp des akkulturierten deutschen Juden, der ganz und gar im Deutschtum aufgegangen war, ein Deutschtum, mit dem er sich voll und ganz identifizierte, wohl wissend, dass es deutscherseits stets einen Rest Vorbehalt gegen Juden gab. Das hinderte ihn gleichwohl nicht, kein Jota von seinen Überzeugungen abzuweichen. Rathenau schied zwar nicht aus dem Judentum aus, was ihm unehrenhaft gewesen wäre, aber er kämpfte sein Leben lang gegen die Juden, fühlte sich selbst als «Deutscher» und zwar nicht nur der Staatsangehörigkeit nach, sondern als Deutscher schlechthin, weil er glaubte, bei sich selbst eine «Anartung» erreicht zu haben, die er als «Ereignis ohne geschichtlichen Vorgang» von den deutschen Juden im Ganzen verlangte. Seine Tragik war, nicht erkennen zu können oder zu wollen, dass seine Liebe zu Deutschland, zum deutschen «Wesen», einseitig war und von der anderen Seite nicht hinreichend erwidert wurde. Oder um mit Maximilian Harden, einem der bedeutendsten Kritiker des zu Ende gehenden Kaiserreichs, zu sprechen: «Die Juden, die ganz deutsch gern werden möchten, die müssen drunter leiden». Das galt für Rathenau in hohem Maße und diese seine Haltung kommt in einem Brief vom 31.1.1916 eindrucksvoll zum Ausdruck und spricht für sich: «Ich habe und kenne kein anderes Blut als deutsches, keinen anderen Stamm, kein anderes Volk als deutsches. Vertreibt man mich von meinem deutschen Boden, so bleibe ich deutsch und es ändert sich nichts. [...] Meine Vorfahren und ich selbst haben sich von deutschem Boden und deutschem Geist genährt und unserem, dem deutschen Volk erstattet, was in unseren Kräften stand. Mein Vater und ich haben keinen Gedanken gehabt, der nicht für Deutschland und deutsch war: soweit ich meinen Stammbaum verfolgen kann, war es das gleiche. [...] Ich bin in der Kultgemeinschaft der Juden geblieben, weil ich keinem Vorwurf und keiner Beschwernis mich entziehen wollte, und habe von beidem bis auf den heutigen Tag genug erlebt. Nie hat eine Kränkung mich unwillig gemacht. Nie habe ich meinem, dem deutschen Volke, mit einem Worte oder einem Gedanken derlei vergolten. Mein Volk und jeder meiner Freunde hat das Recht und die Pflicht, mich zurechtzuweisen, wo er mich unzulänglich findet». Rathenau war ein Mann mit einer inneren Unsicherheit, die mitunter peinlich wirkte: Der sensible Mann litt unter der Tatsache seiner jüdischen Abstammung schwer. Im Gegensatz zu den Juden im öffentlichen Leben ein oder zwei Generationen zuvor empfand er sie als ein tiefes seelisches Problem, so sehr er auch in sich selbst Deutschtum und Judentum zu einer Einheit zu verschmelzen suchte. Alfred Kerr, geschätzt und gefürchtet als Literaturkritiker mit einer scharfen Feder, hat ein Buch über Rathenau geschrieben, eine schma-le Biographie, die heute - leider - vergessen ist. Die Schlussworte dieses im typischen Kerr-Stil verfassten Porträts über Rathenau lauten: «Judentragödie? Es ist eine: dass dieser Mensch, der sein ganzes Leben in Wahrheit für Deutschland gelebt hat; der keinen anderen Wunsch als den, zu helfen, hatte; der sich millionenreich, jedes Glück, außer diesem, versagt hat; der fast allzu große Seelenopfer ihm zu bringen bereit war: - dass er von Deutschen roh ermordet wurde [...], weil er Jude war.» Franz Kafka wurde durch seinen Freund Max Brod über die «Schreckensnachricht» informiert und reagierte geradezu gelassen auf Rathenaus Tod: «Meinst Du etwas anderes als Rathenaus Ermordung? Unbegreiflich, dass man ihn so lange leben ließ, schon vor 2 Monaten war das Gerücht von seiner Ermordung in Prag [...] es war so glaubwürdig, gehörte so sehr zum jüdischen und deutschen Schicksal». Eine weitere gewichte Stimme sei zitiert, die Rathenaus Bedeutung hervorhebt. Thomas Mann, in seinen früheren Jahren eher konservativ, wenn nicht antidemokratisch bis antisemitisch eingestellt, kam durch die Umstände von Rathenaus Tod zu einer Revision seiner Position und wandelte sich zum überzeugten Republikaner. Wie tief Mann durch Rathenaus Tod beeindruckt war, geht aus einer Äußerung hervor, die er in einer öffentlichen Rede am 30. November 1926 in München aussprach: «Der Mord an Walther Rathenau, der tun wollte, was heute mit der Zustimmung aller nicht ganz Verbohrter doch geschehen muss, war auch eine Tat des Gemütes; nur war sie hirnverbrannt. Und wenn eines Tages Europa sich selber umgebracht haben wird, so wird auch das ein Selbstmord aus tiefstem Gemüte gewesen sein. Leider ist es beinahe an dem, dass, wer in Deutschland Spuren von Gescheitheit an den Tag legt, sogleich für einen Juden gehalten wird und damit dann also erledigt ist». |