Gegen die Strömung

Kurt Epstein – Schwimmer, Tschechoslowake und Jude

 

Es gibt keinen besseren Sport für Juden als Schwimmen, erklärte Kurt Epstein einst seiner Tochter Helen. Denn Schwimmen verlange keine körperliche Kraft, sondern Willensstärke. Und während Juden vom Ersteren nichts hätten, es wäre ihnen durch das Leben in den Ghettos verloren gegangen, so hätten sie das Zweite zur Genüge.

Jahrzehnte später erzählt Helen Epstein die Geschichte ihres Vaters, der erfolgreicher Schwimmer und Wasserballspieler in tschechoslowakischen Nationalmannschaften war, im Jüdischen Museum von Berlin. Es geht dabei nicht nur um seine Geschichte, es ist die Geschichte einer ganzen Familie und die Geschichte der Juden im Sport. Sie ist voll von Stereotypen und Karikaturen, vom faulen Juden und seinen missgestalteten Körper, aber auch vom Gegenbeweis. Die Tschechoslowakei war damals sportverrückt, aber im Schwimmen war noch kein Geld zu holen. Auch Juden gab es in diesem Sport kaum und Kurt Epstein sei sich immer bewusst gewesen, dass er ein jüdischer Schwimmer war. Ein jüdischer Schwimmer, der gegen Vorurteile von Antisemiten aber auch Juden anschwimmen musste.

Die Idee des Körperkults war im Judentum, so Helen Epstein, nicht verbreitet, es war der Geist, der kultiviert werden sollte. Aber selbst Kafka war nicht der neurotische Stubenhocker zu dem ihn die Literaturgeschichte gemacht hatte: Er schwamm gerne, joggte und verbrachte seine Zeit in der Natur. Auch Max Nordau ging am Anfang des 20. Jahrhunderts gegen das Vorurteil des nur intellektuellen Juden an und prägte den Begriff des «Muskeljuden». Dies war die Zeit, in die Kurt Epstein hineingeboren wurde. Juden gehörten damals zu den gesündesten Gruppierungen in Europa, es war normal in mehreren Sportvereinen zu sein - trotz allem herrschte das alte Klischee vom «kränkelnden Juden». Der athletische Jude konnte nicht in antisemitische Karikaturen gepresst werden und Kurt Epstein und andere jüdischen Sportler distanzierten sich mit Absicht von den Klischees. Überraschenderweise waren es meist nicht jüdische Vereine, sondern nationale Klubs in die Juden eintraten. Später wurden Juden jedoch aus den deutschen Turnvereinen ausgewiesen.

Kurts Interesse am Sport wurde, so Helen, von seiner Mutter geweckt, auch sie war sportbegeistert und ermutigte Kurt später seine sportliche Karriere voranzutreiben. Schon im Kindesalter hätte Sport zu seinem Leben gehört, besonders das Schwimmen. So sagte Kurt später, dass es keine Stimmung gab, die nicht durch das Schwimmen verbessert werden konnte. Schwimmen war Therapie. Kurt organisierte eine eigene Trainingsgruppe, mit der er im Fluss schwamm, da er, wenn er alleine trainierte, von antisemitisch eingestellten Jugendlichen mit Steinen beworfen wurde. Später war er Mitglied der Rudergruppe seiner Schule, durch die er regelmäßiges Training, aber auch Wettbewerbe kennenlernte. So nahm seine eigene Schwimmgruppe an Wettkämpfen in Prag teil, bei denen Kurt erfolgreich war.

Kurt war nicht nur Sportler, sondern auch Patriot. Er war stolz darauf, der tschechoslowakischen Armee anzugehören, und lernte dort, was ihm später beim Überleben in den Konzentrationslagern half: Schnelle Entscheidungen zu treffen und zu essen, was da war. Zu seiner Armeezeit war er auch Wasserballspieler und die Nationalmannschaft rief ihn vom Dienst an der Waffe zum Dienst im Wasser. Er war bei den Olympischen Spielen in Berlin 1936 und gehörte so zu den wenigen Juden, die die Spiele nicht boykottierten. Er bereute diese Entscheidung nie, da für ihn Sport über Politik stand. Außerdem war Berlin in diesen Jahren für ihn als Jude der beste Ort, um ein Tor zu machen.

Später, als er bereits im Konzentrationslager war, verließ ihn der olympische Traum immer noch nicht. Als Gefangene Vorträge hielten, um sich zu beschäftigen und zu trösten, hielt Kurt einen über das olympische Ideal. Er überlebte und wurde nach dem Ende des Krieges Mitglied des tschechoslowakischen Olympischen Komitees. Trotzdem verließ er das Land nach dem kommunistischen Putsch und wanderte in die USA aus. Von dort unterhielt er weiter Kontakt zu tschechoslowakischen Athleten in aller Welt, besonders zum Torwart seines Teams, der in Prag geblieben war.

New York war keine sportbegeisterte Stadt, als Kurt dort ankam, und die Sportstätten waren erfüllt vom europäischen Sprachgewirr der Flüchtlinge anstatt von Englisch. Kurt fand dort eine Verbindung zum Sport, auch wenn diese nicht so stark war wie in seiner Heimat. Bis zum Schluss ist er Patriot geblieben - und selbst darüberhinaus. Seine Beerdigung folgte jüdischer Tradition bis auf einen Punkt: Es wurde die tschechoslowakische Hymne gespielt.

Olympische Geschichten, so heißt es, sind für die Ewigkeit. Doch viele von ihnen sind in Wirklichkeit längst vergessen. Wenn der Torwart der tschechoslowakischen Mannschaft die Bilder und Artikel über Epstein nicht gerettet hätte, wäre es wohl auch der Geschichte Kurt Epsteins so ergangen.

Josefine Lietzau

«Jüdische Zeitung», Juli 2007