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Verborgenes drängt aus der Vergessenheit ans LichtErfurt lockt mit wunderbaren Zeugnissen einer reichen jüdischen Geschichte. Doch es entwickelt sich auch gegenwärtiges jüdisches Leben.
In buchstäblich letzter Minute machten Archäologen im April dieses Jahres bei Grabungsarbeiten am Fuße der Erfurter Krämerbrücke eine sensationelle Entdeckung. Sie stießen auf die gut erhaltenen Überreste einer Mikwe aus dem 13. Jahrhundert. Eigentlich wollten die Stadtväter die Freifläche neu gestalten und wie immer bei solchen Vorhaben sondierten zuvor Archäologen das Gelände. Man legte einige Grundmauern frei, verzeichnete alles und gab grünes Licht. Kurz bevor die Bautrupps kamen, fand man jedoch unter Teilen eines mittelalterlichen Gewölbes ein Kellergeschoß. Noch etwas tiefer stieß man - mit nassen Füßen, wie die Archäologin Karin Sczech verrät -auf ungewöhnlich sorgfältig behauene, exakt und fugenlos gesetzte Steinquader. Schnell war klar, dass es sich um jenes rituelle Tauchbad der mittelalterlichen jüdischen Gemeinde handeln musste, das man anhand der Quellen schon lang in diesem Areal vermutete, bislang aber vergebens gesucht hatte. Der wahre Held ist jedoch ein morscher Baum, der für die geplante Neugestaltung weichen musste. Erst seine Wurzeln gaben den Weg zur Mikwe frei, die sonst wohl noch immer unter dem Sand der Geschichte schlummern würde. Ihr eigentliches Bauvorhaben ist die Stadt zwar nun los, doch ist sie mit diesem außergewöhnlichen Fund um ein Vielfaches entschädigt. Mikwen aus dieser Zeit, noch dazu in der hier gefundenen Qualität, sind höchst selten. Bisher sind nur wenige, etwa in Worms, Speyer, Köln und im thüringischen Sondershausen überliefert. Noch sind viele Fragen offen. Etwa wie diese Mikwe funktionierte, wo sich ihr Zugang befand und wie lange sie benutzt wurde. Zumindest weiß man, dass sie zu einem Haus am Ufer der Gera gehörte und damit ein wichtiger Bestandteil des jüdischen Gemeindelebens war. Nach Abschluss der Untersuchungen will man sie für die Öffentlichkeit erschließen. Dabei ist sie nur ein Baustein eines weit umfassenderen Projektes zur jüdischen Geschichte Erfurts, denn die thüringische Landeshauptstadt hat noch weit mehr zu bieten. Nicht weniger spektakulär ist ein in unmittelbarer Nähe der Mikwe bereits 1998 entdeckter jüdischer Hochzeitsschatz aus dem 14. Jahrhundert. Als ob etwas Verborgenes aus dem Reich der Vergessenheit ans Licht drängt, führten Wunder und Zufall auch hier Regie. Nach Abschluss archäologischer Untersuchungen konnte ein Grundstück zur Neubebauung freigegeben werden. Für den feierlichen ersten Spatenstich machten Bauarbeiter das Gelände etwas zurecht - bis die Schaufel ihres Baggers auf etwas Metallenes unter einer Kellertreppe stieß. Als die Archäologen den verbeulten Behälter öffneten, trauten sie ihren Augen nicht. Das Gefäß offenbarte mehr als 3.000 französische Silbermünzen, 14 Silberbarren und nahezu 600 kostbare Goldschmiedearbeiten. Prunkstück des Fundes ist ein mit gotischen Zierelementen reich dekorierter Hochzeitsring, der in seiner Ausführung und Qualität seinesgleichen sucht. Eine Rarität, weltweit zählt man gerade noch zwei weitere Ringe dieser Art. Vermutlich war dies der gesamte Besitz eines wohlhabenden jüdischen Fernhändlers, der ihn kurz vor dem schweren Pogrom im Jahre 1349 in Sicherheit zu bringen suchte. Das wohl kostbarste Juwel der jüdischen Geschichte in Erfurt ist jedoch die in ihrer Substanz weitgehend original erhaltene Alte Synagoge, unweit des berühmten Fischmarktes im Zentrum der Stadt gelegen. Damit besitzt Erfurt neben Prag, Speyer und Sopron eine der ältesten Synagogen Europas. Sie hat alle Zeiten der Verfolgung überdauert, an ein Wunder grenzt auch dies. Ihr außergewöhnliches Schicksal hat die Alte Synagoge wohl dem Umstand zu verdanken, dass sie nach den grausamen Ereignissen 1349 zum Speicher umfunktioniert und nie wieder als Gotteshaus genutzt wurde. Mit diesen sensationellen Funden rückt plötzlich ins Bewusstsein, was lange verdrängt und vergessen war: Juden haben die Geschichte Erfurts mitgeprägt, lebten und arbeiteten inmitten ihrer christlichen Nachbarn im Herzen der Stadt. Einst war ihre Gemeinde eine der bedeutendsten in ganz Mitteleuropa. Berühmte Rabbiner lehrten hier. Bereits im 10. Jahrhundert hatte der Handelsknotenpunkt jüdische Kaufleute angezogen, eine erste größere Gemeinde etablierte sich. Übergriffe auf Juden hatte es dabei immer wieder gegeben, doch was im März des Jahres 1349 geschah, sollte alles bis dahin Erlebte in den Schatten stellen. In Erfurt grassierte die Pest, man machte, wie in so vielen Städten des Deutschen Reiches, die Juden für den Schwarzen Tod verantwortlich. In den brutalen Ausschreitungen fanden schließlich bis zu 900 Juden den Tod. Ihr Besitz wurde zerschlagen, die Überlebenden, wie in ganz Thüringen, vertrieben. Zwar wurden einige Attentäter hart bestraft, doch schritt der Rat während des Pogroms nicht ein. Schon bald nach dieser Katastrophe kehrten einzelne Juden zurück, doch waren die folgenden Jahrzehnte von stetigen Drangsalierungen geprägt. Im Jahr 1458 wurden sie endgültig vertrieben. Es folgte eine 300 Jahre währende Vakanz jüdischen Lebens in Erfurt. Erst nachdem die Stadt 1802 an Preußen fiel, durften sich Juden hier nach und nach wieder ansiedeln. Die Alte Synagoge ist, neben der Mikwe und einigen Grabsteinen, ein letztes bauliches Zeugnis der mittelalterlichen jüdischen Gemeinde. Bis vor wenigen Jahren war die Erinnerung daran jedoch weitgehend verblasst. In der dicht gedrängten Erfurter Altstadt wurde jeder Quadratmeter Fläche genutzt und so wurde die Alte Synagoge Stück für Stück buchstäblich zugebaut. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts wandelte man das Gebäude zu einem Caféhaus mit dazugehörigem Varieté- und Tanzsaal um. Im Keller fand sogar eine Kegelbahn Platz. Angrenzende Restaurants nutzten Teile des Gebäudes, doch wird sich kaum ein Gast der Bedeutung dieses Ortes bewusst gewesen sein. So konnte sie schließlich auch der Zerstörungswut der Nationalsozialisten entgehen. Noch bis 1999 war das mittlerweile baufällige Haus umrahmt von nicht weniger abbruchreifen Altbauten. Als man den historischen Wert des eingeschlossenen Bauwerks erahnte, übernahm die Stadt das Grundstück. Man riss die «Schutzbauten» ab, legte Schicht für Schicht die Zeichen der Jahrhunderte frei. Bis zur Fertigstellung des ehrgeizigen Restaurierungsprojekts wird noch einige Zeit vergehen, beeindruckend ist das imposante Bauwerk aber schon jetzt. Großen Wert legt man auf die Erkennbarmachung der verschiedenen Bau- und Nutzungsphasen - von romanischen Mauerfragmenten über gotische Maßwerkfenster bis zum gründerzeitlichen Tanzsaal. In jedem Fall werden die Spuren der ursprünglichen Synagoge wieder deutlich sichtbar sein.
Hier soll künftig der zentrale Ort entstehen, an dem die einzigartigen Zeugnisse der jüdischen Geschichte Erfurts der Öffentlichkeit präsentiert werden. Neben dem derzeit in Paris gezeigten Schatzfund, der im Kellergewölbe einen angemessenen Raum finden soll, gibt es weitere bedeutende Insignien des mittelalterlich-jüdischen Erfurts. Dazu zählen etwa kostbare hebräische Bibelhandschriften, die sich heute in den Händen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz in Berlin befinden. Sie waren 1880 in den Besitz Preußens übergegangen. Für die geplante Ausstellung in der Alten Synagoge will man sich bemühen, einen Teil dieser Handschriften als Dauerleihgabe zu erhalten. Im Erfurter Stadtmuseum befindet sich zudem der älteste deutschsprachige Juden-Eid (circa 1200) und mit der sogenannten «Shabbatampel», einem romanischen Leuchter, eine weitere Rarität im Dommuseum. Am konkreten Ausstellungskonzept wird derzeit zwar noch gefeilt, doch Sven Ostritz, Leiter des Thüringischen Landesamtes für Archäologie und Denkmalpflege, ist schon jetzt ganz begeistert. Er misst vor allem dem greifbaren Objekt große Bedeutung bei. So wird man wohl auf eine umfassende und textreiche Darstellung der jüdischen Geschichte im mitteldeutschen Raum auch weiterhin verzichten. Zu dem einzigartigen Ensemble jüdischer Kultur gehört aber auch die mittlerweile aufwendig restaurierte und seit 1998 als Begegnungsstätte genutzte ehemalige Kleine Synagoge. Direkt am Ufer der Gera gelegen, überdauerte dieses Gotteshaus ähnlich wie ihr mittelalterliches Pendant. Mit der Wiederansiedlung von Juden in Erfurt zu Beginn des 19. Jahrhunderts hatte die Gemeinde bald einen ansprechenden Synagogenraum gesucht. So erwarb man 1823 ein schon als «Juden-Bethaus» bekanntes Gebäude, an dessen Stelle 1840 im klassizistischen Stil ein neuer Betraum errichtet wurde. Doch die rasant wachsende Gemeinde Erfurts benötigte bald eine noch weit größere Synagoge. So verkaufte man die Kleine Synagoge an einen Händler, der sie zur Lagerung von Essig- und Spirituosenfässern umbauen ließ. Nachdem das Gebäude 1918 in städtischen Besitz übergegangen war, wurde es bis 1993 als Wohnhaus genutzt. Dass sich hinter dem zugemauerten und markant hervortretenden Erker einst der Thoraschrein und im Keller eine Mikwe befand, dürfte kaum ein Bewohner gewusst haben. So konnte auch die-se ehemalige Synagoge die Zeit des Nationalsozialismus unbeschadet überstehen. Eine neue, prachtvolle Synagoge ließ die Gemeinde 1884 nach Plänen des Architekten E. C. Reling am Kartäuserring mit damals typischer Backsteinfassade und Kuppelbekrönung bauen. Sie bot mehr als 500 Menschen Platz, Ausdruck des gewachsenen Selbstbewusstseins eines emanzipierten deutschen Judentums. Für die folgende kaum fünfzigjährige Blütezeit der Jüdischen Gemeinde bis zur Katastrophe nach 1933 stehen Namen wie Alfred Machol, der Begründer des Erfurter Chirurgischen Klinikums oder Eduard Rosenthal, der als Vater der Thüringer Landesverfassung gilt. Bekannt war auch der Schuhfabrikant und Kunstmäzen Alfred Hess, ein großer Freund und Förderer der künstlerischen Avantgarde. Zwar war die jüdische Gemeinde gemessen an der Gesamtbevölkerung Erfurts nicht sonderlich groß, doch zählte sie Ende 1933 immerhin noch 831 Mitglieder. Viele von ihnen prägten das Stadtleben mit ihren Geschäften, vor allem mit jenen großen Kaufhäusern wie dem «Römischen Kaiser» am repräsentativen Anger. Als die Synagoge am Kartäuserring in der Pogromnacht 1938 in Flammen aufging, erlosch mit ihr auch jäh der Traum dieser deutsch-jüdischen Symbiose. Nach Vertreibung und Deportation kehrten von der einst stolzen jüdischen Gemeinde nur 15 Überlebende aus den nationalsozialistischen Todeslagern zurück. Und doch spielte Erfurt in der entbehrungsreichen Zeit der frühen Nachkriegsjahre zunächst eine vitale Rolle in der Wiederbelebung jüdischen Lebens in Deutschland. Klaus Trostorf, KZ-Überlebender, setzte sich dafür ein, Juden aus Breslau nach Erfurt zu holen. Binnen weniger Jahre wuchs die Gemeinde auf für damalige Verhältnisse in der SBZ/DDR erstaunliche 400 Mitglieder, unter ihnen der heutige Gemeindevorsitzende Wolfgang M. Nossen. 1952 wurde auch der einzige Synagogenneubau in der DDR an der Stelle des 1938 vernichteten Gotteshauses verwirklicht. Zur Ausführung kam indes nicht der nach außen hin eindeutig als Synagoge erkennbare Entwurf, sondern ein eher schmucklos wirkender Zweckbau, der, so darf man vermuten, den Behörden besser ins Bild passte. Die Zeit einer großen Gemeinde, flankiert von kleineren in Eisenach, Mühlhausen, Jena und Gera, währte indes nur kurz. Bereits seit Ende der 40er Jahre kam es zu einer Welle antisemitisch gefärbter Schauprozesse inn Osteuropa. Auch die DDR, in der diese Kampagne etwas glimpflicher ablief, ließ hinter ihrer sorgsam gepflegten antifaschistischen Fassade antisemitische Stereotype erkennen. Für die meisten Juden in der DDR das letzte Signal zum Aufbruch aus einer von zunehmenden Diskriminierungen geprägten Situation. So ging auch ein Großteil der Erfurter Gemeinde in den Westen, ein Aderlass, von dem sie sich bis zum politischen Umbruch 1989/90 nicht erholte. Zwar war sie die einzige, die in Thüringen überhaupt noch Bestand hatte, doch an ein funktionierendes Gemeindeleben war überhaupt nicht mehr zu denken. Bei gerade noch 26 Mitgliedern im Jahre 1989 kam nicht einmal mehr der Minjan - die Mindestzahl jüdischer Männer für den Synagogengottesdienst - zusammen. Mit dem Zusammenbruch des Kommunismus wurde plötzlich das Tor zu einer völlig unerwarteten Renaissance aufgestoßen. Diesmal kamen jüdische Kontingentflüchtlinge aus den ehemaligen Sowjetrepubliken nach Erfurt. Allerdings folgten sie nicht historischen Spuren, sondern den befohlenen Wegen eines zuwanderungspolitischen Verteilungsschlüssels. Seitdem besteht die Gemeinde mit inzwischen etwa 580 Mitgliedern größtenteils aus russischsprachigen Juden, eine Situation, die sie mit vielen anderen in Deutschland teilt. Doch damit gibt es auch die überall anzutreffenden Probleme. Nach Jahrzehnten kommunistischer Diktatur sind die meisten der Neuankömmlinge ihres Judentums entwöhnt, die wenigsten kennen sich in den Riten aus, Religiosität spielt nur eine geringe Rolle. Für die Aufrechterhaltung eines vitalen Gemeindelebens keine einfache Voraussetzung. Und wie ist das mit dem Interesse der Gemeinde für die derzeitigen Aktivitäten in der Stadt? Ihr Vorsitzender Nossen, einer der letzten «Breslauer», wirkt resigniert und formuliert zugespitzt, die meisten wüssten doch nicht einmal, was eine Mikwe ist. Eine Ansicht, die nicht alle teilen. Für Grigorij Pjatygorsky etwa, der in der Begegnungsstätte Kleine Synagoge einen russisch-deutsch-jüdischen Stammtisch organisiert, sind die Befürchtungen Nossens nicht nachvollziehbar. Schließlich lebe die Gemeinde von den Menschen, die sich in ihr engagieren. Wozu braucht man da einen Rabbiner, geschweige denn die Religion? Diese für so viele jüdische Gemeinden in der deutschen Gegenwart typische innere Spannung steht in einem augenfälligen Kontrast zu dem, was in Erfurt derzeit mit großem Aufwand an Erinnerungsarbeit geleistet wird. Eine Stadt besinnt sich, so darf man das Engagement für Mikwe und Alte Synagoge verstehen, ihrer jüdischen Wurzeln. So sehr auch touristische Vermarktungsstrategien ein wesentliches Motiv sein mögen, die liebevolle und qualitativ hochwertige Ausführung der Restaurierungsarbeiten ist ein beredtes Zeugnis für das aufrichtige Interesse von Politik und Öffentlichkeit. Um es mit den Worten des Erfurter Oberbürgermeisters Manfred Runge zu sagen, die wiederaufgenommene Spur jüdischer Geschichte muss sich «mit dem Vergangenen verknüpfen, in der Gegenwart wirken und auch in die Zukunft führen». Erfurt wird zweifellos in der europäisch-jüdischen Gedächtnislandschaft künftig einen herausgehobenen Stellenplatz einnehmen, wird sich mit anderen Brennpunkten jüdischer Geschichte, wie etwa Prag, messen können. Aber auch für Erfurt wird gelten, was andernorts zu beobachten ist. Jüdische Geschichte und Kultur sind en vogue, gehören auf die Agenda eines aufgeklärten, allseits interessierten Erinnerungsflaneurs. Die reale und vielerorts kaum anzutreffende Gegenwart jüdischen Lebens in Europa in-teressiert indes wenig. Und mit Blick auf Erfurt muss man wohl resümieren, dass viele Mitglieder der jüdischen Gemeinde selbst für die reichen kulturellen Zeugnisse ihrer Vorgänger kaum Interesse aufbringen. Weil sie mit diesem realen, aber auch mit dem religiösen Ort des Judentums nur wenig verbindet. So wird es denn noch ein langer Weg zur Normalität sein. Die Vergangenheit, zumal in Erfurt, hat immer wieder gezeigt, dass selbst nach den schlimmsten Katastrophen eine Renaissance jüdischen Lebens möglich ist. Blickt man auf die Schwierigkeiten der Gegenwart so weiß man dennoch, dass einige Mühe aufzubringen ist, diese zarte Pflanze zu pflegen. |