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Seines Bruders Mörder…Politik, Religion und Gewalt im jüdischen Lemberg
Michael Stanislawki, Professor für Jüdische Geschichte an der New Yorker Columbia University, war 1995 aufs Tiefste erschüttert, als er von der Ermordung Yitzhak Rabins durch einen orthodoxen Juden erfuhr. «Wie kann es denn sein, dass ein Jude einen anderen Juden aus religiösen und politischen Gründen umbringt?» fragte er sich, und er begann, die Spannungen zwischen orthodoxen und liberalen Juden in den vergangenen zweihundert Jahren unter die Lupe zu nehmen. In seinem Buch «A Murder in Lemberg» konzentriert Stanislawki sich auf den Mord am geschätzten Reformrabbiner Abraham Kohn im September 1848 im heutigen Lviv in der Ukraine. Der Täter: Ein orthodoxer Jude, Abraham Ber Pilpel. Über die Lebens- und Sterbensgeschichte Kohns hinweg stellt Stanislawski auch diejenigen Probleme dar, die alle Juden und Jüdinnen bei der Entfaltung einer individuellen Identität zu seiner Zeit gehabt haben dürften, als jeder Lebensschritt - Niederlassung, Studium, Verehelichung - mit den Behörden verhandelt und ausgemacht werden musste. Der Alltag war voller Einschränkungen und Schmähungen, und es ging darum, trotz allem die eigene Integrität zu wahren - Abraham Kohn war dabei keine Ausnahme. Dem Autor ist es gelungen, Zugang zu den vollständigen Polizeiakten in Lviv zu erhalten; zu Sowjetzeiten war dies nicht möglich gewesen. Aus den Dokumenten ergibt sich ein Schreckensbild: Am 6. September 1848 betrat Abraham Ber Pilpel die Kohnsche Küche und versetzte die Suppe, die gerade fürs Abendessen vorbereitet wurde, mit Arsen. Wenig später waren Kohn und seine jüngste Tochter tot: die übrigen Familienmitglieder rangen ums Leben. Ein Auftragsmord? Abraham Kohn wurde vor zweihundert Jahren, am 1. Januar 1807, im böhmischen Zaluzany als Sohn einer armen Familie geboren, die mit aller Kraft versuchte, das Geld für seine Ausbildung aufzubringen. Den Berichten nach war er ein brillianter Schüler, der beim Kreisrabbiner Isak Spitz Talmud lernte, gleichzeitig insgeheim die Humaniora studierte, am Gymnasium in Pisek seine Matura machte und schließlich an der Philosophischen Fakultät der Prager Karlsuniversität eingeschrieben war. Er fühlte sich schon früh zur jüdischen Aufklärung hingezogen, die die gesellschaftliche und politische Integration der Juden in die Mehrheitsgesellschaft vorantrieb, hatte aber nach seiner Ordinierung 1832 noch keine eigenen liberal-reformerische Ambitionen. Von 1833 an ist Kohn als Rabbiner in Hohenems in Vorarlberg tätig, wo er 1836 eine erste Konfirmation vornimmt; 1837 ist er Mitglied in Abraham Geigers «Verein jüdischer Gelehrter». 1844 wechselt Abraham Kohn als Religionslehrer und Prediger nach Lemberg, wo er 1845 die überaus erfolgreiche Israelitische Normalschule mit begründet, 1846 provisorisch zum Kreisrabbiner ernannt wird und 1846 das Deutsch-Israelitische Bethaus mit eröffnet. In den Augen eines Berliner Zeitgenossen ist Kohn ein Mann von großer Gelehrsamkeit und Charakter, von lebendiger Begeisterung, kräftiger Energie und unermüdlicher Ausdauer; gegen ihn sprächen aber «seine Persönlichkeit, seine äußerliche Erscheinung, seine gedrückte Haltung und seine nicht ganz reine Aussprache.» Als liberaler Rabbiner der zum deutschsprachigen Österreich hin orientierten jüdischen Kreise Lembergs bemühte sich Kohn um die Abschaffung all dessen, was ihm als sinnentleertes Zeremonialgesetz erschien, das seine Glaubensbrüder seinem Empfinden nach von einer wahrhaftigen Beziehung zu Gott abhielt. Er sprach sich gegen ein lange Zeit als sakrosankt verstandenes Brauchtum aus, etwa gegen die obligatorische Kopfbedeckung für verheiratete Frauen, gegen den Verzicht auf Lederschuhe während der Zeit des Schiwasitzens, oder gegen das Zerreißen von Kleidungsstücken bei einer Beerdigung. Seine persönliche Haltung spiegelt sich in seinen zahlreichen Veröffentlichungen wider, etwa in «Maimonides und die Rabbinen der germanischen Welt: ein schlagender Beweis, dass der Einfluss des Lebens auf das Gesetz mächtiger ist als der der Wissenschaft» (1839) oder «Leises Bedenken eines Rabbiners über die gegenwärtigen Hauptrichtungen in der Entwickelung des Judenthums» (1841). In Lemberg ermahnt der charismatische Redner seine Gemeindemitglieder, dass «unsere Glaubensbrüder jedes Wissen um das Wesen unserer Religion bitterlich vermissen lassen, da ihre Erziehung entweder vernachlässigt oder verdreht wurde, so dass das Jüdischsein manch eines Juden nichts anderes ist als eine von den Vätern übernommene Ansammlung von Verboten, Forderungen und Bräuchen, denen sie unbewusst und in unheiliger Weise gehorchen.» Seine Worte provozieren den Zorn der orthodoxen Gemeinschaft, die ihn wiederholt beschimpft und auch mal verprügelt. Als seine Ehefrau ihn einmal inständig bat, Lemberg zu Gunsten einer anderen Anstellung zu verlassen, soll er geantwortet haben: «Ich bin doch trotz allem unter Juden. Was sollen sie mir zu guter Letzt schon tun?» Anfang September 1848 wird er tot aufgefunden: vergiftet. Michael Stanislawski hat mit «A Murder in Lemberg» eine gründlich recherchierte Studie in wissenschaftlicher und doch sehr persönlich gehaltener Sprache vorgelegt. Seine Arbeit enthüllt die ganze Komplexität und Radikalität der neuen Vorstellungen, die in den 1840-er Jahren die Juden erfassten - in einer Zeit, in der er das «leidenschaftliche Ziel jüdischer Erneuerer überall in der Welt war, ein für sie intellektuell kohärentes und spirituell befriedigendes Judentum zu gestalten, ganz gleich, ob sie nun zweifelnde Talmudschüler waren, junge säkulare Unternehmer, Universitätsstudenten oder auch schon berufstätige Ärzte und Juristen. Michael A. Meyer, der Historiker der jüdischen Reformbewegung, charakterisiert Kohn übrigens so: «He made a genuine effort to understand Galician Jewry, to appreciate its virtues no less than to condemn what he regarded as its shortcomings. Rare among enlightened Jews was his high regard for the religiosity of the hasidim. To be sure, he believed them superstitious and backwarded, but their innocent faith and genuine sense of community aroused his admiration.. » Die offenkundige Verbundenheit des Autors mit seinem Gegenstand ist manches Mal anrührend; keine Frage, dass es in Kohns Leben und Werk so manches gibt, das Stanislawski bewundert. Und doch scheint er hin- und hergerissen zu sein zwischen seinem Interesse am Fall Kohn und dem ganz allgemeinen Wunsch nach jüdischer Kontinuität: Als er in der Ukraine an seinem Buch arbeitete und durch die selben Straßen ging, in denen sich einst auch Abraham Kohn bewegte, da suchte er überall nach Spuren jüdischen Lebens. Zu seinem Kummer fand er aber kaum mehr als ein paar dürftige Gedenktafeln und eine unheilvolle Stille dort, wo einst eine blühende jüdische Metropole mit über 111.000 Juden bestand, die den Nazis zum Opfer fielen.
Michael Stanislawski:
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