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«In göttlicher Inspiration»Berlins Jüdische Kulturtage gehen in den Sommer
Zwischen Orgel und Orthodoxie thematisiert, der Begegnung von Juden und Nichtjuden verpflichtet, der Kunst zugeneigt, die ihren hohen Ursprung in göttlicher Inspiration habe - das seien die Leitgedanken der diesjährigen Jüdischen Kulturtage in Berlin, die vom 31. August bis 9. September stattfinden werden, so Peter Sauerbaum, Kulturdezernent der Gemeinde. Das Kulturfestival sei damit auch «geistig in die Jüdische Gemeinde zurückgekehrt», ebenso wie an seinen ursprünglichen Termin. Da die Zuschauerzahlen in den letzten Jahren stagniert seien, würde sich das Festspielangebot nun auch bewusst an Städtetouristen richten. Der Vorsitzende der Gemeinde, Gideon Joffe, lud indes auch die Hauptstädter ein «ihr Judentum» kennenzulernen, warb für die populäre «Lange Nacht der Synagogen» und ein Fest der Gemeinde für alle Berliner, um Vorurteile abzubauen und so ein verständnisvolleres und toleranteres Miteinander zu erleben. Künstler aller Festivalsparten werden ebenso mitwirken, sowie jüdische Küche offeriert, denn bekanntermaßen muss ja alles, was den Menschen in Bewegung setzt, mehr durch seinen Magen als durch seinen Kopf! Toleranz soll vor allem im Bereich der Musik gelingen. Shelly Kupferberg, Festivalberaterin für Musik, bezeichnete die Begegnung von israelischen mit «seelenverwandten» palästinensischen wie deutschen Künstlern direkt auf der Bühne als einen der Schwerpunkte der Kulturtage. «Was wäre die israelische Musikszene ohne den aktuellen Konflikt im Nahen Osten, sie wäre eine komplett andere!» Die israelische Reggae-Band von Moshe Ben Ari wird auf die deutschen Kollegen von «Jahcoustix» treffen, die Israelis vereinen dabei israelischen Rock mit Ethoeinflüssen aus der Karibik, Afrika und einer Prise HipHop, basierend auf spirituellen Schriften, dem irakisch-familiären Migrationshintergrund Ben Aris und seinem Musikstudium in Indien. Angezeigt wird ein «entspannt-enthusiastischer Abend», in den die Deutschen Einflüsse des in Kenia, Liberia, Ägypten, Mexiko und New York aufgewachsenen Leadsängers Dominik Haas einbringen, dessen Texte spirituell, sozialkritisch und metaphorisch eine deutliche Sprache sprechen. Beide Konzerte im Sage Club krönt die «Russendisco» von DJ Yuriy Gurzhy. «Harte Beats in harten Zeiten» werden DAM, das erste und inzwischen «angesagteste HipHop-Trio Palästinas» gemeinsam mit dem israelischen HipHoppern Mooki und Piloni zelebrieren. «Wir rappen auf Arabisch, aber wenn wir der jüdischen Gemeinschaft etwas zu sagen haben, rappen wir auch auf Hebräisch», so Sänger Tamer Nafer, Idol vieler junger Palästinenser und ihr Sprachrohr in Israel wie in den Autonomiegebieten. «Ich hoffe, dieses Konzert wird friedlich stattfinden», so Kupferberg zuversichtlich. Auch Alt-Stars der Kulturtage wie Jalda Rebling mit Mark Aizikovitch und ihrem Programm zu «Einem Tag der Familie Teitelboim anno 1905», das in den Mikrokosmos ostjüdischen Lebens eintauchen lässt, sind dabei. Musik aus Theresienstadt von Gideon Klein, Erwin Schulhoff und Hans Krása wird das Streich-Trio um Daniel Hope aufführen, dem «Best Young Performer 2004» des Classic Brit Awards und Echo Klassik-Preisträger. Gut ein Jahr nach der letzten Auflage von Buch und CD präsentieren die Kulturtage die Gedichte der 15jährigen Selma Meerbusch-Eisinger aus dem seinerzeit rumänischen Cernowitz, gelesen von Hannelore Elsner, musikalisch begleitet von Volkan Baydar von «Orange Blue», Thomas D von den «Fantastischen Vier», Stefanie Kloß von «Silbermond», gemeinsam mit dem David Klein Quintett und dem RIAS-Jugendorchester. Mit 18 Jahren starb Selma in einem deutschen Arbeitslager, 57 ihrer Gedichte über Lejser Fichman, ihre erste und einzige Liebe, über Blumen und den Herbst, sind auf abenteuerliche Weise gerettet worden: Ihre Freundin Else Schächter hat sie während NS-Zeit verwahrt, eine andere, Renée Abramovici, brachte sie im Rucksack zu Fuß, auf Pferdewagen, auf den Dächern von Personenzügen und mit dem Schiff durch Polen, Ungarn, die Tschechoslowakei, Deutschland, Österreich und Frankreich 1948 nach Israel. «Mit Selmas Gedichten habe ich die Heimat herumgetragen», schreibt sie später. Der «ungarische Teufelsgeiger» Roby Lakatos präsentiert kraftvolle Musik der osteuropäischen Zigeuner, begleitet von Myriam Fuks, deren warme Altstimme den charismatischen Gegenpol dieses Abends bieten wird. Last but not least der Superstar David Broza bei einem seiner seltenen Deutschland-Konzerte. Drei Ausstellungen geben dem recht musiklastigen Programm der diesjährigen Kulturtage auch andere Farben. «Wo ist Lemberg» lädt dazu ein, die Geschichte der Stadt an der Schwelle zwischen West und Ost zu erkunden, die einst visionäre Wissenschaftler, internatio-nale Bühnenstars, berühmte Literaten und populäre Künstler hervorgebracht hat. Als Arthur Schnitzler im beginnenden 20. Jahrhundert sein Bühnenstück «Reigen» präsentierte, waren die zehn Dialoge ein Skandal, präsentierten sie doch ein ungeschöntes Sittenbild ihrer Zeit und darin die Sexualität als zentrale Triebkraft der Gesellschaft. «Affären und Affekte», so der Titel der Exposition, wird von einer eigenen ausgesuchten Filmreihe begleitet. Schließlich die Künstlergruppe «Meshulash», ebenso Alt-Bekannte des Festivalpublikums, die sich diesmal dem Thema «Sündenbock» universal und politisch mit Mitteln von Malerei über Fotografie bis Pop Art stellen wollen. Doch zurück zur Idee: Die Eröffnung der Jüdischen Kulturtage wird einer der bedeutendsten religiösen, kultur- und architekturgeschichtlichen Höhepunkte des Kultursommers der Hauptstadt werden: Die Wiedereröffnung nach langer Renovierungszeit der größten Synagoge Deutschlands mit Einbringung der Tora-Rollen, viel Prominenz aus Politik und Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft, untermalt mit wiederentdeckten jüdisch-liturgischen Gesängen aus den deutschen Synagogen des 19. Jahrhunderts.
Das komplette Festpielprogramm
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