Albert Einstein. Foto: Cent. Jud.

«Das Innerste Wesen unseres Volkes»

Das Berliner Centrum Judaicum präsentiert den Künstler und Zionisten Hermann Struck

 

Meine erste Begegnung mit Hermann Struck (1876-1944) war flüchtig: Zum Abitur bekam ich seinen Band «Das ostjüdische Antlitz» geschenkt, den ich gleich ins Antiquariat trug, um mir aus dem Erlös ein Flugticket nach Israel zu kaufen. Später traf ich immer wieder auf seine Radierungen, sei es nun bei Freunden im Kibbutz Hasorea oder in den Logenräumen in der Passauer Straße in Berlin. Aus den Erzählungen von Landesrabbiner William Wolff weiß ich, dass Hermanns Struck Landschaften und Porträts manch einen ein Leben lang begleitet haben. Umso schöner das Wiedersehen nun in Berlin, der Stadt, zu der sich Struck als Jude bekannte, wo seine geistigen und künstlerischen Wurzeln waren. Dank der Zusammenarbeit mit Mickey Bernstein, der den Nachlass von Hermann Struck in Tel Aviv hütet und bewahrt, ist sein Werk nun für einige Wochen nach Berlin zurückgekehrt. Das Centrum Judaicum präsentiert mit der Unterstützung des israelischen Unternehmers Stef Wertheimer noch bis zum 19. August die umfassende Ausstellung «Hermann Struck - Berliner Künstler und früher Zionist. 1876 -1922 Berlin, 1922 -1944 Haifa» - eine Ausstellung, die eine Lücke schließt.

Der Berliner Künstler war eine einzigartige Figur - in Deutschland und in Eretz Israel. Bekannt wurde Struck durch seine Radierungen von jüdischen Charakterköpfen, Porträts und Landschaften. Er war im Ersten Weltkrieg deutscher Offizier und schuf Hunderte von Lithographien vor allem von der Lebenswelt der Juden Osteuropas. Aus einer Begegnung mit dem Schriftsteller Arnold Zweig in Litauen 1915 entstand das Buch «Das ostjüdische Antlitz». Für Hermann Struck war die Frage, ob ein Kunstwerk jüdisch sei oder nicht, nicht nur davon abhängig, wer es geschaffen hatte, sondern auch davon, ob der Betrachter seinen jüdischen Inhalt zu erkennen vermochte. Diesem Wesen, «dem Echten», spürte er in seinen Bildnissen nach. Martin Buber bezeichnete diese «Judenköpfe» als Offenbarung des «innersten Wesen unseres Volkes». Schon 1901 nannte Buber Struck in seiner Rede über «Jüdische Kunst» auf dem Basler Zionistenkongress einen «sehr begabten jungen Radierer [...], der ein seltenes Verständnis für seelenvolle Darstellung jüdischer Köpfe besitzt, und von dem noch viel Schönes zu erwarten sein wird.»

Gleichzeitig war der Berliner Jude Hermann Struck, Chaim Aharon ben David, der Zeit seines Lebens ein religiöser gesetzestreuer Jude blieb und seine Werke mit hebräischen Initialen und Davidstern signierte, ein Zionist der ersten Stunde. Im Jahre 1903 - auf seinem Rückweg aus Eretz Israel, wo er auf dem Fünften Zionisten-Kongress seine Kunst ausgestellt hatte und zum Mitbegründer der Mizrachi-Bewegung geworden war - schuf er in Wien das Bildnis Theodor Herzls, das zur Ikone des Zionismus werden sollte. 1922 entschloss er sich, Deutschland zu verlassen und sich in Haifa niederzulassen. Er wurde Mitglied der Neuen Bezalel Akademie für Kunst und Design und half bei der Gründung des Tel Aviv Museum of Art.

Jüdischer Fuhrmann. Foto: Cent. Jud.

Um den künstlerischen Reichtum seines Werks, um ihn als Mensch und seine starke öffentliche Aktivität zu verstehen und präsentieren zu können, haben sich zwei Institutionen in Israel und Deutschland verbunden: das Open Museum in Tefen und das Centrum Judaicum in Berlin. Die überwiegende Zahl der Werke in dieser Ausstellung stammt aus dem Hermann-Struck-Archiv, das von Mickey Bernstein (Tel Aviv) aufbewahrt und betreut wird. Die Ausstellung will das Bild eines bedeutenden Künstlers zeigen, bedeutsam für die deutsche Kunst wie auch für die Kunst in Israel, wo es seit sechs Jahrzehnten keine retrospektive Austellung der Werke Hermann Strucks mehr gegeben hat. Die Ausstellung und der 600 Seiten starke zweisprachige Begleitband machen mit schön illustrierten Büchern und Exlibris aus der Hand Strucks auch dessen Liebe zum Buch deutlich, zum Buch, das nicht allein Objekt und Kunstwerk ist, sondern ein Partner und Freund des Menschen. Dass Struck selbst ein großer Menschenfreund und begabter Kommunikator war, kommt in Zeugnissen seiner Zeitgenossen zur Sprache, etwa bei Alfred Kerr und Alexander Granach, bei Sammy Gronemann und Victor Klemperer.

Als Hermann Struck 1944 in Haifa starb, schrieb der Dichter Schin Schalom: «Du gabst dein Herz und deinen Verstand / Und zuletzt auch dein Blut / Was hättest du sonst noch, teurer Bruder, dem Volk geben können?»

Hartmut Bomhoff

 

Information:

Begleitband zur Ausstellung:
«Hermann Struck - Berliner Künstler und früher Zionist. 1876 -1922,
Berlin 1922 -1944 Haifa»
herausgegeben von R. Ofek und C. Schütz
49 Euro.

 

«Jüdische Zeitung», Juli 2007