Die Streisand in Berlin. Foto: dpa

Nur wer im Wohlstand lebt, lebt angenehm

Barbara Streisand in der Berliner Waldbühne

 

Zweihundert hat es gekostet. So viel, wie mein Marktwert momentan. Deshalb habe ich mir eingeredet, ich könne es riskieren. Ihre Schallplatte besitze ich seit über dreißig Jahren (meine erste Frau sieht ihr ähnlich). Vor allen Dingen mag ich es, wenn sie wütend wird beim Singen. Natürlich hat mich auch ihre Traurigkeit angezogen, wie man so sagt, voll professionell. Und dann das: Vom Bahnhof Olympiastadion mit dem Fahrrad bis zum Eingang geradelt, durch die Kontrollen (einmal Karte, einmal Pieper). Meine Wärmflasche bleibt unverdächtig, meine Joints sowieso. Ich lande auf einer Bank hinter dem Gitter, davor ein Lichtmast, aber ich habe ja noch die Großleinwand.

Das Orchester spielt die Ouvertüre, sie kommt, singt fünf Lieder, dann muss sie die Schuhe wechseln oder so. Die vier Jungs, die sie statt ihrer singen lässt, schmalzen mir die Ohren zu. Noch obszöner daran ist, dass sie vorher mit ihnen kokettiert: Ihr könntet meine Söhne sein. Natürlich würde auch ich mich gern gleichzeitig von vier Jungfrauen befriedigen lassen. Aber muss man mir dabei zusehen? Ich kann auf der Leinwand ihre Leberflecke im Dekolleté sehen. Solche, wie der ältere Herr neben mir an der Hand hat (darin die Cocktails für ihn und seine Tochterfreundin neben ihm). Hinter mir übersetzt während der nicht enden wollenden Ansagen eine Zuschauerstimme ins Deutsche. Erst war man bei mir im Block verärgert, wegen der schlechten Organisation, den Kontrollen, dann aber beruhigte man sich: Sie ist Amerikanerin und Jüdin dazu. Vor der Bühne wird über die Currywurst gesprochen, die sie im Berliner Lustgarten am Imbiss gegessen haben soll, womit ihr Hang zur Fettleibigkeit gemeint ist. Dann ist erst mal Pause, ich steige die Treppen zur Toilette hoch, die ist im Preis inbegriffen. Der Wein aus meiner Wärmflasche macht sich bemerkbar.

Im zweiten Teil liest sie aus einem Topf entnommene Zuschauerkarten vor, stellt ihren Sohn in Großaufnahme dem Publikum vor, Saddam Hussein hatte auch immer diese Doubles, ansonsten würde ich um seine geistige Gesundheit fürchten, platziert sie ihn doch bei jedem Konzert in die erste Reihe. Einer, der im 500er Block sitzt und den ich treffe, sagt, sie liest alle ihre Ansagen vom Teleprompter ab. Da braucht sie auch keinen Witz mehr über ihre Brille machen, die alte dicke Frau mit ihrer unerträglichen Eitelkeit. Nur in manchen Tönen kann man noch die Klasse erahnen, eine Carmen Nebel für Reiche oder wie man in Jiddisch-berlinerisch sagt: Kitsch und Talmi! Das gibt es jeden Tag im Fernsehen, da bin ich mehr für preußische Bescheidenheit und Strenge. Das Bonbon ist zu süß, zu klebrig, es blendet den Geschmack aus, der zum Leben gehört, die Wut ist wohl mit dem Erfolg verflogen. Wie Brecht sagt: Nur wer im Wohlstand lebt, lebt angenehm. Zu viel Holly und Schmolly und Kitschwood. Ich komme mit Fahrrad und Bahn schnell wieder weg, während sie noch singt. Nur die Zweihundert muss ich wieder reinkriegen.

André Herzberg

«Jüdische Zeitung», Juli 2007