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«Mich kann man leicht glücklich und leicht traurig machen»Michael Jürgs gelingt ein sehr persönliches Buch über die früh verstorbene Künstlerin Eva Hesse
Die hätten Nachbarn sein können, der Autor und seine Protagonistin. Wenn Hitler nicht gewesen wäre und nicht die Schoa. Als Michael Jürgs vom Leben seiner Fast-Nachbarin Eva Hesse erfuhr, war er erschüttert und ging auf Spurensuche dieser ungewöhnlichen Frau, die nur 200 Meter von ihm entfernt gewohnt hätte, dort in Hamburgs Isestraße, wo viele Stolpersteine von den jüdischen Familien erzählen, die hier einmal lebten und vernichtet wurden. So auch die Familie Eva Hesses. Als Zweijährige wurde sie mit ihrer damals fünfjährigen Schwester Helen am 12. Dezember 1938 in Hamburg-Altona von der Gestapo auf einem für andere Bürger strikt abgeriegelten Bahnsteig in einen Zug gesetzt, Ziel Den Haag. Vater Wilhelm, Rechtsanwalt, und Mutter Ruth «die schönste Mutter der Welt» (Eva Hesse), folgten nach zwei Monaten. Gemeinsam konnte die Familie über England in die USA fliehen und kam 1939 in New York an. Dort wuchs Eva Hesse auf. Michael Jürgs folgte Eva Hesse nach Holland und New York, nach Woodstock und Kalifornien. Er folgte ihr zur gescheiterten Ehe mit dem Bildhauer Tom Doyle, von dem sie sich nicht scheiden ließ, damit keine andere Frau diesen Namen, ihren Namen, nach ihr tragen konnte. Der 61-jährige Jürgs, ehemals Chefredakteur des «Stern» und des Kultmagazins «Tempo», macht die Frau und Künstlerin Eva Hesse berührbar. Er interviewte ihre Liebhaber und Freunde, darunter viele berühmte Künstler wie Sol LeWitt, der vor Kurzem, am 8. April, in New York starb. Er las Eva Hesses Tagebücher und die ihres Vaters Wilhelm, der in New York noch einmal einen neuen Beruf erlernte: Versicherungskaufmann. Als er noch zu Hause in Hamburg war, notierte Wilhelm Hesse nur das real-tägliche Leben - als Gerüst für die Gefühle, Gedanken und wahren Begebenheiten, die er diesen Notizen im Exil hinzufügte. In nur drei Monaten schrieb Jürgs die Biografie «Eine berührbare Frau - das atemlose Leben der Künstlerin Eva Hesse», erschienen im C. Bertelsmann-Verlag. Nach 20 Lesereisen sagt Jürgs glücklich zur JZ: «Niemand kannte Eva Hesse, aber jetzt gehen alle auf Spurensuche, beispielsweise ins Wiesbadener Museum, wo einige ihrer Werke sind, und das Hotel in dem Haus, in dem die Hesses hier in der Isestraße wohnten, will sogar eine Gedenktafel zu Ehren Eva Hesses und ihrer Familie aufstellen.» Eva Hesse kam Michael Jürgs auf seiner Spurensuche ganz nah, stellte ihm Fragen, deren Antworten er finden sollte, sie lebte mit ihm. «Mir hat mein Arzt mal gesagt, dass er eine so unglaubliche Biografie wie die meine noch nie gehört hat. Haben Sie Taschentücher dabei? Es ist keine Kleinigkeit, mit dreiunddreißig Jahren an einem Gehirntumor zu leiden. Na ja, mein ganzes Leben war so», erzählte Eva Hesse in ihrem letzten Interview wenige Wochen vor ihrem Tod im Jahr 1970. Jürgs stellte das Interview als Vorwort in sein Buch. Nüchtern erzählt Eva Hesse von ihrem Leben: «Der Bruder meines Vaters und dessen Frau endeten im Konzentrationslager. Niemand in meiner Familie, außer uns, hat es geschafft. Nur wir.» Immer hatte die junge jüdische Künstlerin auf ihren Ruhm gehofft. Wenige Tage vor ihrem Tod am 29. Mai 1970 brachte ihre Schwester Helen Charash ihr die Mai-Ausgabe des Kunst-Magazins «artforum» mit ins Memorial Hospital in Manhattan gebracht. Eva Hesses Raum-Installation «Contingent» war auf der Titelseite abgebildet. Im Innenteil wurde ihr eine große Reportage gewidmet. Wer im «artforum» angekommen war, hatte auch die internationale Künstlerspitze erklommen. Eva Hesse hatte die Sterne im Künstlerhimmel berührt. «That's me», sagte sie, den todbringenden Tumor im Kopf, zu ihrer Schwester Helen, die das Titelblatt an die Krankenhauswand hängte, damit Eva ihren Triumph jederzeit sehen konnte. Als sie wenige Stunden vor ihrem Tod noch einmal aus dem Koma erwachte, sprach Eva Hesse eine Sprache, die niemand, nur ihre Schwester Helen, verstand: deutsch. Zeit ihres Lebens litt Eva Hesse unter hoher Verlustangst. Auf dem Bahnhof Hamburg-Altona durften sich die Eltern nicht von ihren Töchtern verabschieden. Die Nazis befürchteten herzzerreißende Abschiedsszenen, und das hätte einige noch anständige «arische» Bürger stutzig machen können. Die Eltern mussten die Mädchen in die Wartehalle bringen - und sofort verschwinden. Einfach so, ohne Abschied. «Wir durften nicht mit auf den Bahnsteig. Helen und Evchen hielten sich an den Händen und gingen zum Zug, umgeben von Zollbeamten und Gestapo, die in Wirklichkeit Kriminelle in Uniform waren», vervollständigte Wilhelm Hesse erst im Exil seine wahren Gefühle und Gedanken in seinem Tagebuch. Für seine Töchter schrieb er auch das Leben der Mutter auf, die in Hameln aufwuchs. 30 Jahre später ging Eva Hesse mit Ehemann Tom Doyle auf Spurensuche - und fand das Haus der Großeltern in der Osterstraße 17 in Hameln unversehrt, sprach sogar mit der Tochter des Mannes, der den Großeltern Erna und Moritz Marcus die Möbelhandlung für einen Bruchteil ihres Wertes «abkaufte», als sie aus Hameln vertrieben wurden - nur, weil sie Juden waren. Die Eltern des Vaters waren in Hamburg Mitte der 1920er-Jahre verstorben. «Mich kann man leicht glücklich und leicht traurig machen, weil ich schon so vieles durchgestanden habe», sagte sie im letzten Interview. Dieses Kindheits-Trauma indes benutzen viele Kunstkritiker später, um ihre Kunst allein darauf zu reduzieren. Grund: Frauen, vor allem begabte Frauen, die eine Botschaft hatten, wurden auch in New York von den Männern gern in Schubladen gesteckt, um ihnen die Entfaltungsfreiheit zu nehmen. So hörte Eva Hesses Lebenskampf, in früher Kindheit begonnen, auch in der amerikanischen Kunstszene nicht auf - bis zu ihrem frühen Tod. Ihr Lebenskampf war zwar geprägt von Verlustängsten, die sich in Albträumen und Allergien äußerten, doch gewann ihre Lebensfreude, ihre Fröhlichkeit und ihr tiefer Humor immer wieder. Ruhe aber findet sie nicht - und die Männer an ihrer Seite ebenfalls nicht. Sie wünschen sich eine unkomplizierte Frau, finden sie natürlich auch, und Eva wird wieder einmal verlassen. Was bleibt, sind ihre Schwester Helen, einige Freunde und vor allem die Kunst. Heute gehört Eva Hesse zu den renommiertesten Künstlerinnen der Gegenwart. Ihre Werke hängen in Museen und Privat-Sammlungen und werden hoch gehandelt. Ein 16-seitiger, farbiger Bildtteil im Buch zeigen Werke wie «Contingent», «Ringaround Arosie», «Hang up», die Installation «Accession III, Accretion and Repetition, Nineteen III» oder auch die Installation «Expanded Expansion» mit Eva Hesse im Bild.
Michael Jürgs' Biografie über Eva Hesse ist indes nicht nur eine spannende Lebensbeschreibung mit romanhaften Zügen. Auf seiner Suche nach dem Menschen und der Künstlerin Eva Hesse beschreibt Jürgs auch intensiv ihre Freundinnen, Freunde und Lebensgefährten, und zwar dergestalt, als sei er bei den Begegnungen dabei gewesen. Der Autor taucht tief ins Leben Eva Hesses ein und nutzt die vielen Interviews mit ihren Freunden und Weggefährten dazu, deren Leben mit Eva widerzuspiegeln. So entstand ein kunsthistorischer Ausflug in die amerikanische und deutsche Kunst der 60er- und 70er-Jahre. Die Biografie ist aber auch ein historisches Dokument über die Vertreibung der Hamburger Juden, über die Qual der Emigration und über die Perfidität, mit der der braune Terror Deutschlands die jüdischen Bürger mit System ausplünderte, bevor sie vertrieben oder in den Tötungsfabriken der Nazis ermordet wurden. Jürgs schlug im Hamburger Staatsarchiv nach, fand die «Akte Hesse», in der sogar eine Liste der Gegenstände liegt, die Eva und Helen auf den Kindertransport mitnahmen. Jürgs wird zum Chronisten und zitiert in der Biografie minuziös und akribisch die Liste der Haushaltsgegenstände und des Bar- und Bankvermögens, die Wilhelm Hesse in vielen eng beschriebenen Seiten für die Finanz- und Zollschergen der Gestapo aufführen musste. Geblieben ist ihm nichts. Sogar noch im Exil wurde auf seinem in Deutschland verbliebenen «Auswanderersperrguthaben» Summen abgebucht, beispielsweise für plötzlich entdeckte Steuerrückstände. Der Schmuck, darunter wenig wertvolle Erinnerungsstücke, wurde im Bank-Depot eingelagert. Die Familie Hesse sah kein Stück wieder. So wird Michael Jürgs Buch auch zu einer Abrechnung mit der Schuld Deutschlands als Verursacher der Schoa. Die Verdrängung dieser Schuld in den 50er- und 60er-Jahren trieb den 1945 geborenen Jürgs dazu, Journalist zu werden. Er wollte und will das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte offen legen. Mit «Eine berührbare Frau - Das atemlose Leben der Künstlerin Eva Hesse» ist es Jürgs bestens gelungen.
«Eine berührbare Frau - C. Bertelsmann-Verlag, 384 Seiten, 16 Seiten farbiger Bildtteil mit Abbildungen von Werken Eva Hesses, 60 Schwarzweiß- Fotos, überwiegend von der Familie Hesse. |