Konkurrenz für Vladimir Kaminer

Der Literaturwettbewerb «Neuer Hafen» versammelt bemerkenswerte Migrantenerzählungen

 

Seit dem vergangenen Herbst strebt der Bestsellerautor Wladimir Kaminer ein völlig unliterarisches Ziel an. Nach der letzten Wahl des Regierenden Bürgermeisters in Berlin gab er bekannt, im Jahre 2011 persönlich gegen Klaus Wowereit antreten zu wollen. Eine weise Entscheidung, denn seine Spitzenposition als russischsprachiger, aber Deutsch schreibender Autor scheint ernsthaft in Gefahr. Die Konkurrenz stammt sozusagen aus den eigenen Reihen. Er bekomme deswegen eine Meise: «Wer hätte es gedacht, dass die Russen so viel schreiben?»

Auslöser von Kaminers Befürchtungen ist der Literaturwettbewerb «Neuer Hafen», der von dem Dresdner Club «St. Petersburg» initiiert wurde. Als erster deutschlandweiter Wettbewerb bot er russischsprachigen Menschen mit Migrationshintergrund die Möglichkeit Erzählungen, Prosastücke, Essays über Sorgen, Nöte, Freuden, eben ihre persönlichen Erfahrungen in Verbindung mit der Einwanderung nach Deutschland öffentlichen Raum zu geben. Die Idee des Clubs St. Petersburg, der sich seit 2002 um einen kulturellen Austausch nicht nur zwischen den Partnerstädten St. Petersburg und Dresden bemüht, war es, den Teilnehmern Gehör vor «der Bevölkerung des Landes, in dem sie nicht als Gäste leben» zu verschaffen. Man wolle zu einer aktiveren Zukunftsgestaltung und der Artikulation der eigenen gesellschaftlichen Rolle motivieren. Dennoch rechnete wohl keiner der Initiatoren und Juroren des Wettbewerbs mit einer derartig regen Beteiligung. So hatte die Jury, bestehend aus Wladimir Kaminer, Mirko Sennewald, Evelyn Radke und Harry Maier, unter den knapp 200 unterschiedlichsten Einsendungen die Qual der Wahl. Lediglich zwanzig der Erzählungen sollten in dem anlässlich der Preisverleihung erschienene Buch veröffentlich werden.

Anfang Juni war es dann soweit. Im Dresd-ner Rathaus wurde der Band mit den ausgewählten Prosastücken vorgestellt und gleichzeitig die Preisträger verkündigt. Wie schwer es der Jury gefallen sein muss, sich zu entscheiden, wird an der Vergabe der Preise sichtbar. So gibt es einen ersten Platz («Descartes und die Fliegen», Alexander Biller), drei zweite Plätze («Frau Katz und Frau Vogel», Anna Sochrina; «Veteranen», Reinhold Schulz; «Begegnungen auf dem Bahnsteig», Leo Bill) und einen dritten Platz («Wie ich in Hamburg Deutsch gelernt habe», Gennady Braginsky).

Aber nicht nur wegen der fünf preisgekrönten Erzählungen lohnt sich eine Schmökerstunde in dem kleinen Band, der leider nicht im Handel, sondern nur über die Homepage des Clubs St. Petersburg erhältlich ist. Der Jury ist es tatsächlich gelungen, ein breites Spektrum sowohl heiterer als auch äußerst betrüblicher Erfahrungen der eingewanderten Teilnehmer für alle Interessierten bereitzustellen. Weder stilistisch noch inhaltlich könnten die Stücke kaum unterschiedlicher sein. So begegnet der Leser alltäglichen Heiterkeiten, die sich aus kulturellen Missverständnissen ergeben, Mobbing am Arbeitsplatz, den Höhen und Tiefen des Deutschlernens, den Schicksalen, die sich am bekannten Bahnhof Berlin-Lichtenberg zutragen, den Denk- und Merkwürdigkeiten deutscher Behörden. Aber er trifft auch immer wieder auf eine weitere Komponente, die im Leben vieler eingewanderter Menschen aus einem der Länder der ehemaligen Sowjet-union eine wichtige Rolle spielt, nämlich dem Jüdischsein. Manchem helfen die jüdischen Wurzeln Freundschaften zu jüdischen Deutschen zu knüpfen und alle anderen sozialen Unterschiede zu vergessen. Für andere bedeutet es auf der ohnehin schwierigen Hin- und Hergerissenheit zwischen den Nationalitäten ein weiteres Hindernis, besonders wenn sie von den jüdischen Gemeinden abgewiesen wurden. Der Leser erfährt aber ebenfalls, dass deren Sozialarbeit manchmal das letzte Hoffnungslicht für russisch-jüdische Migranten ist. Schließlich wird auch ein weiterer Konflikt nicht vergessen, nämlich der, der sich aus dem schockierten Erwachen vor einer Gedenktafel an den 9. November 1938 ergibt. Dabei wird die Zerrissenheit zwischen dem Russisch-, Deutsch- und nicht zu vergessen dem Jüdischsein, welche sich als Grundtenor durch viele der Erzählungen zieht, deutlicher denn je.

Den vom Club St. Petersburg, der «Aktion Mensch» und der Stadt Dresden gestellten Anspruch, die alltäglichen Probleme und Freuden, Sorgen und Hoffnungen, Resignation und Träume der russischsprachigen, aber deutschschreibenden Teilnehmer einem breiteren Publikum verständlich zu machen, ist in jedem Fall gelungen. Jetzt bleibt zu hoffen, dass auch möglichst viele zu dem Büchlein «Neuer Hafen» greifen, damit das beinah pathetisch klingende Ziel der Initiatoren, «die Verständigung und die Freundschaft zwischen den Völkern, die auf deutschen Boden leben» zu fördern, erfüllt wird. Und natürlich, damit Wladimir Kaminer sich warm anzieht.

Friederike Neuber

 

 

Club St. Petersburg e.V.:
Neuer Hafen. Migrantenerzählungen.
Dresden 2007.
Der Band ist über die Homepage
des Clubs bestellbar: www.club-spb.de.

 

«Jüdische Zeitung», Juli 2007