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«Ich möchte nicht mein Kind gewesen sein»Eine Biografie von Mascha Kaléko ist zum hundertsten Geburtstag der Dichterin erschienen
Erst zu ihrem hundertsten Geburtstag wurde Mascha Kaléko in deutschsprachigen Feuilletons gefeiert. Erst jetzt wurde erkannt, dass sie eine der größten deutschen Lyrikerinnen ist. Zwar hat Deutschlands Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki in seinem 2005 erschienenen «Kanon der deutschen Literatur» acht Kaléko-Gedichte aufgenommen, zwar mahnte er immer wieder an, dass «die satirischen Talente von der Kritik lange unterschätzt wurden». Doch die verkopfte, deutschsprachige Literatur-Szene verkannte den Tiefgang ihrer Gedichte und Geschichten. Die männliche Szene versagte der Frau wieder einmal Anerkennung und Respekt. Wie schon Else Lasker-Schüler oder auch der Künstlerin Eva Hesse, und: Welche Anerkennung wäre wohl Erika Mann ohne ihren berühmten Vater Thomas zuteil geworden? Eine Frau war es denn auch, die Mascha Kalékos Werk und Leben aus der ehrenwerten, aber dennoch reduzierten Ecke des «Kabarett» hervorholte und in der Biografie «Mascha Kaléko» (dtv premium) anspruchsvoll und spannend, unterhaltsam und lehrreich zugleich aufbereitete. Die Autorin Jutta Rosenkranz, in Berlin zu Hause wie Mascha Kaléko es stets war, verquickte die Biografie mit Gedichten, zitierte aus Briefen, Tagebüchern und Gesprächen. Und: Sie weist knapp, aber prägnant auf das politische Weltgeschehen hin, das das Leben der Kaléko beeinflusste, sei es der Erste Weltkrieg, die Schoa, der Sechs-Tage-Krieg in Israel. Jutta Rosenkranz erzählt mit viel Anteilnahme vom stürmischen Leben der Mascha Kaléko. Als Golda Malka Aufen wurde sie am 7. Juni 1907 in West-Galizien geboren. Vater Fischel Engel ist Kaufmann und Russe, Mutter Rozalia Chaja Reisel Aufen ohne Beruf und Österreicherin. Zwar hatte ein Rabbiner das Paar getraut, nicht aber der Staat. Immer wollte Mascha daher «Privates» wie Kindheit und Eltern verbergen und hat viele Dokumente vernichtet. Jutta Rosenkranz hat in diversen Archiven nachgeforscht und Mascha Kalékos Geschichte auch in enger Zusammenarbeit der Kaléko-Vertrauten und -Nachlassverwalterin Gisela Zoch-Westphal behutsam aufbereitet. Maschas eigene Mutter stufte sie als «schwer erziehbar» ein. Mascha lebte in ihrer eigenen Welt. Auch Jahrzehnte später, als sie in Jerusalem wohnte (1959 bis zu ihrem Tod 1975), ihre Mutter und ihre Schwestern Lea und Rachel in Tel Aviv, kühlte sich das Verhältnis nach einer ersten Euphorie über das Wiederfinden rasch ab: «Mein meistgesprochenes Wort als Kind war ,nein'. Ich war kein einwandfreies Mutterglück. Und denke ich an jene Zeit zurück: Ich möchte nicht mein Kind gewesen sein.» (Interview mit mir selbst). Schon als Kind lernte Mascha, Orte zu verlassen, neue Orte zu finden und bezeichnete sich folglich selbst in einem Gedicht als «Fremdling». Auch ihr Name ändert sich, als die Eltern 1922 in Berlin standesamtlich heiraten: Aus Mascha Aufen wird Mascha Engel. Geboren in Galizien, erstes Leben in Marburg und Frankfurt/Main, endlich Berlin (1918 bis 1938) - die «paar leuchtenden Jahre». Die 16-jährige Mascha lernt Bürokauffrau im «Arbeiter-Fürsorgeamt der jüdischen Organisationen Deutschlands» und schreibt heimlich Gedichte. Heimlich, damit ihr Vater nichts von dieser «brotlosen» Kunst erfährt. Sie trifft mit ihrem ironisch-melancholischen Ton den Nerv der Zeit. Sie beschreibt den Alltag und die Träume. Sie fängt das «Wir wollen leben» nach dem Ersten Weltkrieg und die Angst vor der Zukunft ein und kleidet das Ganze ins schnodderig-kecke Sprachenkleid Berlins. Sie setzt das aufmüpfige Leben jener Zeit in Poesie um, mokant und melancholisch zugleich. Es sind leichte Verse, doch voller Tiefe und sensitiver Beobachtungsgabe. Und vor allem: Jede und jeder erkennt sich wieder in den Gedichten, die Mascha Kaléko schreibt - noch heute. Ihre ersten Gedichte werden 1929 in Berliner Tageszeitungen veröffentlicht. Sie trifft im «Romanischen Cafe» (gegenüber der heutigen Gedächtniskirche) Bertolt Brecht, Erich Kästner, Joachim Ringelnatz, Kurt Tucholsky, Alfred Polgar bis hin zu Else Lasker-Schüler, auf deren Spuren sie Jahrzehnte später durch Jerusalem gehen wird. Sie besucht als Gasthörerin Hochschulkurse in Philosophie und Psychologie und lernt ihren ersten Ehemann Dr. Saul Aron Kaléko kennen. Die Eltern sind hoch erfreut über diese Heirat, die eigenwillige Tochter scheint versorgt. Antisemitische Angriffe erlebte sie schon als Kind, beispielsweise als sie mit ihrer Mutter im Ostseebad Kolberg in einer Pension wohnte, in der auch Else Lasker-Schüler abgestiegen war, der man im Ort «Judsche, Judsche» hinterher rief. Maschas Glück, ihre Gedichte in Zeitungen zu lesen, währte nur bis Mitte 1933. Zeitgleich verdiente sie ihr Honorar als Grafikerin und Werbetexterin. Die Firmen, darunter die Deutsche Grammophon, waren begeistert und unterzeichneten ihre Dankesbriefe und Mitarbeits-Angebote mit «Deutschem Gruß». Ihre Bücher, darunter das «Lyrische Stenogrammheft» und «Das kleine Leseheft für Große», sind bis 1936 Bestseller. Als der Ernst-Rowohlt-Verlag von beiden Büchern Neuauflagen drucken lässt, werden diese beschlagnahmt. Die Nazis haben entdeckt, dass die Autorin Jüdin ist. Mascha lernt Chemjo Vinaver kennen - die Liebe ihres Lebens. Das aber macht das Leben nicht einfacher. Als am 28. Dezember 1936 Sohn Avitar Alexander, später Steven, geboren wird, wird Saul Kaléko als Vater eingetragen. Mascha leidet unter dieser Lebenslüge - und beendet sie. Am 4. Oktober 1937 wird die Ehe geschieden. In allerletzter Minute gelingt es Mascha, vor der Vernichtung durch die Nazis mit Sohn und Chemjo Vinaver in die USA zu emigrieren. Ihre Familie lebt inzwischen in Palästina, das Mascha 1938 besucht, aber nach Berlin zurückkehrt. Am 23. Oktober 1938, die kleine Familie hat inzwischen alles verloren, läuft das Schiff in New York ein. Eine weitere unruhige Zeit beginnt, mit vielen Rückschlägen für Mascha und Erfolgen für Vinaver. Sie unterstützt den Mann, den sie über alles liebt, in seinen Forschungen der chassidischen Synagogalmusik. Sie pflegt ihn, als er krank ist, sie stellt ihre eigenen Belange immer zurück. Und: Sie umsorgt Sohn Steven, der sich als kleiner Exzentriker entwickelt. Zurückgeworfen auf die Emigrantenszene, setzt sie sich immer mehr mit ihrer jüdischen Identität auseinander. Das ganze grausame Ausmaß der Shoa hält sie zurück, wieder nach Deutschland zu fahren. Doch die Sehnsucht nach Europa, nach Berlin bleibt. Tief berührend ist ihr Gedicht «Ich hatte einst ein schönes Vaterland», in dem sie auf Heinrich Heine reflektiert, ein Flüchtling aus Deutschland wie sie. Sie erhält in New York Lob von Albert Einstein und Thomas Mann. Erst Silvester 1955 gibt sie endlich einer Einladung Ernst Rowohlts nach Deutschland nach. Erst nach Hamburg. Sie gibt Interviews, Pressekonferenzen, geht ins Theater. Am 7. März 1956 sieht sie Berlin wieder, besucht die Stätten ihrer Jugend: «Hier war mein Glück zu Hause. Und meine Not.» Doch kaum in New York heimisch geworden und Berlin wiedergesehen, muss Mascha Kaléko erneut die Koffer packen: Auswanderung nach Israel, nach Jerusalem. Nur dort kann ihr Ehemann seine Studien über die chassidische Synagogalmusik zum Erfolg bringen. Mascha nimmt sich erneut zurück. Der geliebte Sohn bleibt in den USA, macht Karriere am Theater in London und New York. Ruhelos fährt das Paar Kaléko-Vinaver mehrmals durch Europa, immer wieder nach Berlin und Zürich. Als der Sohn am 28. Juli 1968 an einer Bauchspeicheldrüsenentzündung stirbt, stirbt Mascha mit. Als ihr Ehemann am 16. Dezember 1973 in Tel Aviv an einem Herzanfall stirbt, fühlt sie sich verwaist. Ihre Schwestern sind ihr kein Trost, nur ihre Lyrik und die Verwaltung des Nachlasses ihres Mannes und ihres Sohnes halten sie am «Funktionieren.» Sie zieht sich von allem zurück und verlässt die Jerusalemer Wohnung im siebten Stock mit Blick auf Ölberg bis weit nach Jordanien hinein nur noch selten. 1974 geht sie wieder auf Reisen, nach Europa, in ihr geliebtes Berlin. Auf der Rückreise nach Jerusalem, stirbt sie am 21. Januar 1975 in einem Züricher Krankenhaus an Magenkrebs. Vorher aber hat sie erst nicht ihr eigenes Werk, auch nicht das ihres Sohnes Steven, sondern das ihres Mannes Vinaver gesichert und ihren eigenen Grabstein entworfen: «Mascha Kaléko - Dichterin - 1907-1975 - Gattin des Musikologen Chemjo Vinaver». Mascha Kaléko wurde auf dem Israelitischen Friedhof Zürich beerdigt. Doch sie lebt weiter - in ihren unverwechselbaren Gedichten - eine der größten deutschen Lyrikerinnen. |