Buchcover

«Die Schattenlosen»

von Hasan Ali Topta

 

Dass im Schatten der täglichen Routine orientalischer Behörden mitunter die erstaunlichsten Erzähltalente heranreifen, wussten wir spätestens, seit der große ägyptische Schriftsteller Nagib Machfus (1911-2006) im Jahr 1988 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet wurde. Denn trotz seiner eindrucksvollen schriftstellerischen Produktivität hatte jener bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1971 hauptberuflich als Beamter im Bildungsministerium seines Landes gearbeitet. Nun stellt uns interessanterweise ausgerechnet Machfus' deutschsprachiger Verleger einen weiteren langjährigen Finanzbeamten und gleichermaßen bemerkenswerten Erzähler aus der Türkei vor. Hasan Ali Toptaş (geboren 1958) hat mit seinem Roman «Die Schattenlosen» ein wunderbar poetisches Werk von geradezu schwereloser Leichtigkeit geschaffen, das dem Leser das überaus wohltuende Erlebnis einer absoluten Entschleunigung verschafft. Man merkt dem Roman in fast jedem einzelnen Satz die Muße und Gelassenheit an, aus denen heraus er geschaffen wurde, die er dem Leser aber auch bedingungslos abverlangt. Toptaş ist ein seltsam entspannter, aber auch sehr genauer Beobachter, der sein Personal, die Bewohner eines vom türkischen Staat nahezu vergessenen Provinznestes, allesamt persönlich zu kennen scheint. Es ist gewissermaßen die universelle «Mutter» aller Dörfer, von der er erzählt, ein geradezu archetypischer, aber dennoch konkreter Ort in einem schwebenden Zustand zwischen Träumen und Wachen, der sich überall auf der Welt befinden könnte. Eines Tages verschwindet zuerst das schöne Mädchen Güvercin und dann der junge Frisörlehrling, der eben noch im Rhythmus des Scherengeklappers seines Meisters um den Frisierstuhl getänzelt war. Sind sie entführt worden? Sind sie vielleicht ineinander verliebt? Im Dorf greifen Gerüchte und Verdächtigungen um sich, die Staatsmacht wird um Hilfe angerufen, es entspinnt sich eine furiose, vielstimmige Comedie humaine, die ganz von der überbordenden Fantasie des Erzählers getragen wird, der im Friseursalon sitzt und darauf wartet, endlich an die Reihe zu kommen...

Florian Hunger

 

«Die Schattenlosen»
aus dem Türkischen von Gerhard Meier,
Unionsverlag, 247 Seiten
19,90 Euro

«Jüdische Zeitung», Juli 2007