Buchcover

«Die dritte Kugel»

von Leo Perutz

Nicht zuletzt dank der auch während des Zweiten Weltkrieges kaum versiegenden Erlöse aus seinem literarischen Bravourstück, dem vielschichtigen psychologischen Spannungsroman «Der Meister des Jüngsten Tages», den Jorge Luis Borges in seine Edition der besten Kriminalromane der Welt aufnahm, überlebte der in unseren Tagen leider immer noch viel zu selten gelesene große österreichische Romancier Leo Perutz (1882-1957) die nicht nur in wirtschaftlicher Hinsicht schwierigen Jahre des Exils in Palästina. Doch auch sein erster Bucherfolg aus dem Jahr 1915, der verschroben-originelle Konquistadorenroman «Die dritte Kugel», der jetzt im Rahmen einer Werkausgabe bei dtv endlich wieder vorliegt, verdient es, besonders erwähnt und gewürdigt zu werden, wie es schon Kurt Tucholsky anlässlich der Erstausgabe tat: «Ein Buch, das man, wenn's draußen regnet, mit einem Teller Knackmandeln neben sich, tot für die Umwelt, verschlingt.» - Ein Roman, der, wie alle Werke Leo Perutz', sowohl unseren Intellekt als auch unsere Lust auf ein erstrangiges Leseabenteuer befriedigt. Es ist die Geschichte des «Wild- und Pfalzgrafen am Rhein» Franz Grumbach, der sich im Jahr 1547 gemeinsam mit seinem treuen Diener Melchior Jäcklein dem übermächtigen Konquistadorenheer General Cortez' entgegenstellt, um den Untergang des Aztekenreichs zu verhindern. Bewaffnet sind die beiden mit einer einzigen Arkebuse, die sie dank eines Teufelspakts erworben haben, und für die sie nicht mehr als drei, wenn auch gesegnete Kugeln besitzen. Dabei fragt sich der Leser dank der vor allem in inhaltlicher Hinsicht originellen Konstruktion bis zum Schluss (und in gewisser Weise auch darüber hinaus), was nun eigentlich mit der namensgebenden dritten Kugel passiert ist, die doch eigentlich für keinen geringeren als den Eroberer Cortez reserviert war. «Die dritte Kuge» ist ein eigentümliches, urwüchsiges und reines Lesevergnügen, das dazu einlädt, einen der interessantesten deutschsprachigen Erzähler des 20. Jahrhunderts wiederzuentdecken.

Florian Hunger

 

«Die dritte Kugel»
dtv, 329 Seiten
9,50 Euro

«Jüdische Zeitung», Juli 2007