«Ich bin kein geeignetes Feindbild»

Günter Wallraff über die «Satanischen Verse» in Moscheen und die Angst vor islamistischem Terror

 

Eindeutige Symbole in Köln... Foto: dpa

Schon lange steht Günter Wallraff, Jahrgang 1942, mit seinen Ideen und Aktionen im Rampenlicht, waren seine Undercover-Reportagen bei Springer, Thyssen oder McDonald's Anlass für Aufruhr. In den 90er Jahren war Wallraff Mitherausgeber der deutschen Ausgabe von Salman Rushdies «Satanischen Versen». Auch nahm er den verfolgten Schriftsteller in seiner Wohnung auf, als der iranische Revolutionsführer Ajatollah Khomeini 1989 eine als «Fatwa» bezeichnete Todesdrohung gegen Rushdie aussprach. Nun mischte er sich in den unter anderem von Ralph Giordano entfachten Streit um den Bau einer Moschee mit einem ungewöhnlichen Vorschlag ein: Quasi als Beweis für die Toleranz der islamischen Gemeinschaft möchte er nun Rushdies Texte lesen - in einer Moschee.

 

Herr Wallraff, man bietet Ihnen Polizeischutz an. Sind Sie unverhofft in einen Religionskrieg gekommen?

Ich habe mir, bevor ich diesen Vorschlag machte, überhaupt nicht den Kopf zerbrochen, was passieren könnte. Mich kümmert es auch nicht. Die Familie ist im Urlaub und ich tauche jetzt wieder ab und werde unsichtbar. Das ist der beste Schutz.

Sie haben keine Angst?

Nein, auf keinen Fall. Angst zu zeigen ist gegenüber den Angstmachern die völlig falsche Reaktion. Das ermutigt sie nur in ihrem Terrorverhalten.

Wer bedroht Sie?

Ich bin auf einer Website, hinter der Al-Qaida vermutet wird, als Islam-Feind Nummer Eins ausgelobt und abgebildet. Es ist eine ganz kleine Minderheit, die mit Drohgebärden versucht, auf sich aufmerksam zu machen. Die überwältigende Mehrheit der Muslime hier sind friedliche Menschen. Ich lebe in Köln-Ehrenfeld mitten unter ihnen. Aus meiner Nachbarschaft habe ich keine unfreundlichen Reaktionen erlebt.

Wird Ihnen nicht doch etwas mulmig, wenn Sie an das Schicksal von Theo van Gogh denken?

Da gibt es einen Unterschied. Ich eigne mich nicht für den normalen muslimischen Mitbürger als Feindbild. Im Gegenteil: ich bin dafür bekannt, dass ich mich in meiner Arbeit immer wieder für die Integration eingesetzt habe. Meine Stiftung «Zusammen leben» in Duisburg ist ein Integrationswohnmodell und Kulturzentrum. Mitte der 1990er Jahre habe ich eine Replik auf mein Buch «Ganz unten» gemacht, habe in Tokio eine Zeit lang als iranischer Fremdarbeiter gelebt. Iraner spielen dort eine ähnliche Rolle wie bei uns die Türken. Sie sind ziemlich verfemt, obwohl man sie zu Zeiten der Hochkonjuktur ins Land hineingeholt hat. Acht Millionen Japaner haben diesen Film gesehen und er hat die Situation der Iraner in Japan erleichtert. Selbst im Iran wurde dieser Film positiv aufgenommen. Trotz meiner Freundschaft zu Rushdie, trotz meiner Deutlichkeit, Menschenrechtsverletzungen in islamischen Ländern anzuprangern, bin ich also nicht das geeignete Feindbild.

Was halten Sie von den Kritikern Ihrer Idee?

Von Martin Walser bekam ich zu hören, dass meine Initiative eine kolonialistische Anmaßung wäre. Ich denke, wenn er diesen Vorschlag gemacht hätte, die «Satanischen Verse» in einer Moschee zu lesen, hätte er mit dieser Kritik sogar Recht gehabt. Er lebt fernab von solchen Auseinandersetzungen in seinem Dorf am Bodensee. Ihm hätte man vielleicht zu recht in so einem Fall Herrenmenschenverhalten vorhalten können.

Auch Ralph Giordano hat Sie kritisiert.

Giordano legt da eine Härte an den Tag, die mir völlig unverständlich ist. Er schließt Menschen aus und gibt ihnen überhaupt keine Chance. Er betreibt keinen Dialog, sondern eine Verurteilung. Giordano befindet, die Integration ist ein für allemal gescheitert. Selbst wenn es so wäre - ich sehe das anders - müssen wir uns fragen: Woran liegt es? Was haben wir versäumt? Giordano stellt fest, er glaube nicht, dass die Lesung stattfinden werde. Und sollte sie wider Erwarten dennoch stattfinden, sei das nur Verstellung und Taktik der DITIB. Giordano gibt sich plötzlich als Islamexperte und kommt mit dem Begriff der Taqiyya. Er sagt, die Muslime täuschen, betrügen und verstellen sich per se. Ich habe mich bei nichtmuslimischen Religionswissenschaftlern sachkundig gemacht: Die haben mir diesen Begriff genau erklärt. Er kommt aus der Zeit der Religionskriege. Wenn ein Muslim in einem Land der Ungläubigen lebt, darf er seinen Glauben verleugnen, um sein Leben und das seiner Familie zu retten.

Glauben Sie, dass Ihr Vorschlag etwas bewirken wird?

Ich habe durch meine Gespräche bereits erreicht, dass sich eine Moscheegemeinschaft - dazu noch die größte in Deutschland - die DITIB, erstmalig schriftlich gegen die Anwendung der Fatwa gegen Rushdie eindeutig ausgesprochen hat. Das bereits ist ein Durchbruch.

Warum ist gerade in Köln, einer angeblich weltoffenen Stadt, die Diskussion um den Moscheeneubau so heftig entbrannt?

Das Thema ist von der rechtsradikalen Organisation «Pro Köln» in die Bevölkerung getragen worden. Viele Kölner sind gar nicht richtig informiert. Da soll kein neuer Stadtteil entstehen. Das Gelände, auf dem die alte Moschee steht und auf dem die neue gebaut werden soll, wollte jahrelang keiner haben. Da stand eine verfallene Produktionshalle. Der Moscheeverein hat diese überteuert gekauft. Man hat sich 20 Jahre in dem Gebäude provisorisch eingerichtet. Wenn der Moscheeverein nun eine vorzeigbare Sache daraus machen will, ist das denen unbenommen. Das kann für Ehrenfeld langfristig sogar von Vorteil sein. Der Stadtteil hat ja sonst keine Sehenswürdigkeiten. Die paar Kirchen hier sind eher Schlichtbauten. Wenn Touristen den Kölner Dom besichtigen, könnten sie einen Abstecher zu dieser imposanten Moschee nach Ehrenfeld machen.

Sie sehen nicht die Gefahr der Islamisierung unserer Gesellschaft?

Die Moscheen sind nicht so voll wie früher, denn die Jüngeren gehen gar nicht mehr so oft da hin. Ich bin überzeugt, dass in ein oder zwei Generationen der Spuk des islamischen Fundamentalismus vorbei ist. Das ist ein letztes Aufbäumen gegen die Globalisierung. Der radikale Islam hat keine zukunftsweisenden Ideen. Weltweit sehe ich in den islamischen Ländern keine Antworten auf die anstehenden Fragen unserer Gesellschaft. Weder bei Umweltfragen noch in kulturell-wissenschaftlicher Hinsicht haben diese Länder etwas zu bieten.

Zumindest haben sie Böller statt Brot zu bieten.

Islamistische Gewalt wird nicht so sehr erzeugt durch den Gegensatz zwischen arm und reich. Die Gewalttäter, die die Gewalt exportieren, sind ja nicht diejenigen, die nichts zu verlieren haben. Die kommen aus gebildeteren Schichten, die, wenn sie hier studieren, auch in der Regel integriert sind. Ich sehe das tiefenpsychologisch. Da bin ich mit meinem Freund Salman Rushdie einer Meinung. Es liegt an einem total verkorksten, rückständigen Frauenbild. Die jungen Männer kommen nicht zurecht mit der Gleichberechtigung der Frauen in westlichen Ländern und fühlen sich in ihrer Männlichkeit total in Frage gestellt.

Aber westliche Werte sind vielleicht auch nicht der Weisheit letzter Schluss?

Die Werte der Aufklärung schon! Allerdings haben wir, der Westen, auf die weltweiten Probleme auch noch keine Antwort. Auch wir können von anderen Kulturen lernen. Von daher können sich Menschen, die hier aufwachsen, ihre Wurzeln aber in anderen Kulturen haben, das Positive der jeweiligen Kultur zu eigen machen und das Rückständige hinter sich lassen.

Auch die katholische Kirche ist nicht ganz überzeugt vom Moscheebau?

Nicht nur das. Die katholische Kirche hat ein ganz seltsames Verhältnis zu Rushdie und der Fatwa. Es gab fast einen Schulterschluss, als der Autor der «Satanischen Verse» mit dem Tode bedroht wurde. Vom Papst gab es nie eine Verurteilung der Fatwa. Im Gegenteil, die haben dann angefangen, über die Verletzung der religiösen Gefühle zu sprechen. Man hatte fast den Eindruck, dass Rom die Zeiten der Inquisition zurückersehnt, in der man bestimmen konnte, was gelesen wird und was nicht. Auch in Köln haben wir einen Erzreaktionär als Erzbischof. Kaltherzig, kaltschnäuzig und ein Heuchler vor dem Herrn.

Womit würden Sie denn die Toleranzbereitschaft des Kardinals im Kölner Dom testen?

Mir wurde von einer durchgeknallten Kolumnistin vorgehalten, mein Vorschlag wäre so, als wolle ich in einer katholischen Kirche einen ökumenischen Schwulengottesdienst veranstalten. Mein Gott, klar wäre das angebracht. Homosexuelle Priester dürfen sich in der katholischen Kirche nicht outen. Was sind das für grausige Existenzen. Ich würde zu so einer Messe noch die heimlichen Geliebten und deren Kinder mit einladen, die versteckt werden und unter fürchterlichen Verhältnissen leben müssen. Es gibt Umfragen, die sagen, dass fast jeder zweite Priester in solch heimlichen Verhältnissen lebt. Und das ist doch auch logisch. Die katholische Kirche besteht aus Menschen, die ihren Naturtrieb nicht einfach abknipsen können. Diese Kirche hat es geschafft, ihr unfehlbares Oberhaupt, einen eigentlich therapiebedürftigen, zutiefst verknöcherten und verklemmten Menschen zum Popstar hochzujubeln. In diesem Zusammenhang wäre ein solcher Gottesdienst wirklich angebracht. Nur: Es gibt einen elementaren Unterschied. Wenn ich so einen Gottesdienst fordere, werde ich deswegen nicht mit dem Tode bedroht.

Es gibt viele Leute, die reden über die «Satanischen Verse» und haben sie nicht gelesen. Sie haben sie gelesen?

Nicht nur einmal. Als Salman Rushdie hier gelebt hat, habe ich mich mit ihm darüber auseinandergesetzt. Ich habe in meiner Küche mehrfach mit Nachbarn, auch mit solchen, die in die Moschee gehen, Textstellen gelesen und über das Buch diskutiert. Das befreiende daran war, die Zuhörer konnten lachen. Rushdie wurde von einem der schlimmsten Finsterlingen, Chomeini, einem Menschen, der das Buch vermutlich nie gelesen hat, benutzt, um von den eigenen Problemen abzulenken. Fundamentalisten, die sich im Besitz der reinen Wahrheit wähnen, verstehen keinen Spaß, sie meinen es todernst mit ihrer Absolutheitslehre. Insofern ist es kein Zufall, dass es einen Auch-Satiriker und Spötter wie Salman Rushdie trifft. Wenn Menschen lachen, ist das ein Durchbruch. Wenn also eine Lesung in einer Moschee stattfindet, werden gläubige Menschen zu diesem Buch eine ganz andere Einstellung bekommen. Das wird sich rumsprechen. Das wird auch in anderen Moscheegemeinschaften zu einer Enttabuisierung beitragen.

Lachen hilft gegen fundamentalistische Eiferer?

Vor kurzem lief bei Arte «Straßenmusikanten». In dem Film aus den 1960er Jahren begleitete ich drei Bettler. Einer der Wanderartisten lebte elendig in einem Wohnwagen in Köln-Zollstock, trat mit Hunden und mit einer Flöte auf. Er hieß Fritz Lilienweiß, war wahrscheinlich Jude, der im Dritten Reich dem Holocaust entkommen konnte. Lilienweiß lebte in einer anderen Welt, tauchte als Irrwisch auf, redete mehr in Assoziationen. Der Film endet damit, dass er sagt: «Mich wundert, warum Jesus nie gelacht hat. Vielleicht hat er ja gelacht, vielleicht hat er gelacht!» Und dann verändert sich das Gesicht des Musikanten zu einem verklärten Lächeln. Er hat recht: der lachende Christus wurde uns von seinen Aposteln vorenthalten. Ich bin überzeugt, dass Jesus zu feiern verstand. Jemand, der es schafft, eine Riesenmenschenmenge durch Suggestion so in Stimmung zu bringen, dass sie meinten, sie hätten statt Wasser Wein getrunken, ist ein Mensch, der auch feiern und lachen konnte. Noch viel ernster wie das Christentum ist das Selbstverständnis der anderen Weltreligion. So heißt es von Korangelehrten: Das Lachen sei Mohammed als eine «Versuchung des Satans erschienen». Deshalb gibt es auch den lachenden Mohammed nicht. Bei einem Kriegsherrn mag das seine Richtigkeit haben. Wir müssen unsere Götter wieder runterholen. Es gibt keine heiligen Bücher. Wer die Bücher wortwörtlich nimmt, wird, ob er will oder nicht, zum Fundamentalisten. Wir müssen diese Bücher auf unsere Zeit hin neu interpretieren. Wenn das gelingt, werden wir die Grundlage schaffen für eine neue Weltethik. Die besteht darin, dass wir uns die humanen Seiten der Weltreligionen zu eigen machen und das Rückständige auf den Schutt der Weltgeschichte kippen.

Das Gespräch führte Lutz Debus

«Jüdische Zeitung», August 2007