«Lesen Sie die Bibel!»

Grodno und die Verwerfungen der Geschichte

 

In Grodno. Foto: H.B.

Wo einst im Ghetto der Untergang der Grodnoer Juden begann, liegen heute eine Außenstelle des Finanzministeriums, einige Wohnhäuser, Kindergärten und Parkplätze. Man lässt die alten Häuser verfallen, um neue zu errichten. So ist die Synagoge, zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit prachtvollen Jugendstilelementen modernisiert, ein stilles Denkmal für den vergangenen Reichtum und die Größe der Grodnoer Gemeinde. Die Fassade bröckelt. Im Eingangsbereich steht ein Sofa für die Frauen, dahinter ist ein winziger Raum hergerichtet für die fünfzehn Männer, die zum Beten kommen. Eine Frau im Kopftuch fegt den Platz zwischen Synagoge und Parkplatz. Als ich sie grüße, bleibt sie stehen, guckt mich prüfend an und fragt, woher ich komme.

«Aus Deutschland», wundert sie sich, «ja, da war ich auch mal. 1963, in Neuruppin, als Köchin bei der Armee. Jaja, aber dann bin ich wieder zurückgekehrt. Das Gebäude, ja, das ist die Synagoge, zu sowjetischen Zeiten war hier alles Mögliche: Lagerräume, ein Studentenwohnheim, Künstlerateliers. Nur keine Synagoge. Wissen Sie, nein, Sie haben ja nicht in unserem Staat gelebt, ich guck‘ mir das ja schon sechzig Jahre an, aber bei uns ist so was eben möglich. Keiner erinnert sich an die Juden. Die Kirchen und andere Denkmäler - alle restauriert. Nur hier will die Stadt nichts tun. Sie sieht zu, wie das Gebäude verfällt. Ich bin Weißrussin, aus einem Dorf in der Nähe, aber 1970 habe ich angefangen, die Bibel zu lesen. Von Anfang bis Ende und wieder von vorn. Und da habe ich verstanden - wir sollten alle die Gebote des Alten Testaments befolgen. Jesus war doch ein Jude, und die Apostel - auch. Da habe ich angefangen, den Samstag zu begehen, ich esse kein Schweinefleisch, das ist schließlich unrein. Und wie ich so die Bibel gelesen habe, habe ich alles verstanden, da steht alles geschrieben. Und das Getto - das ist die Strafe für die Juden, weil sie das Königreich Gottes verlassen haben. Es steht alles in der Bibel, lesen sie es nach. Ich glaube auch an Jesus Christus, aber in der jüdischen Gemeinde erzähle ich nichts davon, da kann es Ärger geben. Wissen sie, da ist so ein Priester gekommen, aus Israel, der ist noch nicht lange hier. Er wohnt dort hinten in der Straße und ich glaube er ist sehr beunruhigt über alles hier. Also wenn er nicht dabei ist, erzähle ich den Juden von Jesus Christus und dass man an ihn glauben und den Schabbat feiern kann. Aber der Priester, der wird es hier wohl nicht lange aushalten, mal sehen. Die Gemeinde ist klein, die Neuen haben die Bibel nicht gelesen und sie folgen den Geboten nicht. Wollen sie die Synagoge von innen sehen?» Sie schließt den Gebetssaal mit einem schweren Schloss und öffnet ein große Metalltür. Der Durchgang ist dunkel und kalt. Im Inneren öffnet sich ein großer heller Raum, in der Mitte die Bima, vier Säulen stützen ein reich verziertes, hohes Gewölbe. Die Wände sind weiß gekalkt, der Aron Ha-Kodesch ist leer. Meine Begleiterin erklärt mir: «Die Synagoge ist viel zu groß, wir können sie nicht bewirtschaften. Nur im Sommer feiern wir hier, wenn es wärmer ist. Aber Sie sollten die Bibel lesen, von vorne bis hinten, immer wieder, dann werden Sie alles verstehen, alles steht dort geschrieben. Gott sei mit Euch!»

Als Wehrmacht, SS und Gestapo sich im Sommer 1944 auf das andere Ufer der Memel zurückzogen, hinterließen sie eine rauchende, elende Stadt. Jeder zweite Bürger war von hier nach Treblinka oder Auschwitz verbracht worden. Tausende Kriegsgefangene verhungerten in den Stalags am Rande der Stadt. Hunderte Zwangsarbeiter wurden von hier verschleppt. Und doch war Grodno in das Deutsche Reich eingegliedert worden. So gehörte es drei Jahre lang zur Provinz Ostpreußen, Bezirk Bialystok. Deutsche Beamte verwalteten die polnisch sprechende Stadt nach dem abrupten Verklingen der jüdischen Stimmen, als ob Grodno immer im Reich gelegen hätte. Bei ihrem eiligen Abzug haben sie zusammen mit einem Großteil der Akten die Buchbestände des Kreiskommissariats, der Finanz- und Zollämter zurückgelassen. Heute stehen die Bücher nebeneinander im Handapparat des Grodnoer Bezirksarchivs. Diese deutsche Bibliothek ist heute ein zentrales Monument deutscher Kultur in Grodno.

In einem Regal stehen: Regelungen des Finanz- und Steuerrechts. Die Zeitschrift für Elektrotechnik. Ein Monatsheft für deutsche Ingenieure. Europa und der Osten, erschienen 1939 mit einem Vorwort des Reichsleiters Alfred Rosenberg. Darin wird der Generalplan Ost verständlich für ein breites Publikum dargestellt. Der heilige Anspruch der Deutschen auf den Osten des Kontinents, ihre Mission im Kampf gegen das Böse und die Vorherrschaft der weißen Rasse werden für Jung und Alt illustriert. Daneben eine Anleitung zur Gymnastik für deutsche Kinder. Anweisungen zum Aufbau von HJ-Gruppen im Bezirk Bialystok. Von der deutschsprachigen Encyclopedia Judaica aus der Privatbibliothek des Rechtanwalts O. Neubauer sind noch drei Bände erhalten. Ein Ratgeber für jüdische Ehefrauen gibt Auskunft über Erziehungsfragen. Aus einer hebräischen Leihbücherei befindet sich hier ein schmales Zionismus-Bändchen Jahrgang 1919. Die Telefonbücher von Kaliningrad und Gumbinnen wurden noch 1944 in blaues Kunstleder gebunden. Daneben reihen sich: Eine in Leinen gebundene Sammlung des deutschen Zivilrechts. Kinderliteratur über den Polenfeldzug. Mein Kampf. Dostojewskis Werke in 17 Bänden. Das SS-Leitheft. Einige Ausgaben der Sirene, der deutschen Zeitschrift für Luftschutz. Zwei Jahrgänge der Bialystoker Zeitung. Freude und Leistung. Die Kölner Illustrierte. Hitlerjugend im Krieg. Das 1942 erschienene Soldatenbändchen «Zwiegespräche im Osten» von Martin Raschke beginnt mit einem Novalis-Zitat: «Es sind die ersten Wehen. Jeder setzte sich in Bereitschaft zur Geburt.»

Ein warmer Abend im vergangenen Mai: Die große Synagoge von Grodno, heute Weißrussland, leuchtet in der Abendsonne. Die Gemeinde grüßt sich auf Russisch: «S prazdnikom!» Heute beginnt das Wochenfest Schawuot. In Erinnerung an die Übergabe der Heiligen Schrift durch den Herrn an Moses versammeln sich die Grodnoer Juden, die nicht nur formell in ihrem sowjetischen Pass «jüdischer Nationalität» waren und die das Land noch nicht verlassen haben. Es sind etwa achtzig Personen, unter ihnen immer weniger Alte, die noch Jiddisch sprechen und selbst die Tora studiert haben. Die meisten hier sind sowjetische Menschen. Sie und ihre Kinder lernen die jüdischen Bräuche erst von Jahr zu Jahr kennen. Deshalb erklärt der Gemeindevorsteher lautstark an was heute erinnert wird: während Moses die Gesetzestafeln erhielt, verloren die Israeliten am Fuße des Berges die Geduld und schufen sich ein goldenes Kalb, um es anzubeten... Nach der Einführung begrüßt der orthodoxe Rabbi aus Amerika die Gemeinde. Er hat im vergangenen Jahr etwas Russisch gelernt und müht sich, in der fremden Sprache das Ereignis zu preisen. Währenddessen rennt seine kleine Tochter quer durch die Synagoge und klammert sich an seinen Frack. Unter den Zuhörern kommt Unruhe auf. Die Synagoge ist so groß, dass das Echo der Stimme des Rabbi lange nachhallt. Doch nun passiert wieder etwas: er rollt die Tora aus, um daraus zu lesen. Die Gemeinde hört der melodischen Stimme zu, die Frauen stehen links, die Männer rechts. Zum Schluss folgt eine russische Übersetzung der Bibelstelle. Und schon nach kurzer Zeit setzen sich alle um die aus Brettern gezimmerten Tische zum Kiddusch. Es gibt koscheren Pudding, Früchte, Gebäck und Coca Cola. Die Synagoge, der einstige Sammelort des Ghettos, in dem so viel Blut geflossen ist, von dem aus die Grodnoer Juden nach Treblinka und Auschwitz geschafft wurden und die über Jahrzehnte Lagerhalle war, ist erfüllt von den Gesprächen der Gemeinde. Und doch werden es von Jahr zu Jahr weniger Mitglieder

von Felix Ackermann

«Jüdische Zeitung», August 2007