Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Mord im GrunewaldVor 85 Jahren wurde Walther Rathenau ermordet (III)
Abends führte Rathenau ein politisches Gespräch mit dem amerikanischen Botschafter, zu dem er wegen Fragen der Kohlelieferungen eingeladen war und suchte (zum letzten Mal) nach einem Ausgleich. Auf Rathenaus ausdrücklichen Wunsch hin war sein wirtschafts-politischer Rivale Hugo Stinnes zu diesem Gespräch hinzu gezogen worden. Am Schluss der Unterredung waren sich die vier anwesenden Herren darin einig, dass Deutschland höchstens noch eine weitere Zahlung leisten könne, wozu Stinnes vergnügt anmerkte, dass es ja nun keine Meinungsverschiedenheiten mehr zwischen ihm und Rathenau gebe. Die Dinergesellschaft ging um halb zwei auseinander, doch Stinnes und Rathenau diskutierten bis vier Uhr früh weiter. Es bleibt fraglich, ob Stinnes recht hatte, wenn er meinte, er sei sich jetzt mit seinem alten Rivalen einig, doch die Tatsache, dass er das große Wort geführt hatte, lässt sich Rathenaus Müdigkeit und depressiver Stimmung allein nicht erklären. Seine letzte Bemerkung jedenfalls lautete: «unerfüllbar!» Am nächsten Vormittag, Samstag, den 24. Juni 1922, wurde das Attentat verübt. Kurz nachdem Rathenau in seinem offenen Wagen von seinem Haus im Grunewald losgefahren war, um im Außenministerium zu arbeiten, überholte ihn ein anderes Auto, einer der Insassen schoss mit einer Maschinenpistole auf ihn, ein anderer warf eine Eierhandgranate. Rathenau starb, während er in sein Haus zurückgefahren wurde, oder kurz danach. Keines der bisherigen Nachkriegsattentate hatte eine so nachhaltige Wirkung. Der nachmittags zusammentretende Reichstag erlebte Tumulte, Helfferich wurde als «Mörder» angeschrieen. Reichskanzler Joseph Wirth erinnerte daran, dass alle Mordtaten nur aus einer bestimmten politischen Richtung kämen: «Nennen Sie einen prononcierten Vertreter rechtsgerichteter Auffassungen im deutschen Lande, dem auch nur ein Haar gekrümmt worden ist!» Reichskanzler Wirth verlangte Achtung für Menschen, die wie Rathenau «über trennende Grenzpfähle hinaus» für Deutschland internationale Beziehungen anknüpften, er verlangte Geduld, Mitarbeit und Demokratie. «In diesem Sinne müssen alle Hände, muss jeder Mund sich regen, um endlich in Deutschland die Atmosphäre des Mordens, des Zankes, der Vergiftung zu zerstören.» Hier wandte er sich plötzlich nach rechts: «Da steht der Feind, der sein Gift in die Wunden des Volkes träufelt. - Da steht der Feind - und darüber ist kein Zweifel: dieser Feind steht rechts!» Der Zentrumsmann Wirth hatte sich damit das Wort der Sozialdemokratie zu Eigen gemacht. Unter dem Eindruck der Mordtat wirkte es zusammenschließend und stärkend auf die republikanischen Kräfte, die eine solche einheitliche Ausrichtung bisher nicht gefunden hatten und in der Folgezeit bitter nötig brauchen sollten. Der tote Rathenau wurde gewürdigt, wie es sich der lebendige vielleicht gewünscht, aber nie auch nur entfernt erreicht hatte. Sein Tod als Opfer rechtsradikaler Reaktionäre verlieh ihm aber auch eine klare politische Zielrichtung, die er im Leben bei allem Bemühen nie eindeutig verfolgt hatte. Am Sonntag, dem 25. Juni 1922 veranstalteten die Gewerkschaften eine Massendemonstration in Berlin. «Der Leiter eines der größten kapitalistischen Unternehmen der Welt war getötet worden», schrieb der Sozialdemokrat Stampfer, «kommunistische Arbeiter weinten an seinem Grabe und fluchten seinen Mördern». Walther Rathenau wurde als Demokrat ermordet. Bei seiner Ermordung und mehr noch spielte auch die Tatsache eine Rolle, dass er Jude war. Rathenau, der Verständigungspolitiker, wurde von Angehörigen der rechtsextremen «Organisation Consul» ermordet, nachdem eine große Anzahl von anderen Attentaten vorausgegangen war. Das unmittelbar nach Rathenaus Tod am 21. Juli 1922 vom Reichstag verabschiedete verfassungsändernde «Gesetz zum Schutze der Republik», eine Art Anti-Terrorgesetz, wurde in den folgenden Jahren von der Justiz aber nicht umfassend angewandt, sondern vor allem gegen Organisationen der politischen Linken eingesetzt. Eine deutsche Zeitung hat Rathenau einmal als «das paradoxeste aller paradoxen Lebewesen des alten Deutschlands» bezeichnet - zumindest für den «Demokraten» Rathenau, der als Publizist nicht selten das kritisierte, was er später als Politiker unter höchstem Einsatz verteidigte, trifft diese Charakterisierung wohl zu. In dem aufgeputschen radikalen Klima durch und nach der Novemberrevolution des Jahres 1918 gelang den rechtsextremen Organisationen mit ihren planmäßigen Kampagnen, den ersten demokratischen deutschen Staat als «Judenrepublik» verächtlich zu machen und permanent zu attackieren. Dabei war der Antisemitismus der Weimarer Jahre in seiner Bedeutung ungleich größer als in den Zeiten des Kaiserreichs und hatte für die gesamte Rechte instrumentalen Charakter. Er diente auch als Sozialismusersatz, um die Arbeiterschaft anzusprechen und gleichzeitig als wirkungsvolles Mittel antirepublikanischer und antidemokratischer Agitation. Auch mussten Juden für die Weltkriegsniederlage sowie die «Schmach» des Versailler Friedensvertrages herhalten. Der Schutz- und Trutzbund forderte in einem Aufruf die Einsetzung eines «Deutschen Volksgerichts» zur Aburteilung der Personen, auf die der Bund die Verantwortung für den verlorenen Krieg abzuwälzen suchte. Dabei richtete sich der Hass gegen Männer, die sich gegen die Hybris aufgelehnt und vor einer maßlosen Politik gewarnt hatten. Unter den Zielobjekten rechtsradikaler Mordkommandos war auch Walther Rathenau. Bis auf Karl Kautsky, der allerdings als Jude «galt», waren alle genannten «Angeklagten» Juden. Zum besonderen Angriffsobjekt antisemitischen Terrors wurde Walther Rathenau, Deutschlands erster - ungetaufter - jüdischer (Außen-)Minister. Gerade an der Person Rathenaus zeigt sich die widersprüchliche Lage der Juden in der Weimarer Republik: Zwar genossen die Juden seit der Novemberrevolution formal die volle Gleichberechtigung und konnten auch hohe Staatsämter bekleiden, andererseits aber war ihre Bedrohung durch den militanten Antisemitismus in hohem Maße gewachsen. Einer der Beihilfetäter kommentierte den Anschlag so: «Die Sache hat geklappt, Rathenau liegt. Wir haben es getan, um die Roten zum Angriff zu reizen.» Rathenau vereinigte in den Augen seiner völkischen Gegner alles, was ihn im Wortsinn zur Zielscheibe eines politisch-antisemitisch motivierten Attentats prädestinierte. Die völkischen Organisationen hatten es insbesondere auf die Juden ihrer vermeintlich großen Rolle als «Erfüllungspolitiker» bei den Versailler Verhandlungen wegen abgesehen. Deutschlands Nationalisten mussten in Rathenau ein perfektes Opfer ihrer Schmähungen sehen: Der Jude, der durch Revolution in Amt und Würden gelangte und Deutschland in Paris verraten hatte - ein «Novemberverbrecher». Er galt als Vaterlandsverräter. Politische Morde lagen in den chaotischen ersten Jahren der Weimarer Republik ständig in der Luft. Politische Attentate, praktizierte Verschwörung durch die vielen nationalistischen Geheimbünde, waren zugleich der Versuch, die junge deutsche Demokratie aus den Angeln zu heben. Rathenaus Fall erwies sich für die Geschichte der Weimarer Republik als besonders traumatisch. Die verschiedenen republikanischen Elemente, Bürger und Arbeiter gleichermaßen, reagierten mit Vehemenz. In der Zeit nach dem Attentat konnte der kritische innere Zustand der Republik offensichtlich nicht länger geleugnet werden. Die Öffentlichkeit war so erregt, wie sie es seit den Zeiten des Kapp-Putsches nicht mehr gewesen war. Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass Rathenaus Ermordung einen entscheidenden Wendepunkt in der Geschichte der Republik darstellte, auch wenn er sich, will man es positiv bewerten, als nicht lange haltbar erweisen sollte. Der politische Mord an Rathenau wurde von vielen sofort und intuitiv als ein symbolisches Ereignis empfunden. Er war ein eindeutiger Anschlag auf die Weimarer Republik, ein Ausdruck rückhaltloser Feindschaft gegen das gesamte neue System. Ein politischer Märtyrer ist Rathenau dennoch nicht geworden. Es gab nichts in seinem Leben und Werk, was ihn für die Rolle eines Märtyrers der Republik prädestiniert hätte. Er gehörte keinem politischen Lager richtig an; er war als Jude und Intellektueller ein geborener Außenseiter, ein Kapitalist in den Augen der Arbeiter, ein Sozialist in den Augen standhafter Kapitalisten. Er war ein sensibler, exzentrischer Mann, ein Junggeselle unter den patriarchalen Familienvätern, ein typischer Einzelgänger. Trotz allem entpuppte er sich als treffendes Symbol für die Republik von Weimar. Um diese Behauptung zu belegen, bedarf es indes weiterer Überlegungen und Recherchen - eine durchaus lohnende Aufgabe für die Zukunft. Es hat nach 1945 lange gedauert, ehe man sich wieder neu mit Rathenau beschäftigte. Allzu viel an Verbindungen zu ihm und seiner Zeit war gründlich zerstört. Dennoch wurde Rathenau im Kalten Krieg in beiden Teilen Deutschlands geradezu als Säulenheiliger verehrt. Ungezählte Rathenaustraßen erinnern heute noch daran, dass ost- und westdeutsche Geschichtspolitiker sich unter Berufung auf dieselbe historische Figur gegeneinander zu legitimieren trachteten. Die von Rathenau betriebene Politik der Verständigung, die von dem Grundgedanken ausging, dass Deutschland nur durch die Erfüllung der aus dem Versailler Vertrag bestimmten Verpflichtungen zu einem Ausgleich mit Frankreich und den anderen europäischen Mächten gelangen könnte, zeigt ihn als überzeugten Europäer. Allerdings spiegelt sich in seiner Person auch eine Problematik, die auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts noch spürbar ist: Als deutscher Jude wurde er Opfer rechtsradikaler Kreise. Leben und Werk Walther Rathenaus haben auch in der Gegenwart nichts von Aktualität eingebüßt und sind auch für die heutige Generation identitätsstiftend. |