Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]()
Aus der Versenkung geholtGötz Aly und Michael Sontheimer haben den jüdischen Kondom-Fabrikanten Julius Fromm aus dem Dunkel der Geschichte befreit
Nur «stinknormales Hetero-Zeug» lesen zu lassen, schätzten die Betreiber des legendären Berliner Sonntags-Clubs, dem ersten Schwulen-Club der DDR, für die Besucher ihres «Kommunikationszentrums» als unbefriedigend ein. Doch dem Historiker Götz Aly kam noch rechtzeitig der rettende Einfall, wie seine geplante Lesung im besagten Club im Prenzlauer Berg trotzdem für alle Beteiligten zu einem Erfolg werden könnte. Erst kurze Zeit zuvor hatte er eine Dokumentensammlung aus dem Jahr 1938 im Bundesarchiv bestellt und dann doch wieder zurückgegeben. Der Inhalt dieser Akte: die «Entjudung» der Berliner Kondom-Firma «Fromms Act». Diese «Kombination von Nationalsozialismus, Kondom, Sex plus Judentum» traf den Geschmack der Veranstalter und für Aly begann auf diese Weise eine intensive Beschäftigung, nicht nur mit der Firma, sondern auch mit dem Schicksal der gesamten Familie Fromm. Heute, knapp zweieinhalb Jahre später, erscheint das fertige Buch im S. Fischer Verlag unter dem Titel «Fromms. Wie der jüdische Kondom-Fabrikant Julius F. unter die deutschen Räuber fiel». Doch ohne den zweiten Autoren Michael Sontheimer würde es wohl kaum existieren. Der «Spiegel»-Redakteur war bereits im Jahre 1996 mehr oder weniger beim Fernsehgucken auf die Familie Fromm gestoßen. Damals erzählte Edgar Fromm, der jüngste Sohn des Firmengründers Julius Fromm, in einer Talkshow welcher Beliebtheit sich das Kondom Dank seines Vaters in den 1920er Jahren erfreute. Kurzzeitig überrascht, dass die Geschichte der ihm aus seiner Jugendzeit wohl bekannten Fromms-Kondome auf eine jüdische Firma zurückging, beschloss Sontheimer für eine Reportage näher zu diesem Thema zu recherchieren. Er besuchte daraufhin Edgar Fromm in London und ließ sich von diesem alles über seinen Vater und die Firma erzählen, woran er sich nach so langer Zeit noch erinnern konnte. Edgar fand Gefallen an dem Interesse des deutschen Journalisten, denn somit bot sich die Gelegenheit, den Vater endlich aus der Vergessenheit zu holen oder wie er es auf Englisch formulierte: «To put him back on the map». Da sich in den Archiven wider Erwarten allerhand Dokumente finden ließen, wurde die Idee geboren, nicht nur eine Reportage, sondern ein ganzes Buch zu schreiben. Mit dem Tod Edgar Fromms 1999 verlor das Projekt für Sontheimer allerdings seinen Reiz. Doch im Frühjahr 2005 berichtete ihm Edgars verwitwete Lebenspartnerin, dass ein Historiker versucht hatte, Kontakt zu dem Verstorbenen aufzunehmen. Bei diesem handelte es sich um Götz Aly, der in den Berliner Archiven neben den Akten auch auf Edgars Adresse gestoßen war. Nur eben leider sechs Jahre zu spät. Sontheimer erinnerte sich an Aly, da sie bereits Mitte der 1980er Jahre bei der «taz» zusammengearbeitet hatten. Ein Telefonat und die gemeinsame Arbeit an dem Buch, das Julius Fromm und sein revolutionäres Produkt wieder in das Bewusstsein seiner ehemaligen Landsleute rücken sollte, war endgültig besiegelt. Mit diesen beinahe plauderhaft geschriebenen Anekdoten der beiden Autoren beginnt das knapp 200 Seiten starke Buch. Der Leser kann sich dem geradezu sympathischen Einstieg in die letztendlich traurige Geschichte der Firma Fromms Act nicht entziehen. Nicht immer gelingt es Verfassern historischer Bücher den Stoff, der sich meist aus trockenen Akten und Dokumenten zusammensetzt, zu einem lebendigen, verständlichen, aber keineswegs oberflächlichen oder gar schlüpfrigen Werk werden zu lassen. «Sex plus Judentum» Neben dem kurzen Einblick in die sicher nicht immer so leichte und heitere wie dargestellte Entstehungsgeschichte des Buches wirkt das Thema, diese bereits beschriebene «Kombination von Nationalsozialismus, Kondom, Sex plus Judentum», mit großer Wahrscheinlichkeit für den Leser sehr ansprechend, zumindest dürfte es Interesse wecken. Schließlich ist es auch heute leider noch nicht völlig selbstverständlich, über Sex und das gerade in Zeiten von AIDS so wichtig gewordene Verhütungsmittel frei und ohne Lächerlichkeiten zu sprechen. Kennt nicht jeder Geschichten vom Kauf von Kondomen? Rote Köpfe und ein gewisses peinlich wirkendes Schweigen spielen dabei stets eine Rolle. Die wenigsten würden wohl mit der Verkäuferin in der Drogerie über die soeben erstanden Verhüterli schwatzen. Sätzen wie «O ja, die sind wirklich sehr zu empfehlen, so gefühlsecht und überhaupt nicht störend. Sie wissen schon!» wird man wahrscheinlich eher selten begegnen. Vielleicht gehört auch ein wenig Überwindung dazu, Alys und Sontheimers Buch morgens im Bus oder in der S-Bahn herauszuziehen und darin zu lesen, schließlich prangt auf dem Einband, der in den Farben der Firma gehalten ist, der patentierte Schriftzug und die Hülle einer originalen Dreierpackung Kondome. Aber der Untertitel verrät ja, Gott sei Dank, dass es sich hier um mehr als einfach nur ein Buch über Sex und Kondome handelt. Doch zunächst bleibt es dabei, denn genau diese beiden Sujets machen das Lebenswerk Julius Fromms aus. Vermutlich wird der eine oder andere Leser überrascht sein, zu welch fortschrittlichem und modernem Verhütungsmittel das Kondom Fromms Act bereits in den 1920er Jahren Dank des jüdischen Fabrikanten wurde. Immer wieder werden sie als «hauchdünn» und «überhaupt nicht störend» beschrieben, was man heute noch nicht von jedem handelsüblichen Produkt behaupten kann. Das gesamte Sozialgefüge wurde durch den Kondom-Fabrikanten in enormem Ausmaß beeinflusst. Man bedenke, dass die Zwanziger Jahre neben den politischen und wirtschaftlichen Turbulenzen gerade in den Großstädten für eine «neue Sexwelle», den Beginn der modernen Sexualwissenschaft, die mit Namen wie Magnus Hirschfeld und Max Marcuse verbunden werden muss, ausschweifende körperliche Liebesabenteuer und eine der wichtigsten Emanzipationsbewegungen der Frauen stehen. All dies wäre ohne die zuverlässigen Kondome Fromms Act nicht in jenem Ausmaß denkbar gewesen. Durch sie endete nicht jede eheliche beziehungsweise außereheliche Romanze mit unwillkommenem Nachwuchs oder einer unangenehmen Geschlechtskrankheit. Selbstbestimmung im Bereich der Sexualität, aber auch in der Familienplanung konnten nun in die Realität umgesetzt werden. Einfach war der Siegeszug der Fromms Act, der in den 1930er Jahren durch die Nationalsozialisten jäh beendet wurde, ganz und gar nicht. Immer wieder musste sich Julius Fromm härtnäckig gegen Gesetzgeber und Kirche durchsetzen, allein um für sein Produkt legal und ordnungsgemäß werben zu dürfen.
Im Scheunenviertel Fromms Erfolgsgeschichte verdankte ihren Anfang kurioserweise dem Ersten Weltkrieg. Seine eigene Geschichte begann allerdings bereits am 4. März 1883 in der ehemals russischen Kleinstadt Konin als Israel From. So wuchs der spätere Fabrikant mit zunächst vier Geschwistern in einem traditionellen Schtetl unter ärmlichsten Verhältnissen auf. 1893 beschlossen die Eltern Baruch und Sara Rifka nach Berlin auszuwandern, um dort unter günstigeren wirtschaftlichen Bedingungen leben zu können und ihren Kindern bessere Zukunftschancen zu bieten. In den ersten Jahren hauste die schließlich zehnköpfige Familie in wechselnden Wohnungen im Berliner Scheunenviertel, dem Viertel in dem neben den Ostjuden auch eine Vielzahl an Kriminellen lebte. Mit der Zeit wechselte man die Namen der einzelnen Familienangehörigen, aus den Eltern wurden Bernhard und Regina Fromm, aus Israel Julius. Ihr Geld verdiente die Familie mit dem Drehen und dem Verkauf von Zigaretten. 1898 verstarb der Vater und der älteste Sohn Salomon wanderte nach London aus. Somit war es nun die Aufgabe des gerade 15-jährigen Julius, sich um Mutter und Geschwister zu kümmern. Nachdem er 1907 selbst eine Familie mit Selma Lieders gegründet hatte, zog die gesamte Familie Fromm in das so genannte Bötzow-Viertel im Prenzlauer Berg. Dort eröffnete Fromm 1914, inzwischen verwaist, nach einem in Abendkursen absolvierten Chemie-Studium seine erste Firma «Israel Fromm, Fabrikations- und Verkaufsgeschäft für Parfümerien und Gummiwaren». Bereits zu diesem Zeitpunkt nutzte er den späteren Firmennamen «Fromms Act» als Telegrammadresse und annoncierte für «nahtlose Gummiware». Villa am Nikolassee Kondome, ein schon seit alten Zeiten bekanntes Verhütungsmittel, bestanden Anfang des 20. Jahrhunderts noch aus Tierdärmen oder Fischblasen. Mit der von Charles Goodyear erfundenen Vulkanisierung von Kautschuk gelang es zwar Produkte aus Gummi herzustellen, die allerdings zusammengenäht wurden und aus diesem Grund weder als gefühlsecht, noch als sicher gelten konnten. Nahtlose und dünnwandige, weil getauchte, Kondome wurden erstmals 1901 in den USA hergestellt. In Deutschland schuf Julius Fromm das erste Markenkondom. Da im Laufe des Ersten Weltkrieges die Nachfrage nach Fromms Act zunehmend stieg, florierte das Geschäft. An der Front benötigte man die Verhütungsmittel, da sich Seuchen wie Syphilis und Gonorrhö mit wahnsinniger Geschwindigkeit ausbreiteten. In den Soldatenbordellen herrschte allgemeiner «Kondomzwang». Auch nach dem Krieg verebbte der Bedarf nicht, da sich in Zeiten der Armut die geplante Kleinfamilie als vorteilhaft erwies. Die zunehmende Qualität und die bis dato mangelhafte Konkurrenz trugen ebenfalls entscheidend dazu bei, dass Julius Fromm bereits 1919 eine Villa am Nikolassee kaufen konnte. Ein Jahr später erhielt er die preußische Staatsbürgerschaft. Mit dem Bau der hochmodernen Fabrik in Berlin-Friedrichshagen im Jahre 1922 erreichte die Firma Fromms Act ihre Blüte. Die Architektur des Gebäudes beschränkte sich ganz im Bauhausstil auf ihre Sachlichkeit und war durch ihre gläserne Fassade beinahe so transparent wie die Produkte, die im Inneren der Fabrik hergestellt wurden. Fromms Act konnte schon bald auf weltweite Vertretungen zurückgreifen und produzierte jährlich mehr als 50 Millionen Kondome. Leicht wurde es Julius Fromm allerdings trotz seiner unglaublichen Erfolgsgeschichte nie gemacht. Stets hatte er gegen die moralischen Bedenken der Kirchen und Politiker zu kämpfen. Geworben werden durfte nur, um den Schutz vor Geschlechtskrankheiten zu betonen, der Fromms Act vom ebenfalls jüdischen Sexualwissenschaftler Magnus Hirschfeld ausdrücklich bescheinigt wurden. Andeutungen auf Erotik und die Verhütung ungewollter Schwangerschaften wurden strengstens untersagt. Schließlich gelang es Fromm sogar, die ersten öffentlich zugänglichen Kondomautomaten aufstellen zu lassen. Der Kampf um eine legale Werbung erwies sich Ende der Zwanziger Jahre ohnehin als überflüssig. Inzwischen erfreuten sich Fromms Act einer solchen Bekanntheit, dass Kabarettisten Slogans sangen wie: «Wenn's euch packt, nehmt Fromms Act» oder «Ich bin ganz Fromms - zum Platzen gespannt». Eine bessere und authentischere Werbung hätte sich Julius Fromm nicht ausdenken können.
Ein «Nahverkehrsplan» zur Olympiade Doch mit wachsendem Einfluss der Nationalsozialisten nahm der Druck auf die jüdische Kondom-Firma erneut zu. Zunächst ließ sich Julius Fromm nicht sonderlich beeindrucken, sah zu, wie seine beiden Direktoren in die NSDAP eintraten, hängte Hakenkreuzfahnen und ein Bild Adolf Hitlers in die Kantine und warb selbst bei den Olympischen Spielen 1936 noch immer recht humorvoll unter den Gästen mit einem «Nahverkehrsplan». Die Firmenstrukturen hatte er bis dahin dennoch geändert und auch seine drei Söhne Max, Herbert und Edgar in Sicherheit gebracht. Trotz Überprüfungen ließen die Nazis ihn bis 1936 weitgehend in Ruhe arbeiten. Doch nach einer Kampagne im Antisemitenblatt «Der Stürmer» verstand Fromm, dass er Deutschland verlassen musste, ließ sich allerdings reichlich Zeit bei der endgültigen Abwicklung seines Besitzes. Da der Verkauf jüdischer Firmen ab 1938 dem Reichswirtschaftsministerium unterstand, musste er sich schließlich den Erniedrigungen durch die Nationalsozialisten beugen. Hermann Göring nahm die Fäden in die Hand und ließ seine Patentante, Elisabeth Baronin von Epenstein-Mauternburg, zur neuen Eigentümerin werden. Auch wenn die Firma für einen Spottpreis verkauft worden war und Fromm genötigt wurde, sein Privatvermögen in die nunmehr arisierte Firma Fromms Act einzuzahlen, erhielt Julius Fromm die Erlaubnis, 200.000 Schweizer Franken für seine Ausreise zu verwenden. Diese Privilegierung brachte ihm später im Exil noch Probleme, als er sich vor den Engländern rechtfertigen musste. Während Julius Fromm im Herbst 1938 mit seiner Frau nach London ausreiste, lebten die übrigen Geschwister noch weiter in Berlin. Alle hatten sich inzwischen ihre eigene Existenz aufgebaut und nun fiel der Abschied jedem einzelnen sehr schwer. Trotz der großen Gefahr blieben schließlich eine Schwester und ein Bruder in Berlin. Sie deportierten die Deutschen mit ihrer Familie nach Auschwitz, er schaffte es in der für alle Fromms zur Heimat gewordenen Stadt zu überleben. Der Besitz der gesamten Familie Fromm fiel der Regierung und somit auch den Bürgern des so genannten Dritten Reichs zu. Detailliert geben die Autoren des «Fromms»-Buches Aly und Sontheimer den Verbleib beziehungsweise Verkauf sämtlicher Besitztümer wieder. Allein durch eine Versteigerung konnten umgerechnet 130 Millionen Euro für die damalige Staatskasse erzielt werden, abgesehen von den Gewinnen, die durch die weitere Herstellung von Fromms Act eingenommen werden konnten. Natürlich waren die Fromms kein Einzelschicksal. Umso erschütternder die Antwort auf die Frage, wie viel, und vor allem was, die Nationalsozialisten mit dem Geld der von ihnen enteigneten jüdischen Eigentümer bezahlen konnten. Auch wenn die Freude und Erleichterung über das Ende des Zweiten Weltkrieges und dem damit verbundenen Untergang der Nationalsozialisten für alle Mitglieder der Fromm-Familie groß gewesen sein mussen, das Ende des traurigen Verlusts eines Lebenswerkes war noch lange nicht erreicht. Julius Fromm starb tragischerweise am 12. Mai 1945, sein Herz hatte der Aufregung nicht standgehalten. Wenigstens musste er auf diese Weise nicht mehr erleben, welch langwieriger und ungerechter Kampf um sein Erbe noch folgen würde. Das bis heute hoch sensible Thema der Entschädigungen für die Opfer der Nazis hat hier keine Ausnahme gefunden. «Kapitalistischer Ausbeutertyp» Die sowjetische Besatzungsmacht nahm die Friedrichshagener Fabrik sehr schnell wieder in Betrieb. Durch Ostberliner Funktionäre wurde der Besitz des «kapitalistischen Ausbeutertyps» mit «unsozialer, arbeiterfeindlicher und pronazistischer Einstellung», wie es in ihrem «Belastungsmaterial» heißt, zu Volkseigentum erklärt. Das Patent der Fromms Act erhielt nach langen Rechtsstreitigkeiten die Firma MAPA, die in Zeven, einem Ort zwischen Bremen und Hamburg, noch immer Kondome mit dem Namen «Fromms FF» herstellt. Auf der firmeneigenen Homepage erfährt man keine Silbe über das Thema Enteignung des Kondomfabrikanten Julius Fromm. Sontheimer und Aly ist es tatsächlich gelungen, Julius Fromm wieder «aus der Versenkung» zu holen. Auch wenn sich die Geschichte um den Hersteller des Markenkondoms Fromms Act mit all ihren Kuriositäten und Unerhörtheiten beinahe von selbst tragen mag, schufen die beiden Autoren doch aus einem Wirrwarr an Dokumenten einen übersichtlichen Einblick in das Schicksal der Familie um Julius Fromm. Auf diese Weise gelingt es ihnen, uns einmal mehr vor Augen zu halten, hinter wie vielen deutschen Firmennamen sich wohl noch andere «Fromms» verbergen, deren persönliche Geschichte einfach in Vergessenheit geraten ist.Information: Götz Aly / Michael Sontheimer: |