Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() «Nimm nichts, reise leicht...»Zum Tode von George Tabori
Fast 40 Jahre ist es her, dass ich ihn kennenlernen durfte. Damals veranstaltete das Berliner Ensemble anlässlich des 70. Geburtstages von Brecht den «Brecht-Dialog 1968». Werner Hecht und ich redigierten sämtliche gehaltenen Vorträge und Beiträge für einen Sammelband von 350 Seiten. Das weniger Angenehme dabei war, die Beiträge einzutreiben, sowohl die bereits ausgearbeiteten als auch die frei gehaltenen, die vom Tonband abgeschrieben werden mussten. Doch auf diese Weise konnte ich an allen Konferenzen und Diskursen dieses Welttreffens teilnehmen, die meisten Vorstellungen sehen und viele Künstler und Wissenschaftler aus etwa 30 Ländern, auch aus Übersee, kennenlernen. Der Vertreter der USA war nun George Tabori. Dieser Herr mit Theatersphäre an und in sich war mir sehr früh aufgefallen: Wie ein freundlicher Clown. Er hatte nicht am Dialog der Regisseure, sondern an dem der Übersetzer und Verleger teilgenommen. Nun, immerhin war er Übersetzer Brechts in den USA. Seine Äußerungen von damals hatten noch nicht diesen tiefgründigen Weisheitston von später, fielen aber durch Kenntnisreichtum auf. Und als ich ihn um seinen Text bat, war er einer der ersten und gefälligsten. Und außerdem hatte er mich zum Essen eingeladen. Da verriet er schon viel über seine Absichten und Ideen, wieder nach Europa und Deutschland zu kommen. In der Abschlussveranstaltung «Brecht auf den Bühnen der Welt» gab er ein anschauliches Bild zu Brecht in den USA und schloss mit Arbeitswünschen und einem Bekenntnis: «Diese Woche war vielleicht die schöpferischste meines Lebens.» Mit Paukenschlägen begann dann seine Tätigkeit, zunächst in den USA, alsogleich in Deutschland, 1969, im Westberliner Schillertheater mit «Die Kannibalen», jenem bestürzenden Stück, in welchem psychisch zerstörte und ausgehungerte KZ-Häftlinge Häftlinge essen. Der ausgelöste Schock betraf auch den Gemeindevorsitzenden Galinski, löste Proteste wegen «Grausamkeit» aus in der falschen Richtung: Nicht die Dichter haben diese Scheußlichkeiten hervorgebracht, sondern die NS-Realität. Und seither hat der Spielmacher, wie er sich selbst verstanden, fast vier Jahrzehnte produziert und dem deutschsprachigen Theater (seine englischen Texte von seiner dritten Frau Ursula Grützmacher übersetzt) eine große Arbeit nach der anderen geliefert. «Der alte Mann und was mehr» (so eine autobiografische Geschichte) mit dem Feuerkopf und den scharfblickenden Augen war über lange Zeit der szenisch meistbewegende Spiritus rector hierzulande und in Wien, war Anreger und Kritiker, Denker und Spieler, Greis von herrlichster Jugendlichkeit. Begonnen hatte er 1945 mit Romanen; «The Caravan Passes» erscheint mir von den vieren als der wichtigste. Ab 1952 kamen nach und nach die Stücke; «Flight into Egypt», «Brouhaha». Danach ging es Streich auf Streich. Die Zahl der Stücke ist kaum exakt zu benennen, da seine Bearbeitungen etwa antiker Dramen oder des «Hungerkünstlers» nach Kafka (1977), «Shylock» nach Shakespeare (1978), «Nathans Tod» nach Lessing (1991) oder die weniger geglückte Arbeit «My Mother‘s Courage», im Titel Brecht assoziierend, doch ein Stück über Juden-Verfolgung (1979,) schwer einzuordnen sind. Die Grenzen zwischen eigenem Stück und leichterem Eingriff sind fließend. Von höchstem Respekt freilich meist die Haltung vor dem «unergründlichen Kontinent Shakespeare» von 1983, sein Wiener «Endspiel» mit Voss und Kirchner in ihrer Heiterkeit vor Vergänglichem wurden zum Mythos. Bekannt wurden die Prosa-Bearbeitung «Weisman und Rotgesicht» (1990), „Jubiläum" (1983, zum 50. Jahrestag der Machtübergabe an Hitler). Schließlich und vor allem der «theologische Schwank» «Mein Kampf», jenes Stück um den frühen Hitler im Wiener Männerheim, der in eine skabröse Beziehung zum jüdischen Straßenhändler Schlomo Herzl gerät, aus dem sich die späteren Genozid-Schaurigkeiten bereits ablesen lassen. Spielort: die Blutgasse in Wien! In der Uraufführung 1987 im Wiener Akademietheater spielte Tabori selbst den Koscher-Koch Lobkowitz, einen im Grunde heruntergekommenen Gott auf ungöttlich witzige Art. Die letzten zehn Jahre, also die Peymann-Zeit, tat er noch kräftig am Berliner Ensemble mit. Und diese Phase des traditionsreichen Hauses ward mit seinem Stück «Die Brecht-Akte» eröffnet, jener Geschichte aus Brechts Leben vor dem US-amerikanischen Ausschuss des Hexenjägers McCarthy. Hat noch Stücke geschrieben, inszeniert, vielen vieles gelehrt, verehrt, auch geliebt von vielen. - Kaum eine Lebensfrage zwischen Erde und Himmel oder Welt hat der große Spieler ausgelassen. Spielen war auch Sein für ihn, Probieren von Leben; Liebe (sehr irdisch diese) als die Kunst des Unmöglichen, ohne die es aber nicht geht; Leben und Tod beziehungsweise Sterben, die Kunst des Überlebens, das versuchte Austricksen des Todes: alles Tabori-Themen. Krieg und Frieden ebenso wie Antisemitismus und Schoa, Fanatismus und Unduldsamkeit, letztlich Gut und Böse. Er inszenierte die Mozart-Oper «Entführung aus dem Serail» und führte sie als Toleranzbotschaft in Kirchen, Synagogen und Moscheen auf. Als Hauptmotiv seines Gesamtwerkes könnte benannt werden: Kampf zwischen Unterdrücker und Unterdrückten und ihre Bindung aneinander: Weisman und Rotgesicht sind aneinandergekettet wie Hitler und Schlomo oder Gott und Goldberg. Seine bevorzugte Kunstform mussten Drama und Theater werden, da sie Dialog und Diskurs sind. Womit wir wieder im Jüdischen ankommen, denn der säkulare Jude Tabori lebte wie wenige im ständigen Dialog mit jenem Bewusstseinsphänomen Gott, der ihm Welt ist und vice versa. Nun hat den Listigen der Tod überlistet, doch nicht unvorbereitet. Er hat ihn dichtend erwartet: «Nimm nichts, reise leicht, sagen die Weisen./ Ich meine, der Tod ist ein Meister/ Zwischen ihren Beinen/ Nimm nichts, reise leicht.» |