Mehr als Gesten der Gewalt

Im Internet oder beim Konzert: Klarer Hass in der deutschen Rapszene gegen Juden, Homosexuelle und sich selbst

 

Rapper Bushido. Foto: dpa

Auf dem muskulösen Unterarm eines Typen im Einzelkämpfer-Look ist mit martialischen Buchstaben «Berlin» zu lesen. Das haushohe Werbebanner wirft seine Botschaft in den verkehrsreichen Straßenalltag der Stadt. Erst aus der Distanz wird deutlicher, wer der abgebildete Mann in unmittelbarer Nähe zum Berliner Bahnhof «Zoologischer Garten» ist. Das Konterfei des Musikers Bushido soll anscheinend eine Werbebotschaft für «Berlin» sein. Und für sich selbst und sein neues Hip-Hop-Album natürlich auch. Doch der Schein trügt gewaltig, als ginge es dem 28-jährigen Abgebildeten auch darum, den guten Geist der Tourismusbranche für die Stadt zu markieren.

Die massenwirksam aufgehübschte Gewaltgeste auf dem übermenschlich großen Werbetransparent steht imgrunde für eine Blaupause menschenverachtender Gewaltbereitschaft. Doch diese Geste - nämlich jederzeit bereit zu sein, zuzuschlagen und loszulegen gegen wen auch immer - ist im Kontext jener eindeutigen Hasstiraden, die Bushido in den letzten Wochen und Jahren insbesondere gegen Homosexuelle, gegen Juden, gegen Frauen und Rapper-Kollegen vom Stapel gelassen hat, längst erschreckende deutsche Wirklichkeit geworden. Es reicht in diesem Zusammenhang freilich nicht aus, einen einzelnen Rapper kritisch aufs Korn zu nehmen, wie es nach Bushidos jüngstem Open-Air-Auftritt vor Tausenden jugendlicher Fans am Brandenburger Tor in den Medien bundesweit geschah. Im Rahmen des Events «Schau nicht weg» gegen Gewalt an Schulen, war Bushido dort live aufgetreten.

Schon vor dem Auftritt und in der Nachberichterstattung hatte der rappende Deutsch-Tunesier von der Presse sein Fett wegbekommen. Er wird mittlerweile als rechter «Rüpel-Rapper» beschrieben. Wobei Bushido noch eine vergleichsweise «moderate» und kommerzgeschulte Vorgehensweise gegen die Objekte seiner Wut an den Tag legt. Die Hoffnung jedenfalls, dass er diesmal doch den gutherzigen Künstler, der für Frieden an der Schule sei, mimen sollte, wie es die Eventveranstalter vielleicht erhofft hatten, erwies sich, wie im Grunde zu erwarten, als Makulatur. Solange Rapper wie Bushido, Massiv, Azad oder Bözemann von erwachsenen Erziehungsberechtigten lediglich als «große, böse Kinder» abgeklatscht werden (so gehört beim «Schau nicht weg»-Event), solange muss man besorgt sein.

Schwulenorganisationen waren entsprechend vorbereitet. Zahlreiche Engagierte hatten eine Gegendemonstration unweit der Konzertbühne nur wegen Bushido angemeldet. Während seines Auftritts zeigte dieser seinen Stinkefinger demonstrativ in die Richtung der Schwulen-Aktivisten. «Die Wichser können demonstrieren, sich aufhängen - ich scheiß drauf», erklärte er wenig diplomatisch. Dazu im Widerspruch grölte er allerdings auch, als wollte er eine Geste der Beschwichtigung ins Feld führen, unter dem Applaus der anwesenden Teenager: «Mir würde niemals im Leben einfallen, gegen Homosexuelle zu demonstrieren». Und fügte in Richtung der Aktivisten süffisant dazu: «Ich hoffe, ihr habt euren Spaß gehabt».

Wir erinnern uns kurz, mit Blick auf das Werbebanner für «Berlin»: In einem älteren Bushido-Song, betitelt «Berlin», rappt der vermeintliche ‚Für-Frieden-an-Schulen-Musikant', der wie gesagt «niemals im Leben...gegen Homosexuelle...demonstrieren» würde: «Ihr Tunten werdet vergast». Diese Textzeile wurde nur «aufgrund öffentlicher Proteste von seiner damaligen Plattenfirma nicht veröffentlicht», sagt Alexander Zinn, Chef der Lesben- und Schwulenverbände in Deutschland (LSVD). In einem anderen Lied kündigt der Rapper mit verbrüdernder Gossen-Rhetorik an: «Berlin wird wieder hart, denn wir verkloppen jede Schwuchtel.» Soviel zum Thema: Bushidos werbende, musikalische Visitenkarte auf dem Werbebanner für «Berlin».

Um den verbalen Liedtext-Kanon von Bushido abzurunden, seien ein paar Textzitate vorgestellt, in denen beispielsweise eine Frau in Stücke zerfetzt werden soll und die gewaltbereite Stoßrichtung von Rap-Musik im Zeichen von «Krieg» zu stehen habe. Zu lesen in Songs wie «Gangbang» (2004), «Nutte Bounce» (2006) und «Behindert» (2002): «Ich ziehe dich an deinen blonden Haaren auf die Brücke, den Abzug den ich drücke, zerreiße deine Seele in Stücke», «Ich bin Gangbang und verkloppe jeden Freak! Du bist Depp, dann sei stolz, doch bei Rap geht es um Krieg!».

Bushido, dessen Samurai-Künstlername soviel wie «Wege des Kriegers» bedeutet, ist für viele Nachwuchsrapper, für zahllose Jugendliche sowie für erwachsene Fans zu einem Vorbild geworden, insbesondere auch für Rechtsradikale, die am Rande des «Schau nicht weg»-Events am Brandenburger Tor vereinzelt und kahlköpfig mit bedruckten T-Shirts auszumachen waren, auf denen stand: «Kameradschaft Bushido - für immer lebenslänglich». Ein Song, der für Bushidos antiisraelische Begeisterung aussagekräftig ist und presseweit schon die Runde machte, heißt «Taliban». Der Song stellt sich auf die Seite von Selbstmordattentätern: «Ich mach einen Anschlag auf dich wie in Tel Aviv... Wenn ich will, dann seid ihr alle tot, ich bin ein Taliban».

Nicht nur in ihren Songtexten oder live auf Konzertbühnen, sondern auch im Internet, in sogenannten öffentlichen Portalen wie «YouTube» lassen immer mehr deutschsprachige Rapper in Videos ihrem Hass gegen Israel und Juden völlig freien Lauf. Ein «Vertreter» dieser Rapper-Spezies der härteren Gangart ist Bözemann aus Süddeutschland. Ein Lied von ihm heißt «Die Herausforderung». Darin stellt er seinen Hass gegen den Rapper namens «Massiv» und gegen Bushido zur Schau. Auf ein Stück Holz malt er das Wort «Massiv». Im Internet-Video schaufelt der «Totengräber»-Rapper dann ein Grab und beerdigt seinen speziellen Rap-Kollegen Massiv symbolisch durch ein Holzkreuz. Aber damit nicht genug. Auf das zweite Holzstück malt Bözemann einen Davidstern, als Zeichen des jüdischen Volkes, das er über alles hasst. Daraus nagelt er dann ein Holzkreuz, ein Grabkreuz für Massiv und die Juden, das Volk Davids.

Ein Textbeispiel aus Bözemanns Musikvideo «Die Herausforderung» belegt - stellvertretend für viele derartige Rapper-Songs - die Verknüpfung von verbalen Hass-Attacken gegen Rap-Konkurrenten, gegen Homosexuelle und gegen Israel: «Ich fordere dich heraus, Mann gegen Mann... Blut gegen Blut... Wen willst du verarschen, die Kinder von Berlin?... Ich bin nicht wie Bushido, ich zertrümmere dir dein Kinn...Du bist die Gaza-Schwuchtel mit der Kugel in deinem Kopf...». So zu sehen und zu hören auf der Website von YouTube.

«Jud Süß», Rassisten-Videoclips, rechtsextremistische Filme: Neonazis nutzen YouTube zur Verbreitung ihrer Propaganda. Dieser Tage forderte der Zentralrat der Juden das Video-Portal zum Einschreiten auf. «Jugendschutz.net», die zentrale Stelle für die Einhaltung des Jugendschutzes im Internet, habe in den vergangenen Monaten in mehr als hundert Fällen indizierte, zum Hass aufstachelnde Videos bei YouTube abgemahnt, ohne dass die Firma diese Filme aus ihrem Angebot herausgenommen hätte, berichtete das TV-Magazin «Report». «Jugendschutz.net» habe von YouTube auf die Abmahnungen keine Reaktion erhalten.

Im Internet kursiert auch ein Video («Aggro Ansage Nr. 2») von Bushido und dem Rapper Sido, in dem auch der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) in Anspielung auf seine Homosexualität beleidigt wird. Auf Fragen beispielsweise, inwieweit es einen Widerspruch darstelle, dass die Bundesregierung stärker gegen Rechtsradikalismus vorgehen wolle, aber Internetportale wie YouTube ihre rechtsradikalen und antisemitischen Clips frei anbieten dürfen, sagte der Software- und Medienexperte der CDU/CSU-Bundestagsfraktion im Rechtsausschuss, Dr. Günter Krings, kürzlich gegenüber der «Frankfurter Rundschau»: «Zum Engagement der Bundesregierung ist dies natürlich kein Widerspruch. Es ist allerdings ein unerträglicher Zustand und zeigt, dass wir tätig werden müssen. In der Bundesrepublik fällt die Kontrolle der Internetinhalte in die Hoheit der Länder. Die Landesregierungen müssen die Kontrollmechanismen stärker nutzen. Wir müssen an die Internet-Community das klare Signal aussenden: Das Internet ist kein rechtsfreier Raum - das gilt für Urheberrechtsverletzungen wie für Videoclips mit rechtsradikalen Inhalten».

Samuel Korn, der Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, erwägt nun, Strafanzeige gegen die Betreiber von YouTube wegen Beihilfe zur Volksverhetzung zu erstatten: «Ich erwarte, dass die Staatsanwaltschaft, dass die Behörden, dass auch die Bundesregierung gegebenenfalls dagegen eintritt und dagegen vorgeht».

Gideon Ancel

«Jüdische Zeitung», September 2007