Die Synagoge in der Rykestraße. Foto: dpa

«Wieder Gesicht zeigen!»

 

Kürzlich verband ein interkulturelles Stadtfest die deutsch-polnischen Grenzstädte Görlitz und Zgorzelec. Tausende feierten bei strahlendem Sonnenschein einen Mittelaltermarkt in den Altstädten. Abseits von Feuerschluckern, Wahrsagerinnen und Kunstschmieden konnte man Ruhe auf den Treppenstufen vor der Görlitzer Synagoge finden. Der beeindruckende Jugendstilbau weist zwei Besonderheiten auf: Zum einen liegt die Synagoge auf einem gemeinsamen Grundstück mit der katholischen Heilig Kreuz Kirche. Zum anderen wurde sie in der Pogromnacht 1938 nicht zerstört. Somit ist der frühe neoklassizistische Stahlbetonbau die einzige Synagoge auf dem Gebiet des heutigen Sachsen, die nicht dem Mob zum Opfer fiel. Zur Ruine verfallen ist sie erst viel später, in den letzten Jahren der DDR.

Ganz anders Decin. In der tschechischen Elbestadt steht ebenfalls eine Synagoge, die in der Pogromnacht verschont wurde, auch sie als einzige ihrer Region. Am ersten Wochenende dieses Monats wurde sie wiedereröffnet, genau einhundert Jahre nach ihrer Einweihung und zehn Jahre nach dem Beginn ihrer Rekonstruktion. Nordböhmen und Ostsachsen kooperieren entlang der Elbe, Vertreter der Dresdner Gemeinde waren zur Wiedereröffnung in Decin, auch Politiker und auf beiden Seiten ansässige Diplomaten. Diesmal ist es nicht die deutsche Seite, die einen Schritt voraus ist: Erste Rekonstruktionsarbeiten an der Görlitzer Synagoge sind nach der «Wende» ins Stocken geraten und harren, bis heute, ihrer Fortführung.

Berlin erlebte am selben Wochenende gleich zwei Synagogeneröffnungen. Bei einer sehr klassisch-feierlichen Zeremonie, zugleich der Eröffnung der diesjährigen hauptstädtischen Kulturtage, wurde die nunmehr größte Synagoge Deutschlands in der Rykestrasse wiedereröffnet. Mit einem großen Straßenfest für die ganze Familie übergab Chabad Lubawitsch sein Bildungszentrum in Berlin-Wilmersdorf der Öffentlichkeit, im Kern des Gebäudekomplexes ebenfalls mit einer Synagoge.

In dieser Ausgabe können wir also von insgesamt sechs Synagogen berichten. Das ist ungewöhnlich und dennoch gewollt: Decin, Fès in Marokko, der Neuorientierung der Poznaner Synagoge, von zwei Gotteshäusern in Berlin und schließlich Görlitz. In den zwei Jahren unseres Bestehens konnten wir immer wieder über Neubauten und -eröffnungen von Synagogen schreiben, von München über Gelsenkirchen, der neuen sephardischen im Herzen der Hauptstadt bis Bad Seegeberg. Von einem «Synagogenrausch» gar sprach im Dezember letzten Jahres an dieser Stelle einer unserer Gastautoren. Wohl kaum: es sind noch immer zu wenige, denkt man an die etwa 2.200 Synagogen in Deutschland, die der Schoa zum Opfer fielen.

Doch nicht Eröffnungen und Wiedereröffnungen von Gebäuden sind es, die uns zuversichtlich stimmen sollten. Es sind die Menschen, die sich für ihr Judentum engagieren, in den Gemeinden der neuen Gotteshäuser zusammenwachsen, weil sie eben zusammen gehören, auch in diesem Land, das in der Tradition eines «deutschen» Judentums schon immer aus Zuwanderungen Kraft schöpfen konnte: Von «den Russen» nach der Oktoberrevolution, DPs nach der Schoa, «Polen» zu Beginn der 1980ger. Und heute? Chabad Lubawitsch, noch vor wenigen Jahren argwöhnisch auch aus jüdischem Blick beäugt, von nicht wenigen Beobachtern in einer Sektennische vermutet, kann sich jetzt mehr denn je der Sympathie der Gemeindeoberen wie der nichtjüdischen Politik erfreuen. Kein Wunder, wenn man mit viel Geld aus dem Ausland und schwerreichen wie gutgesinnten Freunden hierzulande alles das auffängt, was anderswo im jüdischen Deutschland zu stranden droht: Zuwanderer, deren Potential keines in Heller und Pfennig ist, aber doch ein nicht weniger wichtiges, überlebenswichtiges sogar.

Die christlichen Kirchen Deutschlands sind gegenwärtig gezwungen, viele ihrer Gotteshäuser zu veräußern. Es ist tragisch, dass große und starke Religionsgemeinschaften sich dazu entschließen müssen. Das hierzulande «kleine» Volk der Juden hingegen baut Synagogen oder eröffnet sie wieder. Das ist nicht als Renaissance des Judentums zu verstehen, wie Salomon Korn, Vizepräsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, betont, sondern als Normalität, wie er zur Eröffnung der beiden Berliner Synagogen erklärte. Das sollte, nein, das muss uns freuen - aber nur dann, wenn Synagogen nicht nur für Konzerte und Ausstellungen genutzt werden und damit das kulturüberlagerte Klischee der Juden befördern, sondern lebendiges jüdisches Leben zurückkehrt, mit einer facettenreichen jüdischen Gemeinschaft, auch wenn dies eine ganz andere ist als noch vor zwanzig oder gar vor siebzig Jahren.

«Wir können wieder Gesicht zeigen», schreibt glücklich einer derjenigen, dessen Gemeinde am ersten Septemberwochenende ihre Synagoge zurückbekommen hat. Nutzen wir die Chance, das auch wirklich zu tun: mit den Erfahrungen aller, die tiefe Furchen und Narben in unserem Gesicht ausmachen, aber auch der jugendhaften Frische der neuen Generationen, egal ob sie früher in den Synagogen von New York oder Sankt Petersburg gebetet haben. «Wir bauen etwas Neues auf, dessen Charakter wir nicht genau kennen», so Korn im Deutschlandradio mit Blick auf die Integration russischer Einwanderer. Nehmen wir sie auf, als das, was sie sind: Juden, die in den Synagogen unserer Gemeinschaft ein Zuhause finden müssen!

 

 

 

«Jüdische Zeitung», September 2007