«Rechtsradikale haben uns nicht im Würgegriff»

In Halberstadt startet am 14. September die Initiative «Auf die Plätze!»

 

Es geschah am helllichten Tag. Die wärmende Frühabendsonne meint es zum Ausgang des Tages noch lange gut mit den Bürgern von Halberstadt. In der kleinen Stadt der Nordharz-Region scheint auch für Rainer Neugebauer, seines Zeichens Professor für Sozialwissenschaften an der örtlichen Fachhochschule, der obligate Feierabendspaziergang einen sonnigen Verlauf zu nehmen. Neugebauer ist zudem Mitglied im «Bürger-Bündnis für ein gewaltfreies Halberstadt» und einer der treibenden Kräfte in Sachen Aufklärungsarbeit über Motivationszusammenhänge rechtsextremer Gewalttaten in Sachsen-Anhalt. Über den «Fischmarkt» weht noch ein laues Sommerlüftchen. So könnte ein Märchen beginnen. Tut es aber nicht. Professor Neugebauer schlendert über das Kopfsteinpflaster der Innenstadt. Noch ahnt niemand, dass diese Ruhe auf dem zentralen, bevölkerten Platz schnell verflogen sein wird.

Der Professor mit dem Vollbart steuert einen der zahlreichen Läden in der «Passage» an, dem Geschäftszentrum der Stadt. Jäh werden seine Gedanken von einer Gruppe Jugendlicher und Erwachsener aufgeschreckt, die sich am Rand des «Fischmarkts» versammelt haben. Sie brüllen Neugebauer an: «Wir haben ein Problem!» In der Vergangenheit erhielt Neugebauer des öfteren telefonische Drohungen, beleidigende E-Mails und bekam auf offener Straße Schläge von einigen inzwischen stadtbekannten Rechtsextremen angedroht. Neugebauer bleibt daher besonnen und ruft zurück: «Welcherart Problem gibt's denn?». Die Jungmänner schlagen einen aggressiven Ton an: «Da ist ein Rabbi, der ist verlaust!» Irgendjemand hat schon die Polizei gerufen. Nachdem die eingetroffen ist, wird eine Anzeige geschrieben.

Alles scheint jetzt den Weg polizeilicher Ermittlungen zu nehmen. Doch noch auf dem Platz, in Anwesenheit der Polizeibeamten, geben sich die Rechten selbstgerecht. Auf die Frage einer der Beamten, warum die Gruppe den Professor als Rabbi bezeichne, suchen die rechten Provokateure nach Ausflüchten. Schon fragt der zweite Polizist, was das denn überhaupt sei, ein Rabbi? Wenn sich Neugebauer an diese Szene erinnert, sagt er, bliebe ihm noch immer das Lachen im Hals stecken: «Die seltsame Informationstaktik der zwei Polizisten führte dazu, dass sich der rechte Klüngel nicht gerade eingeschüchtert fühlte».

Im Gegenteil. Ob der offensichtlichen Unwissenheit des einen Ordnungshüters in Sachen jüdischer Religion und Kultur trauten sich die «Nachwuchs-Antisemiten» noch mehr. «Völlig hemmungslos wollten sie die Polizisten auch noch zum vermeintlich Besseren bekehren, indem sie debattierten und sich dann mir zuwandten und meinten, aber ich sei ja auch nunmal kein „Arier"», so Neugebauer. Diese ganz offensichtlich in Halberstadts einschlägigen Vierteln schon üblich gewordene Alltagsposse ging, trotz aller Bedrohlichkeit, noch verhältnismäßig glimpflich aus. Anders dagegen verlief im April 2000 die Beschwerde eines Rentners. Der hatte sich über zu laute «Nazi-Musik» in einem Wohnhaus beschwert. Der 60-jährige Mann war damals niedergestochen worden und an seinen Stichverletzungen gestorben. Neugebauer ergänzt die traurige Palette rechtsextremer Vorfälle in Halberstadt: «Im August 2003 wird bei einem brutalen Überfall auf das Jugendzentrum «Zora» ein junger Halberstädter durch Tritte gegen den Kopf schwer verletzt. Am Himmelfahrtstag 2005 werden ein Schwarzafrikaner und ein Polizist, der ihm helfen will, am Bahnhof zusammengeschlagen». Nur wenige der umstehenden Zuschauer hätten seinerzeit Zivilcourage gezeigt. Auch als dieser Tage der Professor als «verlauster Rabbi» angeschrien wurde, hätten die Menschen, die zu dem Zeitpunkt auf dem «Fischmarkt» waren, nicht eingegriffen.

 

Mut zur Zivilcourage

Im letzten Jahr geriet Halberstadt bundesweit in die Schlagzeilen, nachdem im Rahmen einer Großdemonstration gegen Rechtsextremismus und gegen die NPD der Landkreis Harz ein Anti-Nazi-Konzert des Liedermachers Konstantin Wecker nicht gestattet hatte. Die verantwortlichen Kreisbediensteten hatten sich dem Druck der NPD gebeugt, die damit gedroht hatte, die Veranstaltung mit Gewalt zu verhindern. Im Frühjahr 2006 trotzten schließlich zahlreiche Bürger Halberstadts einem demonstrierenden Aufgebot der «Sozialrevolutionären Nationalisten» und der «Jungen Nationalisten» mit dem Slogan «Halberstadt ist bunt und nicht braun». Dies sei einer der eher seltenen Momente gewesen, in denen «die Bevölkerung unserer Stadt ganz deutlich Mut zur Zivilcourage zum Ausdruck gebracht hat», freut sich Jutta Dick im Rückblick. Sie ist die Leiterin der Moses-Mendelssohn-Akademie, einer internationalen Begegnungsstätte für Tagungen, Konzerte und Informationsveranstaltungen über Judentum im Allgemeinen und über die Geschichte der einst blühenden jüdischen Gemeinde von Halberstadt.

Auch der Botschafter Israels in Deutschland, Shimon Stein, bekam im September 2006 bei seinem Besuch der «Winterkirche» eine Portion des virulenten Antisemitismus und der Ausländerfeindlichkeit in Halberstadt zu spüren. Trotz eines Großaufgebots der Polizei, die den Domplatz abgesperrt hatte, schallten die Rufe der etwa 70 Rechten, die nicht in den Blick des Politikers geraten sollten, weit über den Platz. Am Domplatz steht das Vaterhaus von Martin Bormann, den Hitler angeblich als «Treuesten seiner Parteigenossen» bezeichnete. Unter einigen Bürgern der Stadt kursiert die Auffassung, die Rechten hätten es nicht dulden wollen, dass der israelische Botschafter in der Nähe jenes Hauses herumlief. Dabei war der Domplatz als Ort von Shimon Steins Visite passend gewählt. Dort stehen die «Steine der Erinnerung und Mahnung». Sie sollen an die Opfer der Pogrome erinnern und verzeichnen alle Namen der ermordeten Halberstädter Juden.

Letztes, prominentes Beispiel für die Latenz rechtsextremer Gewalt in Halberstadt waren im vergangenen Juni die Angriffe auf mehrere Künstler des Nordharzer Städtebundtheaters sowie auf ihren Intendanten, André Bücker. Die Täter sind den städtischen Behörden zum Teil als Rechtsextreme bekannt und nach Aussagen der Polizei einschlägig vorbelastet. Die Initiative «Auf die Plätze!» des Nordharzer Städtebundtheaters in Zusammenarbeit mit der Stadt strebt nun am 14. September von 20 Uhr bis 24 Uhr eine «Rückeroberung des öffentlichen Raumes unter Einbeziehung aller demokratischen Kräfte mit den Mitteln von Kunst und Kultur» an. Die Bürger sollen, so wird es von den Machern rund um Intendant Bücker erhofft, sich an jenen Plätzen der Stadt versammeln, «an denen sich für gewöhnlich die Rechten treffen».

André Bücker hofft, «das wir Bürger diese Stadt in dieser Nacht bevölkern, was sonst nicht der Fall ist, da Halberstadt nachts einfach nicht belebt ist, das muss man mal so sagen». Es solle etwas «Wirkliches übrigbleiben, über diesen einen Tag hinaus, dass man mit vereinten Kräften endlich wieder zeigt, wir lassen es uns nicht länger bieten, von Rechtsextremen auf der Straße angepöbelt und verprügelt zu werden». Es nutze niemandem, so Bücker, «das Problem Rechtsradikalismus und Fremdenfeindlichkeit zu negieren oder auf die Medien zu verweisen, von wegen die Presse würde Rechtsextremismus in Deutschlands bloß „hochschreiben", wie ich es immer wieder zu hören bekomme».

Eine absurde «Begebenheit» hat sich inzwischen ereignet. «Die Rechten», schmunzelt Bücker, «haben vor kurzem unsere Aktion aufgegriffen und eine NPD-Demonstration mit demselben Namen „Auf die Plätze" am 15. September, also einen Tag nach unserer Aktion, in Quedlinburg und in Zerbst angemeldet». Die Aktion «Auf die Plätze!», die ursächlich von André Bücker entwickelt wurde, solle nicht als ein Ereignis der kommunalen Politik verstanden werden. «Wir alle sollen etwas kreativ gegen unser rechtsextremistisches Problem in der Stadt tun und zwar mit dem kulturellen Potential der Zivilgesellschaft», unterstreicht Bücker. «Die Bürger einer Stadt wie Halberstadt müssen ein Stück weit wieder lernen, ihre Teilhabe an der Zivilgesellschaft öffentlich zu nutzen, indem sie sich abends nicht mehr verkriechen, um so den Rechten nicht länger Raum für deren Agitationen zu überlassen. Das Signal, das in Halberstadt von den Bürgern aufgebaut werden muss, ist klar: Rechtsradikale haben uns nicht im Würgegriff.»

Vor wenigen Tagen vermeldete die Stadtverwaltung von Halberstadt, dass am 3. September die «Gründung des Präventionsrates Harz gegen Rechtsextremismus» erfolgen soll. Als hätte es erst zu den Vorfällen von Mügeln - im Kreis Torgau-Oschatz - kommen und der Vize-Präsident der EU-Kommision, Franco Frattini, sich zum NPD-Verbot in Deutschland zu Wort melden müssen, bevor es zu einer solchen Gründung kommt.

Der Aufbau der jüdischen Gemeinde Halberstadts verläuft derweil erfreulich. Durch die Zusammenarbeit von Jutta Dick mit Prof. Julius Schoeps, der auch Vorstand der Moses-Mendelssohn-Akademie ist, entstand die Idee einer Patenschaft mit der «Synagogengemeinde Berlin Sukkat Schalom». Die Berliner Mitglieder von «Sukkat Schalom» treffen sich Anfang September in Halberstadt, «auf dass diese Patenschaft den 50 jüdisch-russischen Gemeindemitgliedern helfen wird, sich als Gemeinde besser zu orientieren", denn die Gemeinde besteht schon seit März 2005 als „Verein jüdische Gemeinde Halberstadt"». Da würde es langsam Zeit, dass die etwa 20 Familien zu ihrer jüdischen Identität im alltäglichen Leben zurückfänden, wünscht sich Jutta Dick. Auch wenn das noch «ein sehr steiniger Weg» sei.

Frank König

«Jüdische Zeitung», September 2007