Moishe Arye Friedmann. Foto:Archiv

Im Internet ist der Rabbi los

Wenn Juden gegen Juden hetzen, freut sich das norddeutsche Internetportal «Muslim-Markt»

 

Feinsinnige Unterscheidungen hat Yavuz Özoguz auf dem Kasten. Sein Muslim-Markt, ein islamistisches Internetportal, unterscheidet zum Beispiel genau zwischen guten Juden und bösen Juden. Gute Juden sind die, die in ihrem Urteil über andere Juden nicht zimperlich sind, schlechte Juden sind hingegen fast alle - nämlich Zionisten, Israelis und sämtliche Diaspora-Juden, die nicht ihre Stimme gegen den «Pseudostaat» Israel erheben. Und was ist Özoguz nach eigenem Bekunden nicht? Richtig: ein Antisemit. Und um das zu demonstrieren, werden alle paar Wochen im Forum seines extremistischen Web-Angebots «User» rausgeschmissen, die tatsächlich antisemitische «Postings» verfasst haben, die sich aber nur in Nuancen von dem unterscheiden, was der Forumschef selbst verzapft.

Özoguz hat auch einen Lieblingsjuden. Das ist Moishe Arye Friedman. Eigentlich würde man dem nur attestieren, nicht mehr alle Tassen im Schrank zu haben. Doch mittlerweile ist der selbsternannte Oberrabbiner einer antizionistischen, orthodoxen Gemeinde Wiens mehr als ein Ärgernis für die dortige Israelitische Kultusgemeinde. Der Mann ohne Rabbinerdiplom, dessen Gemeinde aus ihm selbst besteht, hat mit seiner Reise zu einem weiteren Judenfreund à la Özoguz, nämlich Irans Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad (den Özoguz verehrt), nachhaltig Unruhe gestiftet.

Der Teheraner Auftritt Friedmans, der der iranischen Holocaust-Leugner-Konferenz ein koscheres Geschmäckle geben sollte, hatte für ihn den Rausschmiss aus der Wiener Kultusgemeinde zur Folge. Wegen «grob schädigenden Verhaltens» seiner Kontakte zu «geschichtsrevisionistischen, antisemitischen Kreisen» und «einschlägiger Äußerungen», wurde Friedman an die Luft gesetzt. Doch damit war das Thema für beide Seiten immer noch nicht beendet. Nun geht es um die Kinder.

Die Geschichte ist schnell erzählt: Anlässlich der Iran-Eskapade ihres Mannes, verließ dessen Gattin, Lea Rosenzweig, ihn und eskapierte ebenfalls - in die Vereinigten Staaten. Vier schulpflichtige Kinder, die die Talmud-Tora-Schule Machsike-Hadass besuchten, nahm sie um die Jahreswende herum gleich mit. Vier Wochen dauerte es, bis der emsig um die Welt jettende Rabbinerdarsteller seine Familie wieder eingefangen hatte und Frau und Kinder wieder in Wien waren. Dass Zwang und Druck auf die Gattin nötig waren, weiß der Gassenklatsch rund um die Gemeinde zu berichten. Die Familie steht wegen ihres skurrilen Oberhauptes immer wieder im Mittelpunkt der Gerüchteküche. Moishe Friedman hat diverse Gläubiger. Zuletzt konnte der Privatkonkurs des verkrachten Mannes nicht abgewickelt werden - niemand wollte die Kosten eines solchen Verfahrens tragen.

Die Schule, die zur Gemeinde gehört, jedoch - wie bei Privatschulen üblich - vom Staat gefördert wird, hatte mittlerweile die Kinder vom Unterricht ausgeschlossen. Hier ging es neben Friedmans Eskapaden, die den Schulfrieden gestört hätten, auch um rund 20.000 Euro säumiges Schulgeld, das sich im Laufe der Jahre ansammelte. Per Einstweiliger Verfügung versuchte Friedman nun seine Kinder wieder auf die Schule der Gemeinde zu bekommen. In erster Instanz ging er mit dem Ansinnen jedoch baden. In zweiter Instanz stellten sich die Richter des Oberlandesgerichts Wien jedoch auf seine Seite. Mit dem Verweis auf «Sippenhaftung» wurde die Schule verdonnert, die Friedman-Kinder wieder aufzunehmen. Dagegen argumentierte die Schule, dass sie eine Privatschule sei und Eltern wie Schüler einen bestimmten persönlichen Hintergrund als Voraussetzung zum Unterricht mitzubringen hätten.

Auch Offizielle der Gemeinde in Wien bestreiten nicht, dass sich die Schule über das Urteil des OLG hinwegsetze. Seitdem verhängen Gerichte Beugestrafen gegen die Schule, die mit entsprechenden Gegenklagen beantwortet werden. Auch beim Europäischen Gerichtshof sind Klagen der Schule in der Sache anhängig. Rechtskräftig sind die Urteile gegen die Schule noch nicht und genau deswegen wird nicht vollstreckt - alles läuft also seinen normalen juristischen Gang.

Aber die Sache ist dennoch eine Steilvorlage für jeden Antisemiten. Man lasse ein paar Details weg und schon lässt sich erzählen, dass die Juden täten, was sie wollten. Da es in diesem Falle auch noch irgendwie um Israel geht, ist alles da, was der moderne Antisemit braucht.

An der Stelle kommt wieder Özoguz ins Spiel, den man normalerweise ignorieren sollte, der aber wie aus dem Lehrbuch zeigt, wie islamischer Antisemitismus heute funktioniert. Wie zum Beispiel deutsche umlackierte Antizionisten, so hat auch die islamische Variante der Judenfeindschaft ihre eigenen Codes. Deswegen lohnt es sich, die Geschichte des Muslim-Markts und der Familie Friedman/Rosenzweig unter die Lupe zu nehmen.

Seinen Lieblingsjuden brachte der in Delmenhorst bei Bremen lebende Özoguz schon im vergangenen Jahr in Stellung. Wie ein lila Kaninchen kündigte der Muslim-Markt einen Rabbiner als Sprecher auf der Kundgebung anlässlich des «Al-Quds-Tages» in Berlin an. Der «Al-Quds-Tag» ist eine Erfindung des toten iranischen Religionsdiktators Khomeini. An jedem letzten Freitag des Ramadans sollen Muslime ihrem eingeimpften Hass auf Israel freien Lauf lassen - 2006 dann sogar mit jüdischer Beteiligung.

Der Muslim-Markt wird seit Jahren vom Verfassungsschutz beobachtet. Dass Özoguz mit dem theokratischen Regierungssystem des Irans sympathisiere, schreiben die Verfassungsschützer in ihrer jüngsten Ausgabe des Behördenberichts. Er agitiere in diesem Sinne, heißt es weiter. Ein Jahr zuvor war von einer «engen Bindung» Özoguz' an eben jenes System die Rede. Er tritt auch als Referent auf Veranstaltungen der iranischen Botschaft auf. Der Nachweis direkter finanzieller Protegierung durch die Mullahs ist bisher allerdings noch nicht gelungen. Wohl aber heißt es nicht nur hinter vorgehaltener Hand, dass der Muslim-Markt das bedeutendste schiitische Sprachrohr für Hetze im Sinne der iranischen Führung ist.

Eine von Özoguz' Kernthesen ist nicht sonderlich originell, aber bei Antisemiten stets beliebt: Kritik an Israel sei tabu, wer sie übe, würde mundtot gemacht. Zwar ist Özoguz mit seinem obskuren Muslim-Markt seit Jahren auf Sendung, doch diesen Widerspruch entdecken auch andere gestandene Antisemiten selten. Und so erzählt der Muslim-Markt seit Friedmans Auftritt in Berlin, wie hart die jüdische Gemeinschaft mit dem Wirrkopf umspringt. Dass allerdings schon die Abkehr vom Islam in vielen arabischen Staaten den Tod zur Folge haben kann und im Iran Oppositionelle derzeit reihenweise aufgeknüpft werden, verschweigt Özoguz freilich.

Höhepunkt der vom Muslim-Markt inszenierten Friedman-Rosenzweig-Klamotte ist jetzt ein Interview mit Lea Rosenzweig, in dem diese sich darüber beklagt, dass der Holocaust zu einer «Ersatzreligion» würde und Israel entscheide, wer auf eine österreichische Schule gehen dürfe bzw. Israel bestimme, welche «Gerichtsbeschlüsse in Österreich» umgesetzt würden. Und dann wird es grundsätzlich: Israel sei ein mit Waffen errichteter Staat, der ein großer Aufstand gegen den Willen Gottes sei. Die Familie bete drei Mal täglich für seine «sofortige Überwindung».

Und wo man gerade dabei ist, kann man auch noch die Strafen «bestimmter Kreise» ansprechen, die auf die warteten, die sich trauten, derartige Wahrheiten auszusprechen. Fazit: In Österreich stünden Zionisten über dem Gesetz und das dürfe nicht sein. Wäre Özoguz nicht konsequent lustfeindlich, müsste er in einen Erregungszustand geraten. «Muslim-Markt ruft zur Unterstützung einer Jüdin» auf, heißt es dann im Forum des Extremisten-Portals. Mittlerweile ist der Aufruf verschwunden, Informationen zum Ausgang der Spendensammlung unter den islamischen Brüdern und Schwestern sucht man leider vergeblich.

Matthias Küntzel ist einer der profiliertesten deutschsprachigen Forscher zum islamischen Antisemitismus. Er sieht im islamischen Antisemitismus ein Argumentationsmotiv, das in Deutschland zwar bestens bekannt, aber mittlerweile spezifisch iranisch sei: «Iraner benutzen den Begriff «Zionisten» wie Hitler den Begriff «Jude» als die Instanz, die für alles Böse in der Welt verantwortlich sein soll.» Der Wiener Möchtegern-Rabbi habe visuell eine wichtige Rolle bei Ahmadinedschads Holocaustkonferenz gespielt. Die Bilder, bei denen sich fromme Muslime und fromm aussehende Juden die Hände schütteln, signalisieren, dass endlich Friede herrschen könnte, wenn doch nur Israel beseitigt wäre. Ganz so propagiert es auch Özoguz. Und deswegen ist Friedman so nützlich für den speziellen Judenfreund aus Norddeutschland.

Jan-Philipp Hein

«Jüdische Zeitung», September 2007