Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Eine Frage des Glaubenszu Chaim Noll oder dem Kaiser in neuen Kleidern...Wann ist einer Jude? Einfache Antwort: Entweder durch deine jüdische Mutter, oder du musst dich einer Prüfung durch einen Rabbiner unterziehen, die dauert. Als Mann musst du dich beschneiden lassen, das tut weh. Da hilft nur ein starker Glaube. In meiner Entwicklung war die Identitätsfindung mit dem Jüdischen kompliziert. Durch die Schuldgefühle meiner Mutter, die ihre Mutter in Deutschland zurück lassen musste, als sie in die Emigration ging und durch ihre kommunistische Ideologie bekam ich als Kind vom Jüdischsein Schatten und (Alb-)träume mit. Mit der ersten blonden Frau, die ich liebte, wehrte ich mich instinktiv auch gegen das Bild, dass alle Deutschen Schweine sind. Umgekehrt zeigte mir die Frau, dass ich mich mit schwarzen Haaren und gebogener Nase auch nicht schämen muss. Heute kenne ich meine Geschichte bewusster und weiß, es hat gewissermaßen keinen Sinn sich gegen seine Jüdischkeit zu wehren, ich habe gelernt, offen stolz darauf zu sein. Vor ein paar Jahren war auch ich das erste Mal in Israel, dort bei der Mischpoche, die mein Vater bis heute nicht besuchen will, im Kibbuz war ich zu Hause, ich habe Tante Hilde «Wenn alle Brünnlein fließen», vorgesungen, in ihrer deutschsprachigen Bibliothek gestöbert und unter ihren Ermahnungen, nicht in arabische Städte zu reisen, mich sehr wohl gefühlt, wenn gleich ich dies, wie die Ermahnungen meiner Mutter, nicht einhielt. Es war ein Höhepunkt auf einem langen Weg. Zum Jahreswechsel war ich in der Dorfsynagoge nebenan, Tante Hilde fragte misstrauisch, was ich dort wolle, dann aber schickte sie mich mit einem ältern Herrn aus dem Kibbuz mit, der den Weg kannte, wir mussten vier Kilometer laufen, ich saß unter den Männern bis der Schofar geblasen wurde. Hans Noll ist Jude, er ist übergetreten, hat eine Prüfung machen müssen, in seiner neuen Heimat, er lebt seit ein paar Jahren in Israel. Er gilt als «deutsch-jüdischer Schriftsteller», hat eine Reihe von Büchern geschrieben, gab sich den Vornamen «Chaim» und trägt die Kippa. Er ist ein halbes Jahr älter als ich, kam auch in der DDR zur Welt, sein Vater war dort ein berühmter Schriftsteller, er schrieb das Buch über die Nazizeit: «Die Abenteuer des Werner Holt», ich habe es, wie alle Jugendlichen meiner Generation gelesen, ein «normaler» Deutscher erlebt als junger Mann Schule, Liebe, Krieg, jeder kannte auch den Film, Juden spielten in dem Buch keine Rolle. Wohl aber in der Familie der Nolls, von da her muss auf den jungen Hans das Buch wie eine Lüge gewirkt haben. Er geriet in Opposition, erst zum Elternhaus, dann zum Land, schließlich siedelte er nach Israel über. Es ist eine Frage des Glaubens, ich jedenfalls kann nicht so einfach religiös sein, weder konnte ich an den Kommunismus, noch an Gott glauben. Wohl dem, der es kann. Jetzt lese ich den Artikel in der letzten Ausgabe der «Jüdischen Zeitung» über Chaim Noll, mir fällt der Spruch aus der Fabel vom Hasen und Igel ein: ich bin all hier, sagt der Igel zum Hasen nach dem Wettlauf. Vor ein paar Jahren tauchte in Berlin eine Sängerin mit russischem Akzent auf, sie wurde für zwei Wochen als neue Diva gehandelt, ich kannte sie noch aus DDR-Zeiten, da war sie die Liedermacherin Antje aus Leipzig und sprach sächsisch. Hans Noll, der sich Chaim nennt, hat gewiss ein Problem mit seiner Identität, wie viele Menschen. Aber gestatten Sie mir den Ausspruch von dem Kind in des Kaisers neue Kleider: der Kaiser ist nackt. Inzwischen weiß ich, dass weder das Urteil über die Deutschen, noch das über die Juden stimmt, aber ganz kompliziert wird es bei den Übergetretenen. Das kann auch der Rabbiner in Israel nicht wissen, trotz aller Prüfungen, da hilft eben nur noch Glauben. |