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Da macht man seine Sache eben gutKai Wiedenhöfer hat den israelisch-palästinensischen Konflikt 17 Jahre lang dokumentiert. Das hat ihm Preise eingebracht – und Enttäuschungen
Der Konflikt hängt mir wirklich zu den Ohren raus», sagt Kai Wiedenhöfer. Deshalb war er seit Januar 2006 nicht mehr in den besetzten Gebieten. Dabei war er lange Jahre einer der exzellentesten Beobachter und Dokumentarist der palästinensischen Gebiete. In den 90er Jahren lebte er viele Monate im Gaza-Streifen, er war dort zur Berühmtheit geworden. «Habib al-Schaab» - Freund des Volkes nannten ihn die Menschen vor Ort. Auf dem Motorrad seines Onkels und mit ein paar Leicas hat er 20.000 Kilometer in diesem dünnen Küstenstreifen zurückgelegt, obschon ihm dabei ein baldiger Tod prophezeit worden war. So hat er Veränderungen über mehr als eineinhalb Jahrzehnte mit der Kamera festgehalten. Wiedenhöfer spricht Arabisch, das er noch während seines Studiums, Fach Kommunikationsdesign, in Damaskus erlernte. «Ohne Sprache ist keine gute Fotografie möglich. Arabisch wird zur Grundlage für meine Arbeit über die Palästinenser. Stundenlang höre ich frustrierten Palästinensern zu... Die emotionale Distanz, die von meinem Beruf oft verlangt wird - ich habe sie nicht», schreibt er über sich selbst. Abgesehen von mehrfach prämierten Fotostrecken für internationale Zeitungen und Magazine hat Wiedenhöfer zwei Bildbände herausgegeben: «Perfect Peace. The Palestinians from Intifada to Intifada» (2002) und im Mai diesen Jahres «Wall». Von Herbst 2003 bis Januar 2006 hat er sie dokumentiert, ganze 650 Kilometer lang, ob aus Beton oder aus Metall, in Schwarz-Weiß und in Farbe - die Mauer, den Anti-Terror-Zaun, den Schutzwall, wie auch immer das Bauwerk genannt wird. Nach UN-Angaben haben Zaun und Zone - der angrenzende Streifen, der Schmuggel durch von Hand gegrabene Tunnels verhindern soll - um die 12.000 Palästinenser heimatlos gemacht, weil sie vertrieben oder ihre Häuser und Geschäfte zerstört wurden. Schon 2004 erhielt Wiedenhöfer für die Bilder der Mauer, die israelische von palästinensischen Gebieten trennen soll, den World Press Award, für Fotografen weltweit wohl die begehrteste Auszeichnung. Fotografisch sei das eine Herausforderung gewesen, sagt er, er benutzte dafür großformatige Panorama-Kameras. Sich jedes halbe Jahr aufzuraffen, den Blick erneut auf die meterhohe Betonwand zu werfen, fiel ihm jedoch schwer. Die Mauer hält Wiedenhöfer für «Stein gewordene Anti-Kommunikation». Den alltäglichen Kontakt zwischen Israelis und Palästinensern hat er in den letzten Jahren ohnehin dramatisch abnehmen sehen. Die Mauer, findet er, sei da genau das falsche Zeichen. Einfach unzeitgemäß wirkt sie auf den Fotografen, der 1989 den Fall der Mauer in Berlin, seinem heutigen Wohnsitz, dokumentierte. So lautete der ursprüngliche Titel des Bildbandes «The Wall - an Anachronistic Concept of Separation». Zur Arbeit an den ausladenden Landschaftsaufnahmen oder dem Zoom auf die Menschen an der Mauer hätten ihn immer wieder einige linksorientierte Israelis motiviert, sagt Kai Wiedenhöfer. Ein Rabbi etwa, der Palästinensern bei der Olivenernte hilft, um durch seine Präsenz gewalttätige Übergriffe seitens militanter Siedler zu verhindern. Fotografieren in Krisengebieten, das ist heikel. Kai Wiedenhöfer hat «ein paar Kugeln vor das Vorderrad bekommen» im Gazastreifen. Er wurde verprügelt, bis ihn die Ambulanz auflas, wurde mehrmals beschossen. Die Gewalt ist dabei einfach zum Alltag geworden. «Man entwickelt dafür Verständnis, sie gilt mir ja nicht persönlich. Das sind einfach die Rahmenbedingungen», meint Wiedenhöfer, ein Berufsrisiko eben, das er in Kauf nimmt. Er habe es einschätzen gelernt, sagt er, Aggressionspotentiale variierten nach Ort und danach, wer involviert sei, ob Palästinenser, Israelis oder ihre jeweiligen Armeeeinheiten. Wenn er davon berichtet, in einem Szenecafé in Prenzlauer Berg, wirkt es fast unwirklich. Nicht nur der unglückliche Zufall, auch geplante Entführung ist für Journalisten im Gazastreifen zur Gefahr geworden. Erst kürzlich war der BBC-Korres-pondent Alan Johnston nach mehr als hundert Tagen Gefangenschaft freigekommen, ein Bekennervideo hatte ihn zeitweise mit umgeschnalltem Sprengstoffgürtel gezeigt. «Es ging wahrscheinlich um Geld», schätzt Wiedenhöfer. Johnston war trotz Warnungen vor Ort geblieben, aus dem Gefühl, aus Gaza berichten zu müssen. Von solch moralischer Mission glaubt Wiedenhöfer frei zu sein, hat eher Verständnis für die Logik der Situation: «Solche „Einkünfte" werden immer wichtiger in einer Region, deren Wirtschaft zu 70 Prozent am Tropf ausländischer Hilfszahlungen hängt.» Im Nachwort zu «Perfect Peace» schreibt er: «Der oft gehörte Anspruch von Fotografen, Veränderung zu bewirken, motiviert mich nicht. Eine Diskussion zu provozieren, für ein wenig Verständnis zu sorgen vielleicht.» Ihn treibt eher Arbeitsethik. «Ich komme aus einer schwäbischen Handwerkstradition. Da macht man seine Sache, aber die eben gut», erklärt er seine fotografische Arbeit, die einige der renommiertesten internationalen Medien zur Kooperation überzeugte. Wiedenhöfer liefert Bilder an die britische BBC, an «Time» und «Newsweek» in den USA, an «Le Monde» in Frankreich. «Spiegel» und «Stern» bebildern NahOst-Berichte mit seinen Fotos. «Die Arbeit ist ermüdend. Manchmal stehe ich zweifelnd morgens in meiner Wohnung... im Zentrum Gazas», schreibt er. Warum soviel Beschwernis, fragt man sich, Wiedenhöfer könnte sich auch der guten Lifestyle-Fotografie zuwenden? «Ich glaube, dass mein beharrliches Arbeiten eine gutes Ergebnis hervorbringt. Schwäbisch-protestantisches Arbeitsethos mischt sich mit einer Art Schützengrabenmentalität; der ich nicht entrinnen kann.» Zudem macht er sich aus Skepsis gegenüber den Medien vor Ort gerne selbst ein Bild: «Klar, ich arbeite für die Medien, aber sie funktionieren nicht mehr, haben ihre Kontrollfunktion verloren. Nur die Aktualität zählt, das halte ich für trügerisch und gefährlich.» Nachlässigkeit statt Nachhaltigkeit - oft ließe die superschnelle Berichterstattung keine Zeit zu prüfen. Geld sei vorhanden, jedoch meist für Aktualität, statt fundierter Berichterstattung, obschon die Leute, findet Wiedenhöfer, derer müde seien. Auch die politische Situation in den Palästinensischen Gebieten bietet ihm keinen Anlass zu Optimismus: «Niemals so schlecht wie heute», kommentiert er von der internationalen Politik enttäuscht, «1991 kam ich in eineinhalb Stunden von Jerusalem nach Gaza, heute brauche ich selbst als Journalist einen halben Tag». Die Wahlen im vergangenen Jahr seien tatsächlich die demokratischsten bisher gewesen. Da das Wahlergebnis allerdings nicht ins Bild gepasst habe, sei der Geldhahn zugedreht worden. Demokratische Vorgaben machen, sich selbst jedoch nicht daran halten, damit mache sich die westliche Welt unglaubwürdig und liefere militanten Kräften Aufschub. Militante islamische Organisationen sind nach Wiedenhöfers Erfahrungen sehr gut organisiert und meist tatsächlich nicht korrumpiert - ein Gegensatz zum Ruf, den die Fatah genießt. «Wenn ein Drittel der Bevölkerung mit solchen Gruppierungen affiliiert ist - durch Familienbande, politische Überzeugung oder Existenznot - macht es keinen Sinn, diese politisch auszuschließen. Die Verteufelung dieser Kräfte ist Schwachsinn.» Wiedenhöfer ist kein Zyniker, aber die Hoffnung auf Besserung hat er verloren. Vielleicht bereits 1993/94, als er ahnte, dass ein Friedensvertrag sich nicht erfüllen würde. Oder 2001, als Scharons Panzer in die autonomen palästinensischen Städte rollten. «Sollte ich irgendeine Hoffnung gehabt haben, dass sich in naher Zukunft etwas zum besseren wende, so gebe ich sie nun auf», notierte er damals. Vielleicht auch, weil Palästinenser begannen, in einem Bruderkrieg aufeinander zu schießen. «Für das, was vorgeht, sind die Leute ziemlich dezent», schätzt er, «die meisten wünschen sich Frieden und sind vom Konflikt ermüdet». Wie er selbst. Deswegen arbeitet er jetzt an der amerikanisch-mexikanischen Grenze. Dort gibt es zwar keinen bewaffneten Konflikt, aber Kriminalität, Korruption, Drogen- und Menschenschmuggel. Weniger politisch aufgeladen ist die Situation, aber unberechenbar: «Die Kriminalität ist groß, kann sein, dass jemand mal kurz um die Ecke geht und dich mit einer Waffe bedroht.» Einmal mehr Berufsrisiko - Wiedenhöfer nimmt es in Kauf.
Kai Wiedenhöfer: «Wall» |