Jüdischer Friedhof von Fès. Foto: Archiv

«Die aus Spanien Gekommenen»

Kurze Geschichte der Juden Marokkos

 

Das marokkanische Judentum hat in den Jahren seiner über zweieinhalbtausendjährigen Geschichte eine spezielle Identität entwickelt, die nicht selten pseudowissenschaftlich als «Judentum des Islam» bezeichnet wird. Eine erste große Einwanderung von Juden nach Marokko erfolgte nach der vom babylonischen König Nebukadnezar angeordneten Zerstörung des Ersten Tempels in Jerusalem 587 vor Christi durch die Assyrer. Eine zweite Gruppe folgte nach der Zerstörung des Zweiten Tempels im Jahre 70 durch die Römer unter Kaiser Vespasian. Die Zahl der nunmehr zuweilen sogenannten asiatischen Juden nahm in den folgenden Jahren stetig zu: Vor allem die zum Judentum übergetretenen Berberstämme, «Toschabim» genannt für «eingeborene Juden», lies die jüdische Bevölkerung Marokkos stetig anwachsen.

Die Jahre um 1490 brachten die größte und kulturell wie zeitgeschichtlich bedeutendste Einwanderungswelle nach Marokko. Die katholischen Könige Ferdinand II. von Aragonien und Isabella von Kastilien vertrieben die in Spanien ansässigen Juden und Muslime als «Ungläubige». Die Juden bildeten innerhalb der jüdischen Gemeinschaft Marokkos nunmehr die Gruppe der «Megoraschim», der «Ausgewiesenen». Die Juden selbst nannten sich fortan «Sephardim», hebräisch für «die aus Spanien Gekommenen». Bis heute und keinesfalls zu Unrecht sind sie stolz auf ihr sephardisches Kulturerbe, das sowohl von nicht zu unterschätzender Bedeutung für das gesamte Weltjudentum und zugleich in Marokko ein nicht mehr wegzudenkender Bestandteil des Alltagslebens geworden ist. Die Sepharden hatten sofort ihren festen Platz in der marokkanischen Gesellschaft. Die islamischen Herrscher gestatteten es den «Buchgläubigen» als geschützte Untertanen im «Hause des Islam» zu leben, auch wenn sie für diesen besonderen Schutz eine ebenso besondere Abgabe zu leisten hatten.

Neue jüdische Flüchtlingsströme kamen im 16. Jahrhundert aus Andalusien, wo die Folterungen und Tötungen der katholischen Inquisitionsgerichte die Juden besonders hart verfolgt hatten. Mit diesen Gruppen kamen die sogenannten Marranen, zur Verleugnung ihrer Religion gezwungene Juden, ins Land und fanden hier wieder zum Judentum zurück. Juden aus Frankreich und Italien kamen im 17. und 18. Jahrhundert hinzu und ließen sich vor allem in den nordmarokkanischen Küstenstädten nieder.

Zu Beginn des französisch-spanischen Protektorates in Marokko im Jahre 1912 öffneten sich die seit dem Mittelalter bestehenden fast ghettoähnlichen Mellahs, die jüdischen Wohnviertel, auch für Marokkaner und nicht zuletzt viele Europäer. In dieser Zeit gelang vielen jüdischen Bewohnern der Sprung aus einer immer noch unterschwelligen und zuweilen offensiv bestehenden sozialen und gesellschaftlichen Diskriminierung, trotz im Grunde positiv eingestellter Gesellschaft. Sie übernahmen verantwortungsvolle Positionen in der marokkanischen Wirtschaft und waren erfolgreich im Handwerk, in Verwaltung und Politik, zuweilen sogar bei Hofe.

Die letzte große Einwanderungswelle erreichte Marokko während der Schoa, oft als Zwischenstation ins überseeische Exil, zuweilen jedoch auch als Endpunkt der Auswanderung. Die marokkanischen Juden behalten bis heute König Mohammed V. in ehrenvoller Erinnerung, da er sich geweigert hatte, die «Ausnahmegesetze» des französischen Vichy-Regimes über die «Behandlung der Israeliten» zu unterzeichnen und sie in seinem Herrschaftsgebiet aussetzte. Dennoch gelang es später den deutschen Besatzern nicht wenige Konzentrationslager in Marokko zu errichten, in denen ungezählte marokkanische Juden, aber auch viele Deportierte aus Europa, ums Leben kamen.

Mit der Gründung des Staates Israel 1948 setzte eine große Auswanderungswelle ein, die zweite 1956 mit dem zweiten arabisch-israelischen Krieg sowie eine letzte 1967 nach dem «Sechs-Tage-Krieg». Heute leben nach offiziellen Angaben etwa 15.000 Juden über das ganze Land verstreut, vor allem aber in den größeren Städten Marokkos.

 

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Johann L. Juttins

«Jüdische Zeitung», September 2007