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Keine einfache Erklärung auf die Frage nach dem WarumEin Nachruf auf den historiographischen Einzelgänger Raul Hilberg
Mehr als 50 Jahre hat sich Raul Hilberg historisch mit der Vernichtung der Juden auf dem europäischen Kontinent beschäftigt. Die Quellen, die ihm dabei als Rohmaterial dienten, hat er, wie er einräumte, jedoch erst viel später wirklich «analysiert». Bis dahin hatte er das Ereignis selbst «dargestellt», das komplexe Phänomen anhand von Belegen in Schriftstücken zu suchen, sie zu sichten, aufeinander zu beziehen und die Schwere ihrer Bedeutung zu ermessen versucht. Hilberg gehörte zu den ersten Wissenschaftlern, die mit den nach dem Zweiten Weltkrieg in die USA überführten deutschen Akten aus der Zeit des Nationalsozialismus arbeiten konnten. 1948 begann er systematisch mit seiner Holocaust-Forschung. Er war nahezu allein, als er damit anfing. Der Gegenstand interessierte die Wissenschaft damals nicht. Es ist eine Ironie seines Emigrantenschicksals, dass der 1926 in Wien geborene Hilberg, der dort als Gymnasiast den «Anschluss» und den Novemberpogrom erlebte, mit seinen Eltern 1939 über Kuba in die Vereinigten Staaten entkam, amerikanischer Soldat wurde, mit der US-Armee nach Europa zurückkehrte, in München in der Privatbibliothek Hitlers einquartiert wurde. Dieses Erlebnis stand am Beginn einer lebenslangen Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus. Als Hilberg seinem Doktorvater Franz Neumann, auch er ein aus Deutschland Vertriebener, sein Dissertationsthema vorschlug, warnte dieser ihn mit den Worten: «Das ist ihr Untergang». Hilberg saß über Jahre einsam über den Akten aus den Nürnberger Prozessen - 40.000 Dokumente - und musste mit der ungeheuerlichen Geschichte selbst fertig werden, die daraus aufstieg. Das Diktum des «Untergangs» war insofern zutreffend, als Hilberg sich unerbittlich gegen den Mainstream der Geschichtsschreibung zu behaupten hatte. In seinen Erinnerungen hat er denn auch seine ersten Forscherjahre als «dreißigjährigen Krieg» bezeichnet. Ein historiographischer Einzelgänger ist er immer geblieben. Sein 1982, einundzwanzig Jahre nach der amerikanischen Ausgabe, in einem kleinen Berliner Verlag erschienenes Hauptwerk «Die Vernichtung der europäischen Juden» gilt heute als Standardwerk, als Gesamtgeschichte des Holocaust. «Populär» wurde die Studie in Deutschland erst, als sich der S.-Fischer-Verlag dieses Publikationsprojekts annahm und als Taschenbuchausgabe in drei Bänden herausgab. Dieses Werk, das zu den 50 Klassikern der Zeitgeschichte gezählt wird, hat die Jahre überdauert, weil sein Autor auf Pathos und selbstgerechte Moral verzichtete, obwohl er selbst unter den Ermordeten hätte sein können. Thema dieses Werks sind die Täter, der Plan, das Schema der Tat, die Tat selbst, ihre Vorbereitung und Durchführung. Darin weist Hilberg die Verwicklung und Beteiligung der Führungseliten in Staatsverwaltung, Industrie und Wehrmacht bei der Judenvernichtung nach. Er entlarvte auch die funktionale Hingabe des durchschnittlichen Bürokraten, Reichsbahners, Polizisten und Soldaten am Mordprojekt. Dem jüdischen Widerstand, sich dem Kollektivmord entgegenzustellen, in welcher Form und Prägung er sich auch immer zeigte, maß Hilberg kaum Bedeutung zu. Das ist ihm von Fachkollegen und Überlebenden angekreidet worden. Sein opus magnum ist stoffreich, voluminös und komplex, notgedrungen deswegen, weil die Ereignisse, die es schildert, gewaltig und verwickelt sind. Es ist detailliert, weil es eine ganze Kette von Schritten behandelt, die von der Definition des Begriffs «Jude» bis in die Düsternis der Gaskammer führt. Es verkürzt nicht, um Maßnahmen uneingeschränkt schildern zu können, die uneingeschränkt ergriffen wurden. Hilberg blieb in seiner Beschreibung des Holocaust immer konkret, man kann ihn detailversessen nennen und unerbittlich präzise. Hilberg hat sein Hauptwerk mehrfach überarbeitet, um dann doch über dasselbe Thema noch einmal ein Buch zu schreiben. Während beim ersten die Täter im Zentrum der Untersuchung standen, bezog er jetzt auch die Opfer ein. «Täter, Opfer, Zuschauer» heißt der deutsche Titel, im englischen «Perpetrators, Victims, Bystanders». Der letzte Begriff lässt sich nicht eindeutig übersetzen. «Bystanders» sind diejenigen, die dabeistehen, die anwesend sind, ohne teilzunehmen. Das waren nicht allesamt Zuschauer. Viele sahen im Gegenteil nicht hin, sondern weg. Die Zuschauer, die bei ihm auch vorkommen («onlookers»), sind nur ein Teil von ihnen. Ihm war stets an dezidierten Begrifflichkeiten gelegen. Hinter dem Forschungspanorama, das Hilberg in all seinen Büchern entwarf, steckte unverkennbar ein System. Er verliert sich nicht in Theorie. Er räsoniert nicht, Hilberg lässt Räsonnement in seine Schilderungen einfließen. So wie er in seinem früheren Werk den Hergang sachlich und genau rekonstruierte, so erzählte er danach plastisch, fast anekdotisch eine Geschichte nach der anderen, Lebensläufe, Ereignisse, Vorfälle. Das alles fügt sich in klar erkennbarer Absicht zu einem großen Mosaik zusammen, in dem keine Gruppe ausgelassen bleibt, in dem nichts Wichtiges fehlt, sieht man davon ab, dass er den jüdischen Widerstand, den es in vielfältigen Formen nun einmal gegeben hat, übersieht. Hier erwies sich Hilberg als Negationist. Für Hilberg waren die Täter nicht «banal» und auch keineswegs antisemitischer als der Rest der Bevölkerung. Den Zeugnissen der Überlebenden hat er als Historiker keine große Aufmerksamkeit geschenkt, ihnen gar misstraut. Er verließ sich stets auf Akten. In Israel wurde Hilberg lange heftig abgelehnt, nicht nur wegen der Leugnung jedweden jüdischen Widerstands, sondern weil er die - scheinbare - Kooperation der so genannten Judenräte herausstellte. Bis heute gibt es keine israelische Ausgabe seines Buches. Man hat Hilberg seines trockenen Stils wegen oft geziehen, ihm Kälte vorgeworfen. Doch empfindungslos war er nie, er verabscheute es nur, die Schilderung vom Judenmord durch geschickten Einsatz von Adjektiven anzuheizen. Irgendwann hat Hilberg sich gefragt, was das «Wesen» seiner Quellen sei und ob sie überhaupt identisch seien mit dem Gegenstand. Er kam zu der Überzeugung, dass sie ihre eigene Geschichte und ihre speziellen Eigenschaften hätten, die sich von den Handlungen unterschieden, von denen sie sprachen. Mit einem Mal wurde ihm bewusst, beschreibt er sein Schreibmotiv, dass die banalsten Dinge einer Quelle auf einmal eine Bedeutung gewannen, und ein Großteil des Materials nahm wie unter einem Röntgenschirm ein verändertes Aussehen an. (R.H., Die Quellen des Holocaust. Entschlüsseln und Interpretieren, 2002.) In dieser viel beachteten Publikation versuchte Hilberg, die Quellen des Holocaust «als solche» zu beschreiben. Dieser Forschungsversuch hatte zwar kein Handbuch oder eine erkenntnistheoretische Abhandlung ans Licht gebracht, aber eine gute administrativ-kritische Analyse. Herausgekommen ist keineswegs eine trockene Methoden- oder Theoriegeschichte, sondern eine lesbare Darstellung, die durch ihre Beispiele anschaulich auf den Leser wirkt, beispielsweise, wenn er auf spezielle Wörter und Symbole im administrativen Verkehr der Nazis zu sprechen kommt: «selbstverständlich» oder «reibungslos» sind beispielsweise Adjektive, in denen eine besondere Konnotation deutlich wird. Der Holocaust-Forscher Hilberg, so scheint es, war in seinem Forschungs-Impetus in den letzten Jahren moderater geworden, offensichtlich trug er dem Lesepublikum Rechnung, das sich vom Alter her inzwischen sehr weit vom historischen Schauplatz entfernt hat, so dass mit dem zeitlichen Abstand das Wissen, möglicherweise auch das Interesse am Thema verblasst ist. Bei Hilberg (wie bei anderen Historikern) wurde das dort deutlich, wo er auf scheinbar Bekanntes und bereits Gesagtes zurückgriff, freilich didaktisch «einfacher» - mit Blick auf eine neue Lesegeneration - portioniert, pointiert. 60 Jahre danach wandte er sich an eine Generation, die vom Judenmord zwar irgendwann einmal gehört hat, jedoch das Tradierte als überkommene historische Epoche begriff, die zwar «schlimm» und irgendwie unangenehm für die Nachgeborenen nachwirkt, aber von der sie im Grunde nicht mehr tatsächlich berührt ist. Das eigentlich Neue der Hilbergschen Methode hat er in seinen letzten Veröffentlichungen deutlich gemacht - die Quellen des Holocaust gegen den Strich zu lesen, ein ganz neues Quellenverständnis. Hilberg griff gerne zu ungewöhnlichen Methoden, wenn es darum ging, seinen Studenten etwas über den Holocaust beizubringen. So bestand eine Aufgabe darin, sich vorzustellen, Untergebener von Eichmann zu sein und einen Bericht über Judentransporte schreiben zu müssen. Einen Schlussstrich in der Holocaust-Forschung konnte es mit Hilberg nicht geben. Alle Ergebnisse, die uns bekannt sind, sind vorläufig und können korrigiert und neu formuliert werden. Die Suche nach jedem kleinen Zugewinn hält an - und Hilberg hat sich daran eifrig beteiligt. Aber selbst er, der mehr Fakten gesammelt hat als alle anderen Schoa-Forscher, hatte keine Antwort auf die Frage nach dem Warum. Er fällte keine Urteile. Je mehr Fakten, desto mehr Antworten, war sein hilfloser Versuch einer ultimativen Erklärung. «Es sind so viele, sie sind so kompliziert, dass eine einfache Erklärung nicht passt». Und als er einmal in diesem Zusammenhang gefragt wurde, ob die Frage nach dem Warum überhaupt einmal geklärt werden könne, antwortete er schlagfertig: «Zu jeder Zeit - wenn man sich zufrieden gibt mit einer halben Antwort». Anlässlich der Verleihung des Geschwister-Scholl-Preises, den er im Jahre 2002 für «Die Quellen des Holocaust» erhielt, wurde er gefragt, ob man mehr aus der Opfer- oder Täterperspektive lernen könne. Seine Antwort lautete: «Ich lerne mehr aus der Perspektive des Täters. Was wir lernen von diesem Passus der Geschichte? Diese Frage stellte ich einem meiner besten Studenten. Er sagte: „Was ich, in einem Satz, gelernt habe: Alles wäre möglich". Das ist eine sehr ernste Antwort». Von Hilberg kann der sensibilisierte Mensch dagegen eine Menge lernen: Um ein solch monströses Verbrechen durchzuführen, braucht es nur Menschen «wie du und ich». Hilberg hat uns gelehrt, dass der Judenmord nicht die Tat einiger durchgeknallter Antisemiten, sondern ein «nationaler Akt» war, an dem die ganze Administration, ja die gesamte Gesellschaft Deutschlands beteiligt war. Ein Gemeinschaftsprojekt. Jetzt ist seine gewichtige Stimme verstummt. Am 4. August 2007 starb der Doyen der Holocaustforschung Raul Hilberg in Vermont/USA, 81-jährig. |