Deutsche Vergangenheit aus amerikanischer Sicht

Fritz Stern: Eigenes Erleben und öffentliche Deutung

 

Das 20. Jahrhundert hätte Deutschlands Jahrhundert sein können. Diesen Satz von Raymond Aron hat Fritz Stern häufig - nicht ohne Trauer - zitiert. Und es hätte auch, was die zweite Jahrhunderthälfte betrifft, die Zeit des Historikers Stern sein können - in Deutschland. Doch als deutsch-jüdischer Wissenschaftler musste er seine Forschungen von Amerika aus betreiben, 1938 seine deutsche Heimat, das geliebte schlesische Breslau, wo die Familie seit Generationen verwurzelt war, verlassen. Knapp war die Familie davon gekommen, dem 12-jährigen Fritz Stern blieb erspart, mit ansehen zu müssen, wie sein Vater misshandelt oder seelisch gedemütigt wurde. Dies hätte ihm für immer alles Deutsche verhasst gemacht, resümiert er, ihn verhärtet gegen jeglichen Kontakt mit einem späteren Deutschland. Doch fortan bekam das durch und durch amerikanische Leben des Fritz Stern doch eine wesentliche deutsche Komponente, weil er als amerikanischer Deutschland-Historiker in die deutschen Kontroversen über die Vergangenheit hineingezogen wurde. Nach Hitler war es ihm, wie er treffend bemerkt, psychisch nicht mehr möglich, als Staatsbürger untätig zu sein. Die deutsche Vergangenheit sollte sein Leben in der amerikanischen Gegenwart prägen, nicht nur in Lehre und Forschung. In kritischen und bedenklichen Momenten im Amerika des Kalten Krieges hatte die Erinnerung an die politische Untätigkeit der Deutschen, aus der unmerklich eine Mittäterschaft geworden war, ihn aktiv werden lassen. Die deutsche Vergangenheit wurde ihm zu einem persönlichen Imperativ. Wie auch immer, Deutschland hat ihn nie kalt gelassen, er war - im Wortsinn - stets interessiert, also im «Dazwischensein». Gleichwohl hatte es lange gedauert, bis seine neuen Bindung an sein altes Land Kontur annahm.

Der Taufpate des 1926 in eine bildungsbürgerlich-assimilierte Familie hineingeborene Stern war Fritz Haber, der, um das Entreebillet für seine naturwissenschaftliche Karriere zu lösen, sich taufen ließ. Haber erhielt den Chemie-Nobelpreis und gilt als Erfinder des Gaskriegs im Ersten Weltkrieg. Auch er wurde außer Landes gejagt. Habers Namen zu tragen hat ihm sein Leben lang etwas bedeutet - ein Geschenk und eine Last. Zugleich wiesen Vor- und Nachname auf unterschiedliche Ursprünge hin: Fritz ist sehr deutsch, während Stern erkennbar jüdisch ist.

Kein einfaches Erbe für Stern, dessen Schicksal die Geschichte wurde. Seine Vorfahren verstanden Judentum als «Kulturreligion», die sie auf eine selbstverständliche Weise mit Nichtjuden verband. Und sie waren Patrioten in einer kosmopolitischen Welt. Und dennoch besaßen sie eine Erinnerung an ihre einstige Andersartigkeit. Stern glaubt in diesem Verhalten seiner Ur- und Großeltern eine Empfindung zu erkennen, die zwischen Stigma und Auszeichnung changiert. Dennoch hat es lange gedauert, bis der unjüdische Jude Stern, dessen Großeltern und Eltern bereits den Glauben verloren hatten, die Empfindung spürte, auch zu diesem «Stamm» zu gehören. Die deutsch-jüdische Beziehungsgeschichte, die in der Geschichte der Welt von einzigartiger Bedeutung bleibt, bildete einen ständig wechselnden Bezugsrahmen für das Leben der einzelnen Familien, auch der seinen. Das deutsche Judentum wurde ihm zum Lebens- und Leitthema.

Als der Börsenverein des deutschen Buchhandels Stern ein Jahr nach Martin Walser mit dem Friedenspreis auszeichnete, wollte die Jury ganz offensichtlich politisch besonders korrekt sein. Stern verstand und seine Dankesrede lässt sich auch als Reflex auf die Walsersche Moralkeule verstehen: «Ich habe oft und überall gesagt, dass jegliche Instrumentalisierung oder Trivialisierung der Vernichtung der Juden, jegliches Vergessen der Millionen anderer Opfer sich an den Opfern selbst vergeht. Man ehrt die Opfer eher mit dem Versuch, die Welt, der sie entrissen wurden und die meist mit ihnen zu Grunde ging, in historischer Forschung zu rekonstruieren und so im kollektiven Gedächtnis aufzuheben...» Auschwitz werde für alle Zeiten als ein Ort deutscher Unmenschlichkeit, des unvorstellbaren Bösen bleiben, so Stern 1999 in der Frankfurter Paulskirche. Martin Walser müssen angesichts dieser Prononcierung die Ohren geklingelt haben. Stern hat sein Amt als Historiker immer auch als das eines kritischen Mahners verstanden, der nicht immer bequem ist.

Stern erzählt eine kurze Begebenheit seines Vaters, eines viel geachteten Arztes, die mehr über die antisemitische Grundströmung in Deutschland am Ende der Weimarer Jahre aussagt als lange gelehrte Abhandlungen, und die sich als bizarres Vorspiel des Kommenden verstehen lässt: In einem Hörsaal der Breslauer Medizinischen Fakultät wurde ein psychotischer Patient vorgestellt, der plötzlich in eine nationalistische Tirade ausbrach, die von gehässigen Ausfällen gegen Juden und andere «Verbrecher» strotzte - und die versammelten Studenten und einige Ärzte brachen in Beifall aus.

Deutsche Geschichte aus amerikanischer Sicht, Lebensgeschichte auf der Folie der eigenen Geschichte, Geschichtsschreibung und Memoirenliteratur symbiotisch verklammert, das sind die Erinnerungen des Fritz Stern, stilistisch glänzend geschrieben, wie alle seine Bücher von einer bestechenden Klarheit, dezidierte Einsichten vermittelnd. Der Emeritus der Columbia-Universität Stern gilt als einer der kenntnisreichsten Deutschland-Historiker diesseits und jenseits des Atlantiks. Gegen die deterministische Deutung der Vergangenheit beharrt er auf der psychologischen Erkenntnis des Gewesenen - eine Überzeugung, die ihn immer wieder zur Methode der Biographie greifen lässt. Bismarck und Gerson Bleichröder, des Eisernen Kanzlers Bankier, Paul Ehrlich, Walther Rathenau, Fritz Haber und Albert Einstein, so heißen einige seine biographischen Protagonisten. Jetzt ist aus dem Biographen endlich auch ein Autobiograph geworden.

Stern schreibt über seine Erfahrungen mit den fünf Deutschland. Er erinnert sich der Notlage Deutschlands nach dem Ersten Weltkrieg, die in den Untergang der Weimarer Republik und letzendlich die nationalsozialistische Tyrannei mündete. Fünf Jahre im nationalsozialistischen Deutschland genügten dem heranwachsenden Jungen, um in ihm die brennende Frage aufzuwerfen, deren Beantwortung ihn während seiner gesamten akademischen Tätigkeit umtrieb: Warum und auf welche Weise ist das universelle Potenzial der Menschheit zum Bösen in Deutschland Wirklichkeit geworden? Eine Einsicht hat Stern parat: Die Zerbrechlichkeit der Freiheit ist die einfachste und tiefste Lehre aus seinem Leben und seiner Arbeit.

Dem dritten und vierten Deutschland begegnete Stern in der «außergewöhnlichen Demokratie», die sich in der Bundesrepublik streitbar entwickelte, und der «weniger bekannten Diktatur» der sowjetisch dominierten DDR. Aus Neigung zu staatsbürgerlichem Handeln wurde er zu einem engagierten Beobachter, zum aktiven Zeugen historischer Ereignisse. Das fünfte Deutschland schließlich ist das wiedervereinigte. Sterns emotional aufgeladene Geschichte der fünf Deutschland ist ein Versuch, Erinnerung und Geschichte miteinander zu verschmelzen, jene ungleichen Zwillinge, die einander fördern und gefährden.

Das für sich sprechende Schlusswort gebührt Stern selbst, der seinen Auftritt am 17. Juni 1986 aus gegebenem Anlass im Deutschen Bundestag zu sprechen, so erinnert: «Dann erhoben wir uns alle, um die Nationalhymne zu singen, das heißt die dritte Strophe von „Deutschland, Deutschland über alles", einen Lobgesang auf Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit. Ich war erfüllt von widerstreitenden Emotionen: Dies war die Hymne, die ich zu verabscheuen gelernt hatte, und ich hätte nie gedacht, dass ich sie freiwillig mitsingen würde, dass Haydns bewegende Melodie, [...] so arglistig für Deutschland missbraucht, als ein Lied des Stolzes und des Friedens verstanden werden könnte».

 

Fritz Stern: Fünf Deutschland und
ein Leben. Erinnerungen, C. H. Beck,
München 2007, 674 S., 29,90 Euro

Theodor Joseph

«Jüdische Zeitung», September 2007