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«Leben? Oder Theater?»Charlotte Salomons Bilderzyklus im Jüdischen Museum Berlin
Auch wenn man die Wanderausstellung mit Gouachen, die die 23-jährige Charlotte Salomon zwischen 1940 und 1942 gemalt hat, schon anderswo gesehen hat: Die 277 Blätter, die jetzt im Jüdischen Museum Berlin gezeigt werden, packen einen mit ihrer modernen Farbigkeit und mit einem Stil, der an Comics und Film erinnert, immer wieder aufs Neue. Charlotte Salomon, die am 16. April 1917 in Berlin geboren wurde, hat sich und uns darin ihre eigene Geschichte vergegenwärtigt. Das ist zunächst die Kindheit als Tochter einer wohlhabenden jüdischen Familie in Charlottenburg. Ihre Mutter nahm sich das Leben, als Charlotte neun Jahre alt war. Wie ein Fluch lastete «der Hang zur Verzweiflung» auf der Familie; auch die Tante und die Urgroßmutter hatten Selbstmord begangen. «Mein Leben fing an, als meine Großmutter sich das Leben nehmen wollte - als ich zu wissen bekam, dass ich selbst die einzige Überlebende bin und tief im Innern dieselbe Veranlagung, den Hang zur Verzweiflung und zum Sterben, in mir spürte», schrieb sie selbst. Auf ihr gezwungenermaßen abgebrochenes Kunststudium in Berlin folgte dann eine Geschichte von Ausgrenzung und der Emigration nach Frankreich, von innerem Aufbegehren und drohendem Nervenzusammenbruch in den Monaten vor ihrer Verhaftung am 24. September 1943 bei Nizza. Als Therapie gegen die wachsende Verzweiflung begann Charlotte Salomon mit der Arbeit an ihrem Bilderzyklus. Im Zuge dieser Auseinandersetzung mit dem Familieschicksal sowie mit der eigenen Internierung im Lager Gurs entstanden 1.325 Gouachen. Immer präsent ist ihre Stiefmutter Paulinka, die berühmte Konzertsängerin Paula Lindberg-Salomon, die 2001 hoch betagt in Amsterdam verstarb. Die Bilderfolge, zu der Salomon Musiktitel als erzählende Begleitung hinzugefügte, ist einem Singspiel gleich in Vorspiel, Hauptteil und Nachwort gegliedert. Davon wählte sie selbst etwa 800 Blätter im Format 32,5 x 25 cm, In Berlin, dem Hauptschauplatz ihrer Geschichte, werden die Bilder aus ihrem Amsterdamer Nachlass noch um Originaldokumente aus Berliner Archiven und Privatsammlungen sowie dem Joods Historisch Museum (Amsterdam) erweitert. Die Ausstellung, die unter anderem auch schon in Frankfurt, Hannover und Chemnitz, in Paris, Jerusalem und Innsbruck zu sehen war, ist wohl eines der wichtigsten künstlerischen Zeugnisse aus der Zeit des Nationalsozialismus und des Holocaust. Der Bilderzyklus ist aber anders als etwa das Œuvre von Felix Nussbaum nicht so sehr als Zeitdokumentation zu verstehen, sondern besticht mit seiner unvergleichlichen Kraft und Authentizität als Kunstwerk von eigenem Rang: «Ein einzigartiges Werk, ohne Beispiel in der Geschichte der Kunst, sich jeder Beurteilung nach kunsthistorischen Kriterien entziehend», wie die Exilforscherin Renate Wall befand. 1961 wurde «Leben? Oder Theater?» zum ersten Mal öffentlich gezeigt. 1963 erschien der erste Bildband mit einer Auswahl von Charlotte Salomons Gouachen unter dem Titel «Ein Tagebuch in Bildern 1917 - 1943» mit einem Vorwort von Paul Tillich im Rowohlt-Verlag. «Leben? oder Theater?» wird ergänzt durch ein zeitgenössisches Kunstwerk. Die belgische Künstlerin Chantal Akerman setzt das Jugendtagebuch ihrer Großmutter, die in Auschwitz ermordet wurde, ins Zentrum ihrer Installation «Neben seinen Schnürsenkeln in einem leeren Kühlschrank laufen» (2004). |