Beaufort. Foto:Bavaria-film

Kein Fels mehr in der Brandung

Ein verdienter Berlinalegewinner: Joseph Cedars Meisterwerk «Beaufort»

 

Hoch erhebt sich der Berg über die zauberhafte Landschaft, tief darunter verbirgt sich ein Labyrinth aus Gängen. Eng, verschlungen und dunkel. Doch am Ende so manchen Tunnels ist Licht. Vielleicht eines der Hoffung, wohl eher jenes, das gemeinhin den Übergang ins Jenseits symbolisiert. Im Tunnelsystem unter der ehemaligen Kreuzfahrerfeste halten sich im Jahr 2000 nur wenige Menschen auf, Morlocks könnte man sie nach H. G. Wells nennen. Hier im Süden Libanons sind es israelische Soldaten. Der Berg war 1982 von der israelischen Armee, womöglich gegen offizielle Order, eingenommen worden, nun, 18 Jahre später, sollen der Berg geräumt und die Bunkeranlagen gesprengt werden. Die Besetzung kann der öffentlichen Meinung im Land nicht länger standhalten.

Wie jeder Kriegfilm ist Joseph Cedars «Beaufort» auch ein Film über Gehorsam und Autorität. Höhere Dienstgrade gegen niedere und andersrum. Und natürlich Väter gegen Söhne. Hier dreht Cedar gewohnte Bilder auf den Kopf, macht sich bei ihm der Vater eines getöteten Soldaten Gedanken darüber, dass er seinen Sohn falsch erzogen haben könnte, da dieser freiwillig in den Kampf gezogen war. Über das Fernsehen wird seine Stimme in die Festung transportiert. Dass in «Beaufort» keine einzige Frau auftritt, tut sein Übriges dazu, dass der Film zu einem wahrhaftigen Kriegsfilm wird. Nicht nur darin ergeben sich unverkennbare Analogien zu Francis Ford Coppolas «Apocalypse Now», der Mutter aller Vietnam-Filme, vielleicht sogar des postmodernen Kriegsfilms schlechthin. Doch während bei Coppola am Ende bekanntlich die Apokalypse und der Wiederbeginn der Geschichte stehen, hat Cedar den nahezu ungeheuerlichen Kunstgriff gewagt, das Ende eines Krieges, oder wenigstens eines zweifelhaften Feldzuges, zu zeigen. Dass das mit der Realität im Nahen Osten zu tun hat, erübrigt sich zu erörtern.

Auf der 57. Berlinale wurde Cedars Film zuerst von der Kritik, gelinde gesagt, verhalten aufgenommen und die Filmaufführungen mit dem unvermeidlichen Rahmenprogramm von Menschenrechtsorganisationen begeleitet. Es wurde von diesen bemängelt, dass Cedars Film nicht funktioniere, da man die israelischen Soldaten keinen einzigen Schuss abgeben sieht. Mag dieser Einwand ebenso wie der gleichfalls gegebene Hinweis auf die von Streubomben durchsetzte Gegend um Beaufort in der Wirklichkeit seine Berechtigung haben, im Film haben sie nichts verloren. Gleiches gilt für jene Einwände, die bemerkten, der Streifen präsentiere menschlich wie militärisch gebrochene israelische Soldaten, keine Heroen. Von alledem unbeeindruckt zeigte sich die Jury der Internationalen Filmfestspiele und krönte «Beaufort» vollkommen zu Recht mit dem Silbernen Bären für die beste Regie.

Foto: bav.film

Cedars Film ergreift nicht Partei für die eine oder andere Seite des Konfliktes, die «andere Seite», die Hisbollah also, wird schlichtweg unterschlagen. Auch darin eifert der 1968 in New York geborene, heute in Israel lebende Nachwuchsregisseur Coppola nach, waren bei diesem ja die vietnamesischen Soldaten ebenfalls unsichtbar geblieben. Denn während Cedar den israelischen Soldaten ein menschliches Antlitz verleiht, werden die Kämpfer auf Seiten der Hisbollah einfach nicht gezeigt. Das einzige Zeichen ihrer Anwesenheit und der Bedrohung, die von ihnen ausgeht, sind die Ankündigungen der nahenden Raketen - und deren Einschläge. Im Gegenzug sieht man die israelische Seite nicht auch nur einen einzelnen Schuss abgeben. Über die Gesichter der Israelis schreibt Joseph Cedar dahingegen eine Studie des Unwillens, der Verzweiflung und, das darf nicht fehlen, der Männerfreundschaft. Genau darin liegt Cedars dramaturgische Meisterleistung. Indem er die Realität weitgehend ausblendet, wird sein Film realistisch, vermittelt einen vagen Eindruck, wie sich die israelischen Soldaten, vielleicht sogar die zivilen Bewohner des Landes, fühlen, zumindest aber fühlen könnten. Und da der Regisseur mutig alle möglichen Klischees bedient, funktioniert der Film auch in dieser Hinsicht reibungslos. Wenn etwa eine Mine in den Händen ihres Entschärfers, einer Figur, die seit ihrem Auftreten als todgeweihte erkennbar ist, lange vorhersehbar detoniert, dann zuckt der Saal unwillkürlich zusammen. Es ist das scheinbar Unausweichliche, das den Film packend macht, der selbst ohne eigentlichen Handlungsbogen spannend zu nennen ist.

«Beaufort» ist aber auch ein Film über die israelische Gesellschaft. So kehrt der Bombenentschärfer Ziv an den Ort zurück, an dem sein Onkel bei der Eroberung des Berges gestorben war - um dort wie bereits erwähnt zu sterben. Im Jahr 2000 - um die aktuelle Stimmungslage im Land widerzuspiegeln, kommt der Film zu spät - war der Rückzug aufgrund der Meinung in der Bevölkerung längst beschlossen. Damit sie das Bild einer geschlagenen israelischen Armee liefern kann, beschießt sie in den Tagen, die der Film darstellt, den Berg verstärkt. Auch darin, dass die Soldaten von der Politik im Stich gelassen wurde, ist «Beaufort» ein echter Kriegsfilm. Da niemand daran zu glauben scheint, dass das Handeln der Soldaten sinnvoll ist, verstärkt sich deren Gefühl, vollkommen verloren Außenseiter der Gesellschaft zu sein.

Am ehesten ähneln sich Cedars Film und andere Kriegfilme deshalb auch darin, dass die Soldaten eine offensichtlich sinnlose «Mission» ausführen, deren einziges Ergebnis das eben sinnlose Opfern von Menschenleben ist. Dabei arbeitet Cedar mit den Mitteln des klassischen Horrorfilms. Sobald das Auge der Kamera einen Soldaten fixiert, ist klar: Er wird nicht mehr lange leben. Das alles verstärkt das beklemmende Moment der Hilflosigkeit, das sich aus der Position der militärischen Defensive ergibt. Wenn es so offensichtlich keinen Sinn hat, auf der bestehenden Situation zu beharren, gibt es nur die Flucht nach Vorn - oder den Rückzug.

Am Ende kostet Cedar die Sprengung der Verteidigungsanlagen in ihrer Bildgewalt weidlich aus, danach kehren die Soldaten in die «Sicherheit» hinter den Grenzzäunen zurück, telefonieren im morgendlichen Sonnenschein das erste Mal wieder mit ihrer Mami und sind nun doch einfach nur froh, dass ihr Dasein als lebende Zielscheiben ein halbwegs glückliches Ende gefunden hat. «Beaufort» ist kein Film über den Krieg, nur ein Film gegen den Krieg.

Moritz Reininghaus

«Jüdische Zeitung», März 2007