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«Jiddischmenschen» sind nicht das ZielEin jüdisches und ein jiddisches Festival: Krakau und Weimar
Krakau Standen am Anfang monatelange Gedankengänge oder war es ein Geistesblitz? Janusz Makuch, selbst - wie die meisten Einwohner des heutigen Polens - römisch-katholischen Glaubens, kann sich nicht mehr genau daran erinnern. 1988 begann jedenfalls alles ziemlich bescheiden: Das eine Hauptthema war seinerzeit noch der jiddische Film; kein Wunder, war doch Krzysztof Gierat, nicht nur Leiter des im Zentrum Krakaus gelegenen Kinos «Mikro», einer von Makuchs engsten Mitarbeitern. Den zweiten Hauptbereich bildeten dem polnischen Judentum gewidmete wissenschaftliche Vorträge. Die Musik bildete damals eher einen Randbereich, lediglich einige lokale Künstler spielten - natürlich - jiddische Lieder. Die Grundidee dabei war, jüdische Kultur in die polnische Gesellschaft zurückzuintegrieren. Eine Kultur, die - nachdem die Deutschen ihr teuflisches Werk auf dem Gebiet des heutigen Polens vollbracht hatten - in der Nachkriegszeit auch von den Polen selbst ignoriert und letztlich so gut wie vergessen wurde. Makuch nennt diese Haltung in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts einen «weißen Fleck» in der Geschichte Polens und benutzt schließlich, nachdem seine Initiative zur Sprache kommt, die Ausdrücke «Nachbarschaftshilfe» und «Verantwortungsbewusstsein». Schließlich habe ein bestimmtes Kultursegment Polens, nämlich das jiddische, nicht nur ein zweites in einer Richtung stark mitgeprägt - auch in der Gegenrichtung beeinflusste die polnisch-slawische Kultur das Judentum Polens. Dabei galt gerade Krakau als typisch «jüdische Stadt», welche im Jahre 1935 noch einen jüdischen Bevölkerungsanteil von etwa einem Drittel hatte. 50 Jahre später hatten die rund 120 bis 150 meist alten Juden Krakaus inmitten der heute rund 750.000 Einwohner der Stadt weder die Motivation noch die Expertise, ihre zeitgenössische oder die Kultur ihrer Vorfahren ins kommende Jahrhundert hinüberzuretten. Kazimierz, bis 1940 das Hauptviertel der Krakauer Juden, war 1988 allerdings noch stark vernachlässigt mit unzähligen baufälligen Häusern und mangelhaften sanitären Einrichtungen. Das besagte Kino war also der optimale Veranstaltungsort des ersten Festivals. Heute ist das Bild allerdings ein ganz anderes: Kazimierz ist zu weiten Teilen saniert, etliche ehemalige Synagogen wurden renoviert, aufgrund des gestiegenen Interesses finden heute die Veranstaltungen an über zehn verschiedenen Adressen innerhalb des Viertels statt. Und schließlich nimmt heute die Musik den zentralen Platz des Festivals ein. Während neun Tagen des diesjährigen, mittlerweile 17. Festivals gab es 29 Konzerte sowie 17 weitere Veranstaltungen in Form von Workshops, Stadtführungen oder Ausstellungen. Umgerechnet waren es insgesamt 198 Veranstaltungen mit über 140 Künstlern und Referenten und letztlich, auf alle Festivaltage verteilt, über 20.000 Zuschauern und Kursteilnehmenden. Makuch legt übrigens Wert auf die Tatsache, dass er kein «Klezmer-», sondern ein «jüdisches Kulturfestival» organisiert, schließlich soll ja nicht nur Musik konsumiert, sondern auch ein Bildungsauftrag wahrgenommen werden. Auf die Frage, ob die auf dem Festival offensichtliche Dominanz aschkenasischer Kulturschaffender von neunzig Prozent und mehr das gesamte Spektrum jüdischer Kultur vertrete, antwortete er spontan mit einer Gegenfrage: Ob denn aschkenasisch nicht ausreichend jüdisch sei? Auch dass die Großzahl der eingeladenen Künstler und Referenten nicht aus Israel käme, spiegele letztlich nur die Realität wider - schließlich lebe die Mehrheit der Juden nicht in Israel; eine Beschränkung auf mehrheitlich israelische Künstler würde somit sicherlich ein schiefes Bild ergeben. Insofern hat Makuch auch kein Problem, nichtjüdische Musiker auf sein Festival einzuladen, wenngleich - so wird betont - die Grundidee ist und war, von Juden kreierte jüdische Kultur einzubringen. Quasi als Nebeneffekt kann somit durch das Festival gezeigt werden, dass Kultur - und vor allem die Musik - nationen- und religionsübergreifend ist. Sicherlich wäre die Organisation einer derartigen Veranstaltung unmöglich, könnte man nicht auf rund 50, allesamt nichtjüdische Volontäre zurückgreifen. Mit einem Festivalbudget von rund 620.000 Euro liegt Krakau weit über dem, was sich deutsche Städte für ähnliche Veranstaltungen leisten. Rund 50 Prozent des Budgets stammen aus polnischen Quellen, der Rest von ausländischen Stiftungen und Sponsoren. Die jüdische Gemeinde Krakaus fungiert übrigens als offizieller Festivalpartner und stellt etwa ihre Synagogen unentgeltlich zur Verfügung, ist also trotz ihrer beschränkten Möglichkeiten aktiv beteiligt. Das Datum des 18. Jüdischen Kulturfestivals steht bereits fest: 28. Juni bis 8. Juli 2008.
Weimar Wie in Krakau fing auch in Weimar alles relativ unspektakulär an: Eine vor über 250 Jahren geschlagene Schneise im Park des Schlosses Ettersburg nördlich von Weimar wurde 1999 wieder freigelegt - und entpuppte sich als offene, weniger als einen Kilometer lange direkte Verbindung zum ehemaligen Konzentrationslager Buchenwald. Auf der anderen Seite gab es einen 1990 gegründeten Förderverein des Schlosses, der sich bis dato auf Konzerte mit klassischer Musik konzentrierte. Das Organisationskomitee besann sich und schlug für das Jahr 2000 wiederum ein Klezmerkonzert vor, nachdem Georg Mackrodt, Leiter der Weimarer Europäischen Sommerakademie, bereits im Vorjahr damit Erfolg gehabt hatte. Schließlich sollte jetzt erst recht nicht nur die Nähe des Schlosses zum Konzentrationslager, sondern auch ein jüdischer Aspekt widergespiegelt werden. So kam die Gruppe «Brave Old World» ein zweites Mal in diese geschichtsträchtige Stadt und war wiederholt von deren Ausstrahlung fasziniert. Ein im Vorfeld zusätzlich organisierter Wochenendworkshop erhielt durchwegs positive Resonanz, so dass das Publikum sich «so bald als möglich» eine Wiederholung wünschte. Alan Bern, Leiter, Pianist, und Akkordeonist der Gruppe und seit 1987 in Berlin sesshaft, wollte den Funken nicht verglühen lassen und fand in Stefanie Erben eine mehr als interessierte Ansprechpartnerin: 2001 fanden schließlich die ersten «Weimar Klezmerwochen» statt. Selbstverständlich wollte man sich nicht auf passiven Musikgenuss beschränken: Bern, von Anfang an Programmdirektor dieses Festivals, lag auch daran, nicht nur Nachwuchsmusiker über die Kunst der musikalischen Improvisation der Klezmermusik näher zu bringen, sondern auch mit auditiven Quellen wie etwa alten Schallplattenaufnahmen, im Bereich Klezmer faktisch ein Muss, umgehen zu können. Die bescheidenen Anfänge gingen über die Jahre in mehr Konzerte und noch mehr Workshops über. 2005 gründete Bern mit weiteren Kollegen den als gemeinnützig anerkannten Verein «other music», wobei er «other» tatsächlich gerne in Anführungszeichen sieht. Bern meint dazu, dass im Unterbewusstsein eines jeden Menschen der Begriff «eigene (oder nationale) Musik» die Existenz einer «anderen» Musik impliziere. Heute investiert Stefanie Erben rund 80 Prozent ihrer Arbeitszeit in diesen neuen Verein. Mit knapp 35 Mitgliedern und einem Jahresbeitrag von 50 Euro ist der Eigenanteil bei einem Festivalbudget von rund 125.000 Euro natürlich äußerst gering, wenngleich rund 40 Prozent der Kosten über Eintrittsgelder und Kursgebühren wieder hereinkommen. Auf Sponsorengelder ist man also angewiesen, wobei die Stadt Weimar erst mit einem neuen Bürgermeister zahlungskräftiger wurde. Ideelle und auch eine geringere finanzielle Unterstützung erhält das Festival von der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen in Erfurt, wenngleich weitere Anfragen an jüdische Institutionen wie etwa den Zentralrat der Juden in Deutschland zum Bedauern Berns negativ beschieden wurden. In den Jahren 2004 bis 2006 übernahmen zwar Paul Spiegel beziehungsweise Charlotte Knobloch die Schirmherrschaft des Festivals, persönlich sind die Präsidenten des Zentralrats jedoch noch nie zum Festival erschienen. Um mit der Betonung auf Klezmer möglicherweise nicht einseitig zu wirken, änderte man 2006 den Namen des Festivals in «Yiddish Summer Weimar». Denn längst hatte sich das Angebotsspektrum erweitert: So gab es dieses Jahr bereits fünf Workshops, etwa einen Sprachkurs für Jiddisch, der den Kurs für jiddische Lieder, übrigens geleitet von Lorin Sklamberg, Gründungsmitglied und Sänger der «Klezmatics», ergänzen sollte. Alan Bern, dessen Vorfahren aus Lemberg und Bessarabien kamen, legte Wert darauf, dass die gesungenen jiddischen Liedtexte durch direkte Sprachkenntnisse und nicht über eine mögliche unzulängliche «Verdeutschung» besser verstanden werden. Unter dem Thema «Tradition und Neue Impulse» stand dieses Jahr der achttägige Workshop für fortgeschrittene Musiker, wobei die Referenten durchaus ein «Who is Who» der Klezmerszene darstellten. Angesichts dieser zum Greifen nahen Musiker erscheint der Kursbeitrag von 290 Euro hier mehr als vernünftig investiert. Dass sich unter den Musikern einige nichtjüdische Deutsche befinden, ist für Bern keinen längeren Gedanken wert: Er sucht sich die Klezmorim, etwa Georg Brinkmann, Christian Dawid (beide Klarinette) oder Sanne Möricke (Akkordeon) nach qualitativen Gesichtspunkten aus, ein mögliches historisches «Schuldbewusstsein» oder dessen Aufarbeitung kann Bern in der Musik der Genannten und anderer auch nicht annähernd erkennen. Ähnliches gilt für die Teilnehmer der Workshops, die nun zu über 95 Prozent nichtjüdisch sind. Es sei, so Bern, insbesondere in mitteleuropäischen jüdischen Kreisen ein längst von der Realität überholtes Vorurteil, mehr als ein genuines Interesse nichtjüdischer Deutscher an jiddischer Kultur hineinzuinterpretieren. Über 4.000 auf vier Wochen verteilte zusätzliche Gäste sprechen dafür, dass der «Yiddish Summer» und Alan Bern längst feste Bestandteile des sommerlichen Kulturlebens in Weimar geworden sind. Und dafür, dass man nicht mehr ins Ausland reisen muss, um als Jude wie als Nichtjude aktiv an jiddischer Kultur teilnehmen zu können. Wobei, wie Bern betont, es nicht sein Ziel sei, «neue Jiddischmenschen» zu schaffen. Vielmehr solle über die Berührung und Begegnung mit jiddischer und möglicherweise anderen Kulturen die individuelle Kreativität jedes Einzelnen aktiviert werden
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