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Vom tapferen Leben und SterbenDaniel Pearl war der erste Journalist, der in Afghanistan entführt und ermordet wurde. Jetzt erinnert ein Film an ihn
Er verspäte sich eventuell etwas zum Abendessen, hatte er seiner schwangeren Frau noch gesagt, als er sich am Morgen auf den Weg zur Arbeit machte. Er kam nie wieder. Das war am 23. Januar 2002 in der pakistanischen Hafenstadt Karatschi, vier Monate nachdem die Amerikaner mit der Operation «Enduring Freedom» nach Afghanistan eingefallen waren, um das militante Taliban-Regime zu stürzen. Der Journalist Daniel Pearl tauchte nur noch einmal auf. Eine Woche später in einem Video der Geiselnehmer, eine Pistole wurde gegen seinen Kopf gerichtet. Danach gab es lediglich ein Zeugnis von bestialischer Grausamkeit zu Daniel Pearl - die Aufnahme seiner primitiven Enthauptung durch Al-Qaida-Mitglieder. Daniel Pearl war nicht irgendwer. Er war Chef des «Wall Street Journals» in Südost-asien. Die Recherche zu Schuh-Bomber Richard Reid hatte ihn und seine Frau Mariane, Journalistin für französische Medien, nach Karatschi geführt. Dort, so hatten Kontaktmänner dem 38-Jährigen versprochen, solle er ein hochrangiges Mitglied einer Terrororganisation treffen. Das war ein Köder, ein Fake: Beim angeblichen Treffen wurde Pearl entführt. Warum traf es ihn - weil er Amerikaner, Journalist, angeblicher CIA-Agent war, wie die Kidnapper behaupteten? Oder weil er Jude war? Neun Tage hielten ihn die Kidnapper in Gefangenschaft, in einer Hütte, irgendwo an der verslumten Peripherie der unkontrolliert wuchernden Stadt. Zweimal versuchte er zu entkommen. Sein Widerstandsgeist und der Glaube an die Macht des Journalismus veranlassten seine Frau Mariane, ein Buch zu schreiben, über sein plötzliches Verschwinden, die immensen Anstrengungen, ihn zu finden und auch über die Todesnachricht. «A Mighty Heart: The Brave Life and Death of My Husband Danny Pearl» lautet der Titel. Vier Jahre nach dem Erscheinen hat Hollywood nun einen Film daraus gemacht, der am 13. September in deutschen Kinos anläuft, hochkarätig besetzt mit Angelina Jolie als Mariane Pearl, Regie führte Michael Winterbottom. Nervenzerrüttend der Lärm, das Gewusel aus Verkehr und Menschen, ein Chaos, das keiner Ordnung zu folgen scheint. Überladene Busse, Massen von Mopedfahrern auf den Straßen, eine ganze Stadt aus grau scheinenden kubistischen Betonklötzen, ansonsten Slums. Über allem im hitzeflimmernden Abgasdunst nur die Minarette der Moscheen. Zu viele Menschen, immer wiederkehrende Gesichter, Enge und Armut - das sind Impressionen von Karatschi, die im Film «A Mighty Heart» überzeugen. Geschätzte elf bis 13 Millionen Menschen leben auf dem geografischen Stadtgebiet der Metropole am Indusdelta, an die 3.500 Menschen pro Quadratkilometer. Es gibt keine Behörde, die Einwohner nach Wohnsitz erfasst. Die Stadt kämpft wie viele sich entwickelnde Metropolen der Welt mit Landflucht, Überbevölkerung, Verkehr, Kriminalität - ein Brutherd für Terrorismus, in dem Daniel Pearl sich 2002 mit radikalen Islamisten treffen wollte, einen Tag vor der mit seiner Frau Mariane geplanten Rückreise nach Bombay. Als «Monument des Scheiterns der Zivilgesellschaft» bezeichnete der französische Intellektuelle Bernard-Henri Lévy die Stadt. In seinem als investigativ bezeichneten Roman «Who Killed Daniel Pearl» hatte er Pearls letzte Tage recherchiert, auch um die Hintergründe der Tat und die Ursprünge des fundamentalistischen Hasses aufzudecken. Für teilweise spekulative und fiktionalisierte Strecken des Buchs war Lévy in die Kritik geraten. Überzeugend zeigt «A Mighty Heart» auch das zermürbende Warten in von Klimaanlagen gekühlten Büros und Wohnhäusern westlicher Korrespondenten, Diplomaten und Agenten der Sicherheitsdienste. Das zehrende Sitzen vor Computern und Telefonen, genauso die zerfressende Wirkung von Falschmeldungen, Drohungen und Forderungen der Kidnapper. Auch das gespannte pakistanisch-indische Verhältnis wird beleuchtet. Die Entführung sei eine Provokation durch indische Geheimdienste, soll der pakistanische Innenminister noch behauptet haben, bevor der Terrorakt auf international höchste Ebenen hochkochte. Zuweilen wagt der Film die Gratwanderung, wagt Folterszenen, zeigt, dass ermittelnde Geheimdienste und Behörden mit Verdächtigen nicht zimperlich waren. Allerdings nur die pakistanischen, die amerikanischen Agenten bleiben passiv. Beinahe zu gefasst wirkt Jolie als Journalistin, die das Haus ihrer Freundin und Kollegin Asra Nomani in Karachi zur Schaltzentrale der Untersuchungen von Journalisten und Geheimdienstlern aus Pakistan und den USA macht. «Man glaubt nicht, dass ihr Mann seit sechs Tagen entführt ist», hört man in der Hollywoodadaption eine Moderatorin nebenbei sagen, nach Mariane Pearls Appell an die Kidnapper im pakistanischen Fernsehen. Auch der Zuschauer mag so denken. Mariane Pearl gab nach dem Tod ihres Mannes ein weiteres Fernseh-Statement ab. Glaubt man dem Spielfilm, auch dieses, ohne Bitterkeit und Hass siegen zu lassen. So erklärt sich vielleicht der Buch- und Filmtitel «A Mighty Heart», der nicht spezifiziert, wessen Herz so groß, mächtig oder vermögend ist. «Er war kein Held, kein Spion, er war ein gewöhnlicher Mann und großartiger Journalist, der die Welt bereiste, um Tatsachen zu enthüllen und die Wahrheit zu suchen - das war ein Wert für ihn, so heilig wie die Freiheit selbst», beschrieb die Französin mit kubanisch-jüdischen Wurzeln den ermordeten Ehemann. Beide hatten geglaubt, dass wahrhafter Journalismus dazu beitragen könne, Konflikte zu überwinden und Verständnis zu schaffen. Auch dass es nötig sei, bei ihrer heiklen Arbeit weder Furcht noch Hass zu erliegen, die die Welt insbesondere nach den Anschlägen vom 11. September beherrschten. In diesem Sinne agiert heute die von Familie und Freunden gegründete Daniel-Pearl-Stiftung. Sie möchte interkulturelles Verständnis durch Journalismus und Musik weltweit fördern, bietet neben Vorlesungen, Stipendien für Journalisten - ein ganz spezielles Praktika-Programm für Nachwuchsjournalisten aus Israel und den Palästinensischen Gebieten. Auch wenn sich die Veranstaltungen im Kalender der Stiftung meist auf die Vereinigten Staaten beschränken, bringen die «Daniel Pearl Music Days» jährlich im Oktober und unter dem Motto «Harmony for Humanity» Künstler an verschiedenen Orten der Welt auf die Bühnen und auf eine so genannte e-stage, eine virtuelle Live-Bühne im Internet. Drei Monate nach der grausamen Ermordung Daniel Pearls brachte Mariane Pearl ihren Sohn Adam in Paris zur Welt, wo beide heute leben. Zum Buch habe sie sich auch entschlossen, um Adam den Vater zu beschreiben, den er nie kennenlernen würde, so heißt es auf der Website der jetzigen Verfilmung. Sie vermarkte ihr Schicksal, hatten kritische Stimmen ihr vorgeworfen; und Angeboten Hollywoods widerstand sie vielleicht auch deshalb lange. Coproduzent von «A Mighty Heart» und Jolie-Lebenspartner Brad Pitt wirkte offensichtlich engagiert und überzeugend genug, um die Erinnerung an Daniel Pearl nun auf die Leinwand zu bringen. |