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«Ich fühlte mich frei zu dichten»Aliza Olmert, Ehefrau des israelischen Ministerpräsidenten, stellt ihren Roman «Ein Stück vom Meer» in Deutschland vor
Der Passagierdampfer hat abgelegt. Die fünfjährige Alusia und ihre Eltern sind mit an Bord. Wir schreiben das Jahr 1949. Ziel der Reise, von Deutschland aus, ist der noch junge Staat Israel. Groß sind die Hoffnungen auf ein neues, glückliches Familienleben im «Gelobten Land». Alusia, ihre Mutter Anuschka und Vater Olek sind Flüchtlinge. Die Ermordung ihrer jüdischen Familienmitglieder würden sie am liebsten aus der Welt schaffen, was unmöglich ist. Hinter ihnen liegt eine unfreiwillige Odyssee voller Verluste und Orientierungslosigkeit. Die Fünfjährige bildet die zentrale Figur des jetzt auf Deutsch erschienenen Buches «Ein Stück vom Meer» von Aliza Olmert, Ehefrau des amtierenden Chefs der israelischen Regierung. Das hebräische Original wurde 2001 veröffentlicht. Alusia steht im Mittelpunkt des stark autobiographischen Werkes: Die in Jerusalem lebende Autorin erzählt aus der Sicht eines Kindes von den Schwierigkeiten, die den Einwanderern in Eretz Israel Ende der 1940er und zu Anfang der 1950er Jahre widerfuhren. Auch wenn mit der geglückten Schiffsüberfahrt und dem Eintreffen im «Gelobten Land» aus den Flüchtlingen Neuankömmlinge werden, müssen Alusias Eltern begreifen, dass die Sehnsucht nach Sicherheit und Geborgenheit im Leben nicht nur von den Erinnerungen an die nationalsozialistische Greuelzeit überschattet bleibt. Vater Olek wagt mit Tausenden hochwertiger Schnallen verschiedener Art aus Wehrmachtsbeständen, die er sorgsam in zahlreichen Kisten und Kartons verpackte, einen geschäftlichen Neuanfang. Doch bald triumphieren bei diesem Vorhaben, das anfangs von viel väterlicher Euphorie getragen ist, auch die Schatten des israelischen Alltags zur Zeit der Aufbauphase des Landes. Keiner kann die Schnallen so recht gebrauchen. «Die Schnallenschachteln», heißt es in Olmerts Erzählung rückblickend, «hatte Vater bereits bei seinem ersten Arbeitstag bei „Magnes & Söhne, Dünger und Chemikalien GmbH" gefunden, graue, feste Schachteln, die in den Ruinen eines Gebäudes lagen, das bei der letzten Bombardierung Münchens eingestürzt war». Die Schnallen aus dem Dritten Reich spielen in Aliza Olmerts Buch eine Schlüsselrolle. Die Kisten, in denen der Vater sie verstaut, werden für die Familie zu Stuhl, Tisch und Bett zusammengestellt. Der Kisteninhalt soll der aus Polen stammenden Familie im arabischen Jaffa den gewünschten Wohlstand bescheren. Doch der Vater findet mit den Schnallen kein berufliches Glück. Das Spannende und zugleich Irritierende am Buch von Aliza Olmert liegt in der Problematik begründet, dass die rückblickende Perspektive eines Kindes - hier in Gestalt von Alusia - nicht wirklich so allwissend sein kann wie es die Autorin in vielen Passagen inszeniert. An manchen Stellen des Buches verschwimmen die Perspektiven dann etwas unglücklich. Man benötigt schon einiges Hintergrundwissen, etwa über die Autorin selber, um die verflochtenen Erzählzusammenhänge und -ebenen zu durchschauen, um besser zwischen dem Kind Alusia und der First Lady Aliza Olmert unterscheiden zu können. Denn die Unterschiede sind da. Beispielsweise wenn es um Erinnerungen an die Zeit in Eschwege geht. Dort wurde Aliza Olmert 1946 in einem Flüchtlingslager für «Displaced Persons» geboren. Zu undeutlich wird manchmal der Wechsel zwischen den Erinnerungen literarisch entwickelt, etwa an Eschwege und Deutschland und jenen Erinnerungen an die ersten Jahre des Kindes Alusia beziehungsweise Aliza in Israel. «Ein Stück vom Meer» reflektiert an zahlreichen Stellen auch wesentlich die Geschichte von Aliza Olmerts Mutter. Sie hat der Autorin viele Details der Familiengeschichte vermittelt: «Es geht um Flüchtlingskolonnen...einen Zwischenstopp im DP-Lager in Eschwege machen, wo sie mich zur Welt gebracht hat», heißt es im «Geschäfte»-Kapitel «und direkt vor der Baracke 33 halten, die in einer Nacht auf einem bombardierten Flugplatz gebaut wurde». Über dieses «deutsche Kapitel» ihres Lebens sagt Aliza Olmert nur: «Ich habe in Deutschland keine Verwandten mehr. Deutschland war für meine Eltern eine Zwischenstation auf dem Weg nach Israel». Fügt man diese Gesprächsaussage unmittelbar vor einem Abschnitt gegen Ende des Buches ein und liest beides so nacheinander, dann kann man sich folgende Szene im Leben von Aliza Olmert gut vorstellen: die Autorin sitzt am Schreibtisch, während die Mutter die verschwommenen Erinnerungen der Autorin zurechtrückt: «Mutter stöhnt: „Was verstehst du schon. Du warst zu klein, um zu wissen, dass ich die großen Hoffnungen deines Vaters nicht teile. Aber wenn man neben sich jemanden hat, der voller Hoffnung ist, möchte man so gerne glauben, dass er weiß, was er tut. In hoffnungslosen Zeiten ist das einzige, was man tun kann, sich an jemanden zu klammern, der es schafft, die Hoffnung nicht zu verlieren. Das habe ich selbst erlebt"». Ende der 1960er Jahre war die heutige First Lady Israels zuletzt in Eschwege: «Auf den Fundamenten des Displaced Persons-Lagers stand damals eine Veterinär-Klinik. Da ich Eschwege im Alter von einem Jahr verließ und die wenigen Fotos, die ich besitze, kaum etwas über den Ort aussagen, hatte ich keine großen Erwartungen, dass dort Gefühle oder Erinnerungen wachgerüttelt werden. Ohne es mit dem physischen Ort in Verbindung zu bringen, begleitet mich in meinem erwachsenen Leben das Bewusstsein, dass ich in einem Displaced Persons-Lager zur Welt gekommen bin. Es ist mir bewusst, dass es dort irgendjemanden gab, der die humanitäre Hilfe leistete, die mein Leben in meiner frühen Kindheit überhaupt möglich machte». Die Frau an Ehud Olmerts Seite will keineswegs nur «Künstlerin» sein, unterstreicht sie mit Blick auf ihr Buch und ihre diversen Erfolge als Bildhauerin und Malerin. Gesellschaftspolitisch setzt sie sich auch gegen Auffassungen ihres Mannes zur Wehr, wenn es beispielsweise darum geht, Heimatlosen, wie unlängst im Fall der Darfur-Flüchtlinge, zu helfen und Kindern von Gastarbeitern eine gute Versorgung zu gewährleisten - in Israel keine Selbstverständlichkeit. «Ich würde sagen, mein Engagement für die Aufnahme der fünfhundert Flüchtlinge aus Darfur in Israel ist überwiegend von dem Pflichtgefühl beeinflusst, dessen Wurzeln in Eschwege verankert sind.» Seit vier Jahren ist Aliza Olmert Mitglied im «Arbeitskomitee für Kinder von Gastarbeitern». Das Arbeitskomitee habe schon viele «Erfolge zu verzeichnen, indem es dazu geführt hat, die Kriterien des Innenministeriums zu ändern, wenn es darum geht, Aufenthaltsgenehmigungen für Kinder, die in Israel zur Schule gehen und Israel als kulturelle Heimat betrachten, zu erreichen. Außerdem bemühe ich mich um die Errichtung von Kitas für Kinder von Gastarbeitern, die ihnen eine gerechte Betreuung sichern und zwar eine Betreuung, die den Standards, die in israelischen Kitas üblich sind, in nichts nachstehen». Ihre resolute Art, die Aliza Olmert mühelos mit ihren feinfühligen, belletristischen Ambitionen verbindet, spiegelt sich in der Schilderung einer Erinnerung wider. Das Mädchen Alusia fühlt sich von der Mutter vernachlässigt. Das Kind Alusia, das mit seinen Eltern unweit des Mittelmeers lebt, lernt rasch, sich seine eigenen Träume nicht nehmen zu lassen. Im literarischen Bild vom Meer, dessen Wellen über die Familie hereinbrechen, nimmt sich Alusia ihr «Stück vom Meer». Es ist das «Stück» an Individualität, das für einen selbstbewussteren Aufbruch, für den Blick in eine wehrhafte Zukunft in einem starken jüdischen Staat steht. Alusia ist bereits Israelin. Die Erinnerungen der Autorin Olmert an ihre israelische Kindheit liegen näher, sind stärker als diejenigen an Deutschland, von denen noch die Mutter bestimmt wurde. Nicht zuletzt auch deshalb schrieb Aliza Olmert ihr Buch, um den traumatischen wie auch den hoffnungsstarken Erlebnissen der Eltern einen literarischen Ort zu verschaffen. Alles hatte diesbezüglich mit einem Brief angefangen: «Ein Brief, den ich an meine Schwester Neta nach dem Tod unserer Mutter schrieb, ist länger geworden als ich plante. Der Grund des Briefes war, dass ich meiner Schwester, die zehn Jahre nach mir geboren ist und unsere Eltern anders erlebte als ich, wissen lassen wollte, wie diese Zeit für die Eltern war, eine Zeit, die maßgebend die Familiendynamik entschieden hat. Das Wühlen in der Vergangenheit überflutete mich mit Einzelheiten, Inhalten und offenen Fagen. An einem bestimmten Punkt, als es sich herausstellte, dass der Brief ein Buch wird, nahm ich mir die Freiheit, die Gedächtnislücken mit der Fantasie zu füllen, ich fühlte mich frei zu dichten.» |