korrespondent Johannes Gerloff Foto: privat

Gegen Stereotype schreiben

Johannes Gerloff riskiert sein Leben nicht für die schnelle Nachricht - er liefert fundierte Hintergründe für christliche Medien

 

Rein fachlich unterscheidet sich meine Arbeit nicht von der eines RTL- oder «Reuters»-Korrespondenten. Es geht darum zu verstehen, was vor sich geht und dies zu erklären. Es gibt sicherlich Thematiken, die ich leichter loswerde als ein RTL-Korrespondent», meint Johannes Gerloff. Seit Anfang 1999 arbeitet er als Korrespondent des christlichen Medienverbundes KEP in Israel und den Palästinensischen Gebieten. Ihn erreichen spezielle Anfragen: «Kürzlich hatte ich eine Anfrage zur Lage der Christen in Israel und der palästinensischen Autonomie und unheimlich viel Platz. Bei «Reuters» oder dpa hätte ich weder den Raum noch die Zeit bekommen. Ein Luxus, den andere Medien oder Korrespondenten nicht genießen. Ich darf mir die Mühe machen und erlauben, länger als einen Tag zu recherchieren und mehr als zwei Interviews zu führen, mit den Leuten vor Ort zu reden. Ein Luxus, den sich die Journalisten, die täglich liefern müssen nicht leisten können. Aber etwas mehr Einblick und Hintergrundinformation wird auch von mir erwartet», beschreibt Gerloff seine Arbeitsweise. Seitdem der ausgebildete Theologe 1983 das erste Mal als Volontär in Israel weilte, besuchte er das Land immer wieder, bis er mit dem Aufbau eines Korrespondentenbüros in Jerusalem betraut wurde. Dieses beliefert christliche Verlage, Magazine, aber auch Tageszeitungen.

Johannes Gerloff arbeitet hauptsächlich für Printmedien, manchmal auch für das Radio. Er kann sich längere Recherchen an Orten in Israel und den Palästinensischen Gebieten leisten. Auch in den Nachbarländern Jordanien, Syrien, Ägypten ist er unterwegs: «Unerlässlich, um die Region zu verstehen und sich ein umfassendes Bild zu machen.» Gerloff spricht Hebräisch, in den Palästinensischen Gebieten vermeidet er dies. Doch die Verständigung ist kein Problem: «Die Palästinenser sind sehr sprachbegabt. Ob Deutsch, Englisch, ja sogar slawische Sprachen - da findet sich immer ein Übersetzer.»

Seinen Arbeitsalltag wünscht sich Gerloff geordnet, doch aktuelle Ereignisse lassen ihn häufig chaotisch werden. Anders als Mitarbeiter der Tagesmedien kann Gerloff das Büro für Überlandfahrten verlassen, um den Alltag für die Analyse zu erleben - Familienleben, Markttreiben, Café-Atmosphäre - und beobachten, was von der hohen Politik auf der Straße ankommt. Neutralität hält Gerloff für die Zielsetzung jedes Journalisten und doch für eine Unmöglichkeit. Er strebt nach ausgewogener Sicht, konsultiert alle Seiten: «Ich setze mich immer mal wieder hin und frage mich selbst: Gibt es weiße Flecken auf meiner Landkarte, Personen, die ich ignoriere, Denkweisen, die ich übersehen habe. Wo war ich noch nicht. Da hilft auch das Streitgespräch mit Kollegen.» Im Unterschied zu einigen anderen Korrespondenten, ist Gerloff nicht gezwungen, sein Leben für die kurze Nachricht oder einen brisanten Schnappschuss aufs Spiel zu setzen: «Ich werde nicht dafür bezahlt, um fliegende Gewehrkugeln zu fotografieren. Wer keine Angst hat, ist krank. Die Angst ist ein Instinkt, der auch schützt.» Auch wenn Gerloff unmittelbare Konfliktsituationen meidet, kennt er die Momente, in denen sich Unwohlsein einschleicht: «Circa 25.000 Leute versammelten sich zum Begräbnis von Jassir Arafat, die Trauernden saßen sogar in Bäumen. Wenn dann ein Leibgardist sein Maschinengewehr in die Luft entleert, wird einem mulmig. Zudem ist bekannt, dass ein Geschoß, wenn es aus diesen Höhen wieder zurückfällt, noch immer einem die Schädeldecke einschlagen kann.» Gerloff geht es nicht um die Meldung, wenn es brennt. Es geht um Personen, um Hintergründe. Er recherchiert, wenn es ruhiger ist.

Komplizierte Verhältnisse

Die Lage sei ohnehin komplizierter, noch verworrener als in Nachrichten und der internationalen Politik meist wahrgenommen werde, schätzt Gerloff. Diese übersehe den kleinen Mann auf der Straße: «Mich fragte ein Palästinenser nach der deutschen Opposition gegen die Siedlungen. Siedlungsschließungen schädigten ihn, der den Siedlern Land verkaufte, jahrelang deren Häuser renovierte und deren Gärten pflegte. Eine sichere Existenzgrundlage, die ihn zum Besitzer dreier Häuser machte. Die Mauer, gebietsweise lediglich ein Zaun, macht diese Synthese im Zusammenleben zunichte.» Die Stimme des Palästinensers sei in bestehende Stereotype nicht einzuordnen. Auch sei nicht auszuschließen, dass derselbe Mann in der eigenen Familie, die von dem lebt, was er erwirtschaftet, mit dieser Haltung anstoße.

Gerloff berichtet zu seinen aktuellen Recherchen aus den südlichen Hebrongebieten: «Die eigenartigsten Konstellationen bilden sich dort. Unter den Siedlern streiten sich die Etablierten mit kleineren Farmbesitzern, die wiederum eine Koalition mit Höhlen bewohnenden Palästinenser bilden. Die wiederum opponieren gegen die Araber in den Städten. Dazwischen das israelische Militär und eventuell ausländische Akteure. Wahrscheinlich geht es um Entschädigungszahlungen für das Land, auf dem die «Mauer», die dort nur ein Zaun ist, gebaut werden soll. Die möglichen Ansprüche, schmieden die merkwürdigsten Allianzen.»Verhältnisse können nicht auf die Streitigkeiten zwischen Israel und der palästinensischen Autonomie reduziert werden, wie es in der internationalen Politik des Quartetts oft getan wurde, davon ist Gerloff überzeugt. Seine Meinung spiegele sich wider in Berichten, die eventuell nicht ins Bild passen, die Redaktionen unter den Tisch fallen ließen, das habe er bereits erfahren.

Kontaktpflege ist für Gerloff kein Problem, weder auf israelischer noch auf palästinensischer Seite. «Hamas, Al Aksa, Islamischer Dschihad - ihre Vertreter trifft man zuweilen auf der Straße!» Fehlt der Kontakt, nutzt Gerloff Stringer oder bittet Kollegen um Vermittlung. «Auf israelischer Seite sind wichtige Politiker über die Website der Knesset erreichbar. Es ist dann nur eine Frage der Zeit, wann man einen Termin bekommt.»

Seine Arbeit versteht Gerloff als ein Schreiben gegen Stereotype, gegen Vorstellung vom «Land für Frieden», die Annahme, der endgültige Abzug Israels aus den Palästinensischen Gebieten führe geradlinig zum Frieden. Oder gegen die Annahme Terror entstehe aus Armut und Verzweiflung: «Weil's den Leuten schlecht geht, werden sie zu Extremisten - so funktioniert es nicht in Nahost. Märtyreraktionen werden nicht von emotional Verzweifelten verübt. Im Gegenteil, die Kandidaten stammen nicht aus ungebildeten Unterschichten sondern haben häufig eine überdurchschnittliche Ausbildung. Je länger man vor Ort beobachtet, desto weniger weiß man, was zutreffend ist.» Ein Stereotyp der christlichen Denkweise ist die Verbundenheit mit dem Schwächeren - sich von vorgefertigten Denkweisen leiten zu lassen, schneide nach Gerloff ins eigene Fleisch: «Christliche Medien haben ein großes Interesse an der Lage der palästinensischen Christen und definieren ihre Einschätzung der Lage allein aus diesem Blickwinkel. Das birgt die Gefahr, eine verschwindend geringe, politisch vielleicht sogar irrelevante Minderheit auf ein Podest zu heben und überproportional zu beachten.»

Einseitig unbelastet

Als Deutscher in Israel fühlt er sich gänzlich akzeptiert: «Es ist beinahe überall zu hören, dass Deutschland nach Amerika eigentlich der wichtigste Partner und Freund Israels ist. Dieses Verhältnis ist völlig unbelastet. Von deutscher Seite stelle ich allerdings einen großen Komplex fest, zum Beispiel als es um die Entsendung der deutschen Marine vor die libanesische Küste ging. Oder die Diskussion, in welcher Sprache Bundespräsident Köhler vor der Knesset sprechen sollte. In Israel war das eigentlich kein Thema.»

Mehrmals im Jahr besucht Gerloff Deutschland, auch zu Vortragsreisen. Das Interesse an Israel ist hier so groß, dass er Terminanfragen für die nächsten sieben Jahre hat. Auf Reisen schätzt er besonders den Kontakt mit seinen Lesern, deren Reaktionen er sonst nie erfährt: «Sonst krieg ich nicht mit, wenn Leute aus Wut die Zeitung in die Ecke pfeffern.»

Nina Körner

«Jüdische Zeitung», März 2007