Maayan geht ins 5. Jahr

 

Seit vielen Jahren wird Sofia Gordon von dem Gefühl getragen, sich immer mehr und vor allem «aktiv für die jüdische Gemeinschaft einzusetzen». Nicht darüber nur zu reden, etwas vorzuhaben, sondern ihre Ideen in die Tat umzusetzen sei ein entscheidender Impuls in ihrem persönlichen Leben, aber auch längst zu einem festen Bestandteil der Organisation Maayan geworden, die Sofia seit drei Jahren von Berlin aus leitet. Maayan bedeutet im Hebräischen soviel wie «Wasserquelle» oder «Quell von Inspiration». Maayan ist ein Projekt der Lauder-Foundation, welches im Sommer 2003 begründet wurde.

«Es ist entstanden aus der Tatsache, dass im Osten Berlins eine Jeschiwah eröffnet wurde, und als eine Art Dependance im Westen sollte es darüber hinaus eine Möglichkeit für jüdische Frauen geben, über Judentum etwas zu lernen». Aus dieser zunächst feministisch inspirierten Idee sei Maayan entstanden und weiterentwickelt worden. Doch erst seit Anfang 2006 lädt Sofia, in enger Zusammenarbeit mit Rabbinern und Gelehrten der Lauder-Foundation, in Berlin zu wöchentlichen «Lernseminaren, zu Shabbatonim, Festtagen, Wohltätigkeitsprojekten, Ausflügen und Reisen» auch Männer ein.

Sofia sprudelt über, sogar von «glücklichen Fügungen» zu erzählen, die es ohne Maayan so nicht gegeben hätte, beispielsweise eine Verlobung, der eine Heirat folgte. Im Rahmen einer Pessach-Feier, die von Maayan mitorganisiert wurde, habe sich das junge Paar kennengelernt.

Bei Maayan können sich selbstverständlich auch ältere Teilnehmer der sogenannten «Schiurim» (Vorträge und Diskussionen mit Rabbinern zu ausgewählten Themen und Abschnitten aus der Tora) jünger fühlen, verspricht Sofia. Und in der Tat - die regelmäßig sonntags in der Passauer Straße stattfindenden zwei Schiurim (einmal für Frauen sowie anschließend für Frauen und Männer) haben es in sich. Derzeit wechseln sich Rabbiner Kern und Rabbiner Mazner von der Lauder-Foundation als Gastdozenten mit Diskussionsrunden zu Themen wie etwa «Liebe und Umkehr im Monat Elul» oder «Organspende unter jüdisch-religiösen Gesichtspunkten» ab. Nicht nur die Zahl der Teilnehmer zeigt hierbei eine steigende Tendenz. Auch Beständigkeit in der Anwesenheit der teilnehmenden Interessierten gehört schon zu den Sonntagsrunden wie selbstverständlich dazu.

Wie die Verkörperung einer heftig pulsierenden Schaltzentrale wirkt die junge Frau aus St. Petersburg. Neben Maayan und anderen Einrichtungen leitet Sofia in Frankfurt a. M. ein ähnliches Projekt, das «Jewish Experience» heißt. Im Unterschied zum Frankfurter Lerncenter, «das von der jüdischen Gemeinde, von Chabad, vom jüdischen Jugendzentrum und Studentenverband als Netzwerk betrieben wird, ist Maayan viel unabhängiger».

Vor über zehn Jahren kam Sofia nach Deutschland. Zunächst lebte die damals 11-Jährige mit ihrer Mutter und dem Bruder in Bayern. Dort besuchte sie, ohne zunächst überhaupt etwas von ihrer jüdischen Herkunft zu wissen, eine deutsche Schule, nahm sogar am protestantischen Religionsunterricht teil, betete vor dem Zubettgehen «immer brav das ‚Vaterunser', da ich ja damals schon an Gott glaubte, und ich wurde sogar die Beste im Religionsunterricht», betont Sofia und fängt an, ohne Punkt und Komma zu sprechen. Als ihre Großmutter später auch nach Deutschland zog, habe sich die russische Großmama erst durch ihre Enkelin und das deutsch-jüdische Umfeld herausgefordert gefühlt, ihre Enkelin Sofia über deren jüdische Herkunft aufzuklären. Sie haben dann gemeinsam begonnen, Synagogengottesdienste zu besuchen. Der Mut zur jüdischen Gemeinsamkeit, die erst in Deutschland zwischen Sofia und ihrer russischen Großmutter aufzublühen begann, fände sich als «Form des Miteinanders» auch in den Grundzügen von Maayan wieder. Solche Erfahrungen führten dazu, dass Sofia genau weiß: «Wäre ich nicht nach Deutschland gekommen, wäre ich nicht jüdisch geblieben, sondern Russin geworden».

Neben den Einflüssen der Großmutter sei sie dennoch vor allem durch Maayan, diese «Mischung aus lernendem Miteinander» in Schiurim und bei gemeinsamen Aktivitäten wie Bowling oder Schiffsfahrten, zur jüdischen Religion zurückgeführt worden, «zurück zur Quelle». Der Wille, «modernes» Judentum in Deutschland zu leben, zeichnet Maayan aus. Maayan sei «die Quelle dafür», insistiert Sofia Gordon, und glaubt an einen in Deutschland neu entfachten jüdischen Willen - den Willen als eine «Quelle» für gelebte jüdische Gemeinschaft. Bei Maayan scheint dieser Wille eine junge, starke Zukunft bekommen zu haben.

Elias Neumann

«Jüdische Zeitung», September 2007