Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() «Mein Oberbegriff von Liebe: Leben!»Schwul-lesbischer Polizeiverein im Gespräch mit Holocaust-Überlebendem Isaak Behar
Gut Helenenau ist alter Mendelssohn’scher Besitz. Es gehört zu Schloß Börnicke, das im Auftrag des jüdischen Berliner Bankiers Paul Robert Ernst von Mendelssohn-Bartholdy von Bruno Paul, dem Lehrmeister von Mies van der Rohe, um 1910 nördlich der Hauptstadt erbaut wurde. Der «arischen» zweiten Ehefrau Pauls ist es zuzuschreiben, dass Helenenau und Börnicke von den Nazis nicht enteignet wurden. So blieben die Anlagen über den Tod des Bankiers 1935 in Familienbesitz. Erst mit der Bodenreform im Osten Deutschlands erfolgte nach dem Krieg die Enteignung. Es ist ein geschichtsträchtiger Zufall, dass an diesem jüdischen Ort der Holocaust-Überlebende Isaak Behar einen ganztägigen Vortrag zu seinem Überleben als «U-Boot» in Berlin zwischen 1942 und 1945 gehalten hat. Seine Autobiographie «Versprich mir, dass Du am Leben bleibst» bildete die Grundlage für sein Referat, zu dem ihn der Verband lesbischer und schwuler Polizeibediensteter VelsPol e.V. im Rahmen eines Bundesseminars eingeladen hatte. Behar ist häufiger Gast zu Seminaren und Weiterbildungsveranstaltungen bei Polizei, Feuerwehr und Bundeswehr, seit mehr als zwanzig Jahren referiert er auch in öffentlichen Schulen und Jugendgruppen. Behar hat sein Versprechen halten können, er ist am Leben geblieben. Der Tag des Vortrages war sein 84. Geburtstag. Die Eltern und beide Schwestern wurden 1942 deportiert und in Auschwitz ermordet. Nur zufällig entging Behar der Verhaftung: Er war am Morgen zu seiner «arischen» Freundin aufgebrochen, hatte den verratenden gelben Stern bewusst zu Hause gelassen. Am Abend war die Wohnung der Familie leer – und zu gefährlich für seine Rückkehr geworden. So ging Behar in den Untergrund. Immer wieder halfen ihm Zufälle, nicht festgenommen zu werden, immer wieder waren es «arische» Deutsche, die ihn versteckten. Er sagt heute von sich, kein Held gewesen zu sein: «Ich war jung, impulsiv, unvorsichtig, nicht selten habe ich meine Beschützer in große Gefahren gebracht», erklärt er beim Seminar. Das für seine Zuhörer Verblüffende ist genau diese Ehrlichkeit, die dem Klischee eines Überlebenden so gar nicht entspricht: Nein, ein Widerstandskämpfer sei er nicht gewesen, der Wille zum nackten Überleben habe ihn getrieben. Zweimal wurde er dennoch verhaftet, zweimal gelang ihm die Flucht. Und noch eine Ehrlichkeit wurde Behar hoch angerechnet: «Ich bin nicht frei von Vorurteilen – ich kann nur daran arbeiten! Denn mein Oberbegriff von Liebe ist ganz einfach: Leben!», erklärte er lächelnd den Schwulen und Lesben aus dem Polizeidienst. Das Bundesseminar von VelsPol hatte sich in diesem Jahr thematisch mit der Zeit des Nationalsozialismus beschäftigt. Neben dem Vortrag Behars stand ein Referat von Ralf Oberdörfer vom HISTOX-Institut für Geschichtsarbeit Berlin im Mittelpunkt, der über Homosexualität in der NS-Zeit sprach. Ein Besuch der Gedenkstätte KZ Sachsenhausen und eine Kranzniederlegung am Mahnmal für die homosexuellen Opfer des Nationalsozialismus rundeten den Themenschwerpunkt ab. Lesbische Polizistinnen und schwule Polizisten passen kaum in das Bild, das die Gesellschaft von Angestellten und Beamten im Polizeidienst haben will. So kommt es nicht selten zu offenen Anfeindungen, auch aus den eigenen Reihen. Der Verein fördert daher seit 1995 in neun Landesverbänden und dem Bundesverband die Akzeptanz schwul-lesbischer Lebensweisen innerhalb der Polizei durch Fortbildungen, Beratungen von Behörden, Interventionen bei Dienststellen gegen Benachteiligungen und Diskriminierungen oder bei Vorgesetzten, die Homosexuelle bewusst mobben. Auch beim dienstlichen Coming-out steht der Verein vertraulich zur Seite und mindert so seelische Belastungen, die anderenfalls die Aufgabenerfüllung beeinträchtigen könnten. Kooperierende Vereine gibt es für schwule und lesbische Justizdienstbeamte, Feuerwehrleute und Bundeswehrangehörige – sie alle haben rein gar nichts mit einem «Uniformfetisch» zu tun, wie ihnen oft verächtlich unterstellt wird. Nach außen unterstützt VelsPol Schwule und Lesben bei der Anzeigenerstattung und dem Verfahrensverlauf im Gewaltfall, informiert über Opferentschädigungen oder vermittelt Beratungen, etwa bei Traumatisierungen nach Überfällen. Wie wichtig diese ganz spezifische Form der Polizeiarbeit den obersten Führungsebenen der Polizei und den politisch Verantwortlichen ist, wurde durch Grußworte des Berliner Polizeipräsidenten Dieter Glietsch sowie seiner Potsdamer, Barnimer und Frankfurter Amtskollegen, Klaus Kandt, Sven Brandau und Arne-Christian Feuring, deutlich. Sie alle waren extra nach Helenenau angereist. Auch Bundestags-Vizepräsidentin Petra Pau von der PDS hatte sich auf den Weg zum Seminar gemacht. Einen Tag später begrüßte sie, ebenso wie ihr Abgeordnetenkollege Volker Beck von den Grünen, die Teilnehmer im Deutschen Bundestag. Pau gab in ihrem Redebeitrag der Enttäuschung Ausdruck, dass das NPD-Verbot an «Verfahrenshindernissen» gescheitert sei. Diese gelte es aus dem Weg zu räumen und das Verbotsverfahren nun erfolgreich durchzuführen. Das bundesweit alle zweieinhalb Stunden eine fremdenfeindliche und alle zweieinhalb Tage eine rechtsextremistische Straftat zu verzeichnen ist, sei nicht hinnehmbar. Das Problem werde unterschätzt und laufe zu oft nach einem «Ritual» ab: Der Vorfall werde kleingeredet, sei eigentlich nur ein «Ost-Problem», es folgten ein Schweigen der Politik, dann gegenseitige Schuldzuweisungen und schließlich Versprechungen. Immer wieder würden diese Straftaten heruntergespielt, beispielsweise um den Tourismus nicht zu «gefährden». Abschließend empfahl die Politikerin die Einrichtung einer bundesweiten Beobachtungs- und Dokumentationsstelle für fremdenfeindliche und rechtsradikale Vorfälle und Straftaten. Detlef Graf von Schwerin, Vertreter der Fachhochschule der Polizei, und FDP-Bundestagsabgeordneter Michael Kauch waren ebenfalls gekommen um die schwulen und lesbischen Polizeibediensteten aus ganz Deutschland und Österreich zu ihrem viertägigen Treffen zu begrüßen. Auch eine Reihe von Gleichstellungs- und Mobbing-Beauftragten, viele von ihnen nicht selbst homosexuell, waren unter den Seminarteilnehmern. Nur der eingeladene Innenminister Brandenburgs, Schönbohm, ließ sich mit Hinweis auf seinen vollen Terminkalender entschuldigen. Dafür war Landesminister Reinhold Dellmann gekommen, dem immerhin verkehrspolizeiliche Strukturmaßnahmen unterstehen. Für die kommenden Jahre hat sich VelsPol andere Schwerpunkte für seine Bundesseminare gesetzt. So werde man sich mit Flüchtlings-, Asylanten- und Migrantenproblemen auseinandersetzen. Unser Verlagshaus hat dazu Unterstützung angeboten. Als Veranstaltungsort wurde ganz bewusst der Frankfurter Flughafen gewählt, häufig letzter Punkt der Abschiebung. 2008 wird VelsPol am «Christopher Street Day» in Leipzig teilnehmen und dort offensiv klarstellen, dass schwule und lesbische Angestellte und Beamte der Polizei, die es in allen Laufbahngruppen und Gliederungen gibt, polizeiliche Aufgaben mindestens genauso gut erfüllen, wie heterosexuelle Kollegen: In der sächsischen Metropole hatte es in diesem Jahr massive Störungen des CSD durch Nazi-Aufmärsche gegeben. |