Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() «Wir stehen angegenüberliegenden Ufern»Die israelischen Hip-Hopper Mook E. und Tamer Nafer im jüdisch-arabischen Dialog
Ihr kennt Euch über die Hip-Hop-Szene in Israel. Wie groß ist die dort? Mook E.: Die israelische Szene ist schrecklich klein. Jeder kennt jeden. Zusammen sind das etwa eintausend Leute. Das sind alles tolle Leute. Mit DAM trete ich jetzt das zweite Mal auf, das erste Mal war in New York. Musik verbindet Menschen. Kennengelernt haben wir uns 2004 während einer Festivalwoche in Israel. Tamer: Es gibt viele Gemeinsamkeiten zwischen Arabern und Juden in der Hip-Hop-Szene in Israel. Was bedeutet es für Euch, auf einem Festival der jüdischen Kultur aufzutreten? Repräsentiert Ihr jüdische oder israelische Kultur? Tamer: Ich bin nicht hier, um jüdische oder israelische Kultur zu präsentieren. Ich bin nur geografisch von dort. Ich repräsentiere 1,3 Millionen Araber in Israel. Ich repräsentiere palästinensische Kultur. Diesen Teil zeige ich. Es ist sicher nett, dass man uns eingeladen hat und hier hören möchte. Aber ich mache meine Sache. Mook E.: Judentum ist ein weitläufiger Begriff. Ich bin kein großer Kenner des Judentums und sicher kein Repräsentant. Aber unsere Musik ist ein Zeichen dafür, dass auf dem Markt in Israel, alle etwas sagen können. Israel ist sehr pluralistisch. Welche Botschaft hat Eure Musik? Steht Ihr für den Frieden zwischen beiden Seiten? Tamer: Wir repräsentieren nicht den Frieden. Wir zeigen aber, dass man sich zuhören kann. Von uns kann beispielsweise auch der einfache Ladenbesitzer etwas lernen. Mook E.: Da muss ich Dir widersprechen. Ohne überheblich sein zu wollen – aber Musik ist schon eine höhere Sache. Musik ist spirituell. Sie ist mehr als ein Gespräch zwischen Ladenbesitzern. Musik dringt ins Herz vor. Tamer: Wir sind ein Image, ein Vorbild. Ich meine, wir bringen Leute weiter. Obwohl die sich nicht verstehen. Wir machen aber noch lange keinen Frieden. Mook E.: Aber wir selbst können unsere Leben verändern. Das ist eine große Sache. Und dass wir diese Botschaft verkörpern, sieht hier in Europa natürlich gut aus. Tamer: Ja, aber das stört mich! Was unterscheidet jüdisch-israelischen von palästinensisch-israelischem Hip-Hop? Welche Rolle habt Ihr in der Musikszene? Mook E.: Ich sehe mich nicht so sehr als Hip-Hopper. Hip-Hop ist nur eine meiner Plattformen. Aber Tamer ist anders. Er ist besonders. Er ist ein Einzelkämpfer. Tamer ist Hip-Hop durch und durch. Bei mir ist das anders. Wir sind nicht die Szene in Israel. Die Szene in Israel ist etwas komisch. Das sind keine wirklichen Hip-Hopper. Tamer: Ja, denn es gibt viel kommerzielles Zeug. Ich dagegen habe gesellschaftliche und politische Themen. Nicht wie im kommerziellen Hip-Hop, der sich am besten verkauft. So wie «Subliminal». Mook E.: «Subliminal», «Hadag Nachasch». Es gibt ein paar nette Leute in der Szene. Tamer: Ich meinte, der verkauft sich vielleicht gut. Aber «Subliminal» ist ein Idiot. Mook E.: Stimmt! Tamer: Mein Schwerpunkt bei der Musik liegt auf dem Inhalt der Texte. Meine «Tinte im Füller» sind gesellschaftliche und politische Themen. Ich singe vor allem über das Leben, das Doppelleben, als Israeli und Palästinenser. Nimm zum Beispiel das Leben in meiner Stadt Lod, dem größten Drogenmarkt im Nahen Osten. Die Probleme der Jugendkriminalität, der Arbeitslosigkeit. Es gibt viele Themen, wenn man als junger Mann aus Lod kommt. Mook E.: Das sind Themen, mit denen sich die meisten in der Szene nicht befassen. Künstler können deutlicher reden als ein einfacher Mann es kann. Tamer ist ein Künstler. Er ist echt. Er ist anders als die anderen, weil er von einem anderen Ort kommt als wir. War so eine Art der Musik und der Redefreiheit für Palästinenser früher möglich? Tamer: Noch in den 1980ern wäre es nicht möglich gewesen, solche Musik zu machen. Damals ist man schon wegen des Ausspruchs «Ich bin ein Palästinenser» ins Gefängnis gekommen. Mook E.: Das stimmt nicht! Keiner ist dafür ins Gefängnis gekommen, weil er sagte, er sei ein Palästinenser. Tamer: Aber für so ein Graffiti ist man vor 15 Jahren in Lod noch ins Gefängnis gekommen. Heute ist die Gesellschaft relativ offen. Aber sie ist nicht wirklich offen. Ich kann frei reden, ja. Ich komme nicht dafür ins Gefängnis. Ich kann mehr sagen als vor 15 Jahren. Aber noch immer frage ich mich, welche Demokratie ist das, in der ich lebe? Ich lebe in Lod, mir stehen 100 Prozent zu. Die stehen mir zu, aber ich bekomme weniger. Deshalb kämpfe ich. Als Araber bekomme ich keine Baugenehmigung, keine arabische Erziehung, arabische Themen werden nicht im Fernsehen gezeigt. Man muss die Situation in den richtigen Farben darstellen. Mook E.: Das mit dem Fernsehen stimmt nicht! Die arabische Minderheit erhält zwanzig Prozent Sendezeit, dazu gab es mehrere Gerichtsbeschlüsse. Du kannst alles sagen. Zum Teil hast Du Recht, zum Teil hast Du nicht Recht. Aber wenn ein Jude in einem arabischen Land das sagen würde, was DAM sagt, würde er aufgehängt werden. Deshalb ist Israel eine Demokratie, immer noch! Die Beschuldigungen von Deiner Seite sind richtig. Aber von einem Araber will ich nicht hören, dass wir nicht in Ordnung sind. Wenn ein Jude im Iran das sagen würde… Tamer: Ich habe trotzdem ein Problem mit der israelischen Demokratie. Und Du kannst dass auch nicht so einfach mit anderen Staaten vergleichen, wie etwa dem Iran. Im Vergleich zu echten Demokratien sind beide Scheiße: Iran und Israel. Mook E.: Hast Recht, das ist keine Ausrede. Ich kritisiere auch meinen Staat, das ist legitim. Aber du darfst nicht vergessen: Israel ist der einzige Platz im Nahen Osten, wo derartige Kritik am Staat überhaupt möglich ist. Tamer: Okay, aber es gibt immer noch Grenzen. Und die möchte ich sprengen. Mook E.: Als Israel 1948 gegründet wurde, dachte man nicht daran, dass hier 50 Jahre später eine Million Araber leben würden. Deshalb gibt es diese Hymne und diese Flagge. Denen schwören wir die Treue. Jeder israelische Staatsbürger muss drei Jahre zur Armee. Ich war auch beim Militär. Also sollte auch jeder Araber drei Jahre Zivildienst im Altersheim oder Krankenhaus machen. Tamer: Wir sind gegen den Zivildienst für Araber. Mook E.: Aber wir sollen doch alle gleich sein als Staatsbürger! Ihr könnt im Altersheim arbeiten oder in arabischen Krankenhäusern. Daran fehlt es nicht. Tamer: Nein, die fehlen ja gerade. Und wenn schon arabische Institutionen gebaut werden, dann müssten wir auch die finanzielle Autonomie bekommen. Mook E.: Alles ist möglich. Aber wenn Du nicht diesem Staat dienen willst, dann erwarte auch nichts von ihm. Tamer: Ich möchte meine Erde! Dafür kämpfe ich! Mook E.: Die bekommst Du aber nicht! Tamer: Wir sind nicht mehr im Jahr 1948. Ich muss diesen Staat so nicht akzeptieren. Mook E.: Was ist also der Unterschied zwischen Dir und dem Siedler in Hebron? Ihr seid das Gleiche! Tamer: Der Siedler will den Staat für sich, nur für die Juden. In meinem Staat kann jeder leben, Araber und Juden. Mook E.: Interessant, dieses Israel. Ein Staat aller Bürger. Tamer: Das hoffe ich. Mook E.: Aber das passiert nicht. Das ist wie Weltfrieden, den wird’s auch nie geben. Das wird nie eintreten. Tamer: Du sagst, der Staat Israel ist eine Befreiung. Für mich ist er eine Okkupation. Mook E.: Das jüdische Volk kam hierher, weil es in aller Welt abgeschlachtet wurde. Und 1948 haben die Araber verloren. Ihr habt verloren! Tamer: Noch nicht! Mook E.: Der Staat Israel soll nur eine Episode bleiben? Ich als Sieger des Krieges lade doch nicht die Verlierer, die Vertriebenen, wieder ins Land ein. Tamer: Die Juden wurden, gerade hier in Deutschland… Mook E.: …in ganz Europa… Tamer: …abgeschlachtet. Aber auch wir Palästinenser werden geschlachtet. Ich denke nicht, dass das ein Vorwand für die Vertreibung der Araber ist. Mook E.: Niemand soll den Juden etwas schenken! Auch meine Vorfahren lebten in Lod! Wer lebte hier vorher? Tamer: Du hast nicht das Recht, mit der Geschichte zu argumentieren. Du musst den Menschen heute sehen! Sieh die Alten, die 1948 vertrieben wurden. Sie sterben mit dem Schlüssel ihres Hauses in der Hand. Mook E.: Krieg ist eine schlimme Sache. Aber deswegen werden die Vertriebenen noch lange nicht zurückkehren dürfen. Tamer: Die Juden sind in Israel. Sie sind als Gruppe schon gefestigt. Sie sollen endlich mit dieser Paranoia aufhören. Sie werden nicht ins Meer geworfen! In Wirklichkeit werden die Palästinenser ins Meer geworfen. Es gibt heute keine Gefahr für Juden in Israel. Mook E.: Damit bin ich nicht einverstanden! Jeden Tag gibt es ein Bombenattentat. Jeden Tag! Es ist nie genug. Das ist ein Trauma. Jede Attacke erinnert uns daran, dass Ihr uns ins Meer werfen wollt. Das ist keine Lüge. Mit jedem Attentat werden wir noch mehr zusammenwachsen als zuvor. Du kannst die Rückkehr der Vertriebenen nicht einfordern. Tamer: Wenn wir den Schmerz messen,… Mook E.: ...man kann Schmerz nicht messen! Tamer: Man kann! Wenn wir den Schmerz messen, dann ist es offensichtlich. Wir Palästinenser schreien auch im Alltag. Die Israelis sind nicht die Opfer, sondern Eroberer. Opfer sind die Palästinenser. Mook E.: Die jüdische Mutter mit dem Kind hat jeden Tag Angst! Sie ist das Opfer. Tamer: Auch die palästinensische Mutter hat diese Angst. Mook E.: Es war Krieg. Krieg ist etwas Schreckliches. Tamer: In Lod sieht man noch heute das Blut vom 1948er-Krieg an den Mauerwänden. Wo gibt es denn bei diesen verschiedenen Vorstellungen noch Gemeinsamkeiten zwischen Euch? Tamer: Alle wollen in Frieden leben, irgendwie. Mook E.: Ja. Tamer: Gleichheit ist ein Schritt zum Frieden. Mook E.: Wir meinen das Gleiche. Tamer: Gleichheit, Zusammenleben. Es geht mir um die Flagge und die Hymne. Die müssen geändert werden. Ich will einen Staat für alle Bürger. Mook E.: Wie kannst Du also die Kampagne gegen den Zivildienst unterstützen und dann Deine Staatsbürgerschaft fordern? Tamer: Ihr müsst einen Schritt in unsere Richtung machen, dann machen wir einen Schritt in Eure. Was soll ich machen, wenn ich an den Wänden meiner Stadt Plakate mit der Aufschrift «Judaisierung von Lod» lese?! Unsere Kinder sind in Gefahr. Mook E.: Ich glaube von ganzem Herzen, dass wir zusammen leben können. Es wird irgendwie erträglich werden. Tamer: Tttt…Was für ein Optimismus! Mook E.: Die fehlende Achtung vor dem Menschen ist das Problem, aber der Konflikt ist nur ein Teil davon. Es gibt noch viele Probleme. Tamer: Das meinte ich auch nicht. Wir achten uns. Wir hören uns zu, schweigen, wenn der andere redet. Aber wir stehen immer noch an den gegenüberliegenden Ufern des Flusses. Zwischen uns gibt es grundsätzlich verschiedene Meinungen Mook E.: Ich bleibe Optimist. Musik allein ist schon Optimismus. Tamer: Musik heißt, immer weiter zu arbeiten! Mook E.: Amen!
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