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Alarm: Schwimmen auf eigene Gefahr!Israels Gewässer sind hochgradig verseucht, so die Umweltschutzorganisation «Zalul»
Es ist Hochsommer und die Temperaturen klettern auf über dreißig Grad. Die Kinder haben Ferien und keiner will zu Hause in der Wohnung hocken. Klar doch, dass es jeden Israeli dann an einen der zahlreichen Strände des Landes zieht. Aber Vorsicht! Das Schwimmen kann unangenehme Folgen haben. Denn das Meer ist an vielen Stellen akut verseucht. So jedenfalls steht es im aktuellen «State of the Sea Report», einem Bericht über die Qualität des Wassers entlang der 190 Kilometer langen israelischen Küste, der von der Umweltorganisation «Zalul» (zu Deutsch: klar, durchsichtig) jedes Jahr veröffentlicht wird. An sieben Strandbereichen sollte man es sich lieber zweimal überlegen, ob eine Abkühlung im Meer wirklich eine gute Idee ist. «Die gefährlichen Zonen sind: Naharyia, die Bucht von Akko, die Bucht von Haifa, Herzelya, die Region Tel Aviv, der Palmachim-Küstenabschnitt und Aschdod», heißt es in dem Report. Viele Strände, an denen es sich unbedenklich schwimmen ließe, gibt es offensichtlich nicht mehr. Die Ursachen: Allein im Jahr 2006 flossen 140 Tonnen Schwermetalle, 1.300 Tonnen toxische Ammoniake und über 130 Tonnen Pestizide sowie mehrere zehntausend Tonnen sonstiger organischer Abfälle in das Mittelmeer. Alles mit ausdrücklicher Erlaubnis der Behörden! «Über einhundert Genehmigungen für das Einleiten von Abwässern wurden von dem entsprechenden interministeriellen Komitee und dem Umweltministerium jedes Jahr erteilt, manche davon bedenklich nahe an Badestränden», heißt es weiter in dem Bericht. Seitenweise werden darin die giftigen Substanzen genannt, die in das Meer fließen, sowie die Verursacher namentlich aufgelistet. Das Ganze liest sich wie ein Chemielehrbuch. Und genau darin liegt die Brisanz des Reports. Denn bis dato hat es das für die Genehmigungen zuständige interministerielle Komitee nicht für nötig befunden, die Öffentlichkeit über die Arten und Gefahren der in das Wasser abgeleiteten Abfälle aufzuklären. Diese Aufgabe übernimmt dafür jetzt «Zalul» mit seinem über fünfzig Seiten langen Report. Zwar sind die Israelis nicht gerade die Weltmeister, wenn es um Umweltbewusstsein geht, doch beim Thema Wasserqualität werden sogar sie hellhörig. «Selbst wenn die Umweltprobleme unüberwindbar scheinen, können wir durch globales Denken und lokales Handeln eine starke Kraft der Veränderung sein», bemerkt «Zalul»-Chef Yariv Abramovich. Zuständige Behörden erteilen munter Genehmigungen und offizielle Grenzwerte und Richtlinien scheinen offensichtlich eher einen fiktionalen Charakter zu haben. Nicht nur die regelmäßigen Sperrungen diverser Strände - weil die Verseuchung des Wassers bedenkliche Ausmaße angenommen hat - beunruhigen die Öffentlichkeit. Es war ein tragischer Unfall, der vielen Israelis die Augen öffnete und die wahre Bedeutung des Begriffs «Wasserverschmutzung» näher brachte: Während der Maccabi-Spiele im Sommer 1997 stürzte eine Brücke über den Yarkon-Fluss im Norden Tel Avivs ein. Vier Teilnehmer des australischen Maccabi-Teams starben, sechzig wurden verletzt. Die Opfer sind nicht einfach nur ertrunken, sondern starben auch an Vergiftungen, weil sie mit dem Wasser des hochgradig verseuchten Flusses in Berührung gekommen waren. Und plötzlich war es ein Thema, dass sowohl von den sechzehn israelischen Flüssen, die in das Mittelmeer fließen, als auch unter den fünfundzwanzig Flüssen, die in dem Jordan oder dem See Genezareth münden, nicht ein einziger sauber genug ist, um darin ohne Gesundheitsrisiko schwimmen zu können. «Israel funktioniert nur nach den Kriterien des Krisenmanagements», merkt dazu Ra‘anan Boral von der «Gesellschaft zum Schutz der Natur in Israel» an. «Solange kein Notfall auftritt, werden alle Probleme sauber ignoriert. Und diejenigen, die ernannt wurden, um Probleme zu lösen, verursachen oft neue.» Beiden Umweltorganisationen geht alles entschieden zu langsam. «Es gibt entsprechende Gesetze», so Abramovich. «Nur kümmert sich die Regierung nicht darum, dass sie auch zur Anwendung kommen.» Allein öffentlicher Druck scheint die Verantwortlichen zum Handeln zu motivieren. Exemplarisch nennt Abramovich die Anlagen von Shafdan, der Wiederaufbereitungs- und Entsorgungsfirma für die Abwässer der rund zwei Millionen Bewohner der Dan Region im Zentrum des Landes. Über zwanzig Jahre lang durfte Shafdan seinen Klärschlamm über eine fünf Kilometer ins Meer reichende Leitung vor den Palmachim-Stränden munter ins Meer pumpen, bis das Umweltministerium dieser Vorgehensweise im September 2004 einen Riegel vorschob. Dies geschah nicht aus besserer Kenntnis der Fakten oder einem neuen Umweltbewußtsein, sondern erst, nachdem Organisationen wie «Zalul» und «Greenpeace» monatelang eine Kampagne gefahren hatten, um auf diesen Skandal aufmerksam zu machen. Das Fass zum Überlaufen brachte letztendlich dann ein Prozess vor den Gerichten des Landes, weil Shafdan «aus Versehen» im Januar 2003 rund drei Millionen Kubikmeter Abwässer genau vor Tel Aviv ungeklärt ins Mittelmeer fließen ließ, als das Leitungssystem mal wieder repariert wurde. Die Entscheidung vom September 2004 ist zwar ein Schritt in die richtige Richtung, aber kein Grund zur Entwarnung. Zuletzt gab es im Juli 2007 wieder einen der üblichen Störfälle: Ein Riss war in einer der Abwasserpipelines von Shafdan entdeckt worden. Erneut bestand die Gefahr, dass Millionen von Kubikmetern ungeklärter Abwässer die Küste vor Tel Aviv verseuchen würden. Beispiele dafür, dass etwas in Bewegung kommt, wenn die Öffentlichkeit nur ordentlich Druck macht, kennt Abramovich einige. Demonstrationen, finanzielle Hilfen durch Spenden und der Einsatz von Freiwilligen - all das brachte eine deutliche Verbesserung der Wasserqualität des Na'aman Flusses nahe Akko sowie des Alexander Flusses in der Scharon Region. Fische und andere Tiere siedelten sich wieder an, im Falle des Alexander Flusses sorgte die Rückkehr einer beinahe ausgestorbenen Süßwasserschildkrötenart für Aufsehen. Und im Jahr 2003 erhielt das ebenfalls vom «Jüdischen Nationalfonds» gesponserte Projekt «Alexander Fluss Sanierung» den «Thiess International River Prize», eine prestigeträchtige Auszeichnung, die jedes Jahr in Australien vergeben wird. Doch das wird nichts an der Tatsache ändern, dass es wohl auch im kommenden Jahr einen «State of the Sea Report» geben wird, der wenig Gutes zu verkünden hat. |