Hintergrund

Schock mit Ansage

 

Weiße Kraft: Tätowierter Unterarm Foto: dpa

Der Schock sitzt tief, noch immer. Die erschreckenden Medienberichte über aktive Neo-Nazi-Gruppen in Israel haben ihre Wirkung unter der Bevölkerung nicht verfehlt. Vor wenigen Wochen erst veröffentlichten israelische Medien Videos, auf denen eine Gruppe von acht Männern zu sehen ist: sie zeigen den Hitler-Gruß und verprügeln ein Opfer in der U-Bahn. Dieses Thema wurde von der Öffentlichkeit in Israel allerdings lange unter den Teppich gekehrt. Denn so überraschend auf der einen Seite diese Berichte und Videos für viele Menschen in Israel und weltweit waren, so sind rechtsextreme Taten vereinzelter kleiner Banden für einige Behörden in Israel schon seit geraumer Zeit ein Teil ihrer Strafverfolgungsarbeit.

So fahndet die Polizei seit über einem Jahr nach einem Phänomen, das viele Israelis für undenkbar gehalten haben: Nazis im jüdischen Staat. «Mein ganzes Leben lang fühlte ich mich ausgestoßen», lässt der Anführer der Gruppe, «Eli der Nazi» alias Arik Elijahu Bonjatow, über seinen Anwalt der Presse erklären. «Alle betrachteten mich als fremden und stinkenden Neueinwanderer. In der neunten Klasse flog ich aus der Schule und auch das Militär wollte mich nicht.» Doch die lange Liste der bekannten Anschuldigungen leugnete er.

Diese jungen Neo-Nazis, Einwanderer aus Russland oder aus der Ukraine, hatten sich nachts mit Vodka betrunken und dann am Tel Aviver Busbahnhof asiatische Gastarbeiter, Dogensüchtige und Obdachlose verprügelt. Die Gewalttaten hatten sie gefilmt, wie die Polizei nach einer Durchsuchung ihrer Computer mitteilte. Hasserfüllt waren sie auch gegen fromme Juden vorgegangen.

Die breite Öffentlichkeit erfuhr erstmals schon vor einem Jahr von der Existenz der Neo-Nazis, nachdem die große Synagoge von Petach Tikwa mit Hakenkreuzen beschmiert worden war. Die Torarollen lagen zerrissen und entweiht auf dem Boden. Diese Neo-Nazis scheinen ein hausgemachtes Produkt aus Israel zu sein, auch wenn sie die Symbole und Ideen von «Freunden» in Russland erhalten haben. Denn nach der Verhaftung der Gruppe aus Petach Tikwa wurden Hakenkreuze an einer Synagoge im fernen Eilat entdeckt. Russische Jugendliche machten sich dort einen Spaß daraus, am Sabbat vor der Synagoge zu rauchen und den Synagogendiener zu verprügeln.

Nach Angaben des israelischen Innenministeriums sind angeblich 54 Prozent der Einwanderer im letzten Jahrzehnt keine Juden. Seit Jahresbeginn seien es gar 60 Prozent. Obwohl über 300.000 Bürger Israels in keine der traditionellen ethnischen oder religiösen «Schubladen» passen und vom statistischen Amt unter der Rubrik «Andere» geführt werden, wollen sich die meisten nichtjüdischen Neueinwanderer in die Gesellschaft integrieren.

Ulrich W. Sahm

«Jüdische Zeitung», Oktober 2007