Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Blühendes Leben in der EisenzeitGrößtes europäisches Grabungsprojekt entdeckt Stadtkultur im alten Kinneret
Siebzig Studierende und junge Wissenschaftler kratzen und graben vorsichtig in Sand und Ruinen des alten Kanaan. Aus 14 Ländern sind sie im heißen August an das Nordwestufer des Jam Kinneret, des «Harfenmeeres» in Israel gekommen. Die Christen unter ihnen kennen die nahe gelegenen Orte Magdala und Kapernaum, wo Jesus seine Anhänger und Freunde fand. Das größte europäische Grabungsprojekt in Nordisrael versucht aber tiefer in die Vergangenheit vorzudringen: Seit dem Jahr 2003 untersuchen Grabungsteams der Universitäten Mainz, Helsinki, Bern und Leiden gemeinsam den Tel Kinrot, die Spuren des biblischen Ortes Kinneret, der im Buch Josua dem Stamm Naftali zugedacht war. Bis Ende April konnten sich Freiwillige in diesem Jahr für neue Ausgrabungen auf dem etwa 10 Kilometer nördlich der See-Stadt Tiberias gelegenen Hügel bewerben. Wer sich - trotz Trockenheit und Hitze - beteiligen wollte, wurde keinesfalls mit offenen Armen empfangen. Die Anreise musste jeder selbst besorgen, dazu wurde Studierenden für die vierwöchige Mitarbeit ein Eintrittsgeld von 675 Euro abverlangt, Berufstätigen die doppelte Summe. Abenteuerurlaub mit Buddeln am See war also ausgeschlossen. Nur wer sich schon bei früheren Einsätzen bewährt hatte, konnte mit Preisnachlass rechnen.
Den archäologischen Helfern des «Kinneret Regional Project» ist es in diesem Sommer gelungen, für die erste Eisenzeit (1150 bis 950 vor der Zeitwende) ein höchst differenziertes Leben der antiken Bewohner nachzuweisen. Nach Erkenntnissen der deutschen, finnischen, schweizerischen und niederländischen Forscher unterscheidet es sich, wie der Informationsdienst Wissenschaft (idw) meldet, weitgehend von den sonstigen Ortslagen im Land: «Bislang galt diese Epoche als eine Zeit des Niedergangs. Alle großen Städte des Landes wurden um 1200/1175 v.d.Z. aufgegeben und verlassen. Der Grund hierfür war vor allem der Zusammenbruch des internationalen Handels, der in dem relativen armen Gebiet der südlichen Levante vorher zu einem gewissen Wohlstand geführt hatte».
Expertenstreit über Den Hintergrund der Spurensuche in Tel Kinrot bildet die Landnahme der Israeliten, die nach den Texten der Tora von Moses aus Ägypten in das dem Stammvater Abraham verheißene Land geführt wurden. Kinneret zählt im 19. Kapitel des Buch Josua zu den «festen Städten» im Westjordanland, die an den Stamm Naftali fielen. Der Hügel am See wurde schon zu Beginn der 20er-Jahre des letzten Jahrhunderts als Kinneret identifiziert. Der Archäologe William F. Albright hatte damals ein Modell entwickelt, das die Ansiedlung der Israeliten weitgehend als Eroberung interpretierte, die aber nur für wenige Städte, etwa Jericho und Hazor, biblisch beschrieben ist. Andere archäologische Theorien gehen demgegenüber eher von langsamer Einwanderung und Durchdringung («Penetration») des Landes Kanaan aus, wieder andere erklären die Herausbildung des frühen Israel durch eine Revolte der Eingewanderten. Die Wissenschaftler des «Kinneret Regional Project» verweisen darauf, dass in Kanaan während der Eisenzeit im 12. Jh. v.d.Z. an Stelle der Großstädte wie Hazor und Lachisch kleine Dörfer im Bergland gegründet wurden, die landwirtschaftlich orientiert waren und sich weitgehend selbst versorgten. Sie bildeten offenbar einen Kern des späteren Staates Israel, der dann von den Königen David und Salomo im zehnten vorchristlichen Jahrhundert aufgebaut wurde. Bäckerei «Angesichts der allgemeinen Fundsituation im ganzen Land stellen unsere Befunde eine kleine Sensation dar», meint Stefan Münger, der als wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts für Bibelwissenschaft der Universität Bern das Grabungsprojekt von Tel Kinrot leitet. «Wir werden in diesem Jahr unsere Arbeiten an den früheisenzeitlichen Schichten abschließen und können eine sehr entwickelte Stadt in dieser Epoche nachweisen.» Insgesamt wurden inzwischen zwei großflächige Felder mit je etwa 1.000 Quadratmeter Fläche freigelegt, die einen außergewöhnlich anschaulichen Einblick in das alltägliche Leben der Stadt zur Zeit der Richter und der ersten Könige Israels und Judas bieten. «Einen Gebäudekomplex interpretieren wir als Bäckerei, denn wir haben dort allein drei Backöfen, Mühlsteine zur Getreideverarbeitung und vermutlich Getreidereste gefunden», ergänzt Münger. Er schätzt, dass auf dem Hügel am See etwa 2.500 Menschen lebten. Die Straßen waren so angelegt, dass Regenwasser zum See abfloss. Eine gewaltige Mauer von stellenweise mehr als zwölf Metern Stärke machte den Ort fast uneinnehmbar. Viel deutet darauf hin, dass er eine wichtige Rolle unter den sich seit der Bronzezeit herausbildenden aramäischen Staaten einnahm und damals nicht von Israeliten beherrscht war. Scherben-Funde geben Hinweise auf Handelsbeziehungen mit Phönizien und Syrien oder gar - übers Meer - nach Zypern und Ägypten, das bis ins 13. Jahrhundert die Kontrolle über Syrien und Palästina hatte. Tatsächlich führte seit der Bronzezeit eine alte Handelsroute von Ägypten nach Syrien am heutigen See von Tiberias vorbei. Quellen machen den Landstrich seit jeher fruchtbar. Neben der Ausgrabungsstätte arbeitet auf dem Hügel von Tel Kinrot heute die israelische Wassergesellschaft Mekorot, der nahe See ist das bedeutendste Süßwasserreservoir des Nahen Ostens.
Pläne für Landschaftsarchäologie Das jetzt sichtbar werdende alte Kinneret wurde durch eine Naturkatastrophe für die Archäologen zur Fundgrube: «Wir haben das große Glück, dass die Stadt durch ein Erdbeben und ein damit verbundenes Feuer völlig zerstört wurde und so das tägliche Leben in der Eisenzeit I bestens konserviert ist», ergänzt der Finne Juha Pakkala, ebenfalls Grabungsleiter auf diesem Siedlungshügel. «Es gibt wohl kaum einen anderen Ort, an dem man dies so gut rekonstruieren kann wie hier. Wir sind hier in einer Zeit, in der man kaum auf Schriftfunde hoffen kann. Daher müssen wir den Alltag der Menschen allein anhand der Funde und Befunde rekonstruieren.» Die Zerstörung der Stadt wird von den Experten auf das 10. v.d.Z. datiert. Danach sei sie für mehr als hundert Jahre verlassen gewesen. Das «Kinneret Regional Project» will seine Untersuchungen auf dem Siedlungshügel, aber auch in der Umgebung noch mehrere Jahre weiterführen, um die Kulturgeschichte der Region am Nordwestufer des See Gennesarets besser verstehen zu können, erklärt die Universität Mainz als deutsche Beteiligte. Hierzu gehören auch landschaftsarchäologische Untersuchungen unter Verantwortung von Prof. Dr. Wolfgang Zwickel, die die Großregion um den See herum besser einordnen wollen. Neben den europäischen Partnern kooperieren beim «Kinneret Regional Project» auch das Zinman Institute of Archaeology, die Israel Nature and Parks Authority, die Universität Haifa, das Weizman Institute und die Israel Antiquities Authority. |