Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Rund ums RadNicht nur die Umwelt profitiert in Israel vom Fahrrad-Boom
Eigentlich sollte es ein Tag der Einkehr, des Fastens und des Gebets sein. Aber zum Versöhnungstag Jom Kippur, dem heiligsten Datum des jüdischen Kalenders, wird der monotone Gesang aus den Synagogen in Tel Aviv meist von fröhlichem Kindergeschrei übertönt. Den Knirpsen ist es gelungen, aus den strengen Glaubensgesetzen Vorteile zu ziehen. Mit Hilfe der einengenden Verbote der Rabbiner errichten sie in Israel für einen Tag den größten Spielplatz der Welt. Denn zu Jom Kippur halten sich selbst die mehrheitlich weltlichen Erwachsenen an die Vorschrift, ihr Auto stehen zu lassen. In den Augen der Umweltschützer erscheint Israel an diesem Tag wie das verheißene Land. Statt Kraftfahrzeugen füllen gemütlich spazierende Pärchen und Kinderwagen die Straßen, falls sie nicht - mal lachend, mal fluchend - den Kindern ausweichen müssen, die dicht wie Heuschreckenschwärme von Nord bis Süd auf ihren Rädern wild klingelnd durch das ganze Land rasen. Zu Jom Kippur werden Autobahnen zu Fahrradwegen und Landstraßen zu Radrennstrecken. Mit diesem ur-israelischen Brauch, der ursprünglich mit Judentum so viel zu tun hat wie Schinkenräuchern, legten die radelnden Freizeitler den Grundstein für einen umfassenden Trend: Israel wird zur Fahrradnation. Für Geschäftsmänner sind die Verkaufszahlen ein Traum. Fahrradhändler verbuchen seit acht Jahren Zuwachsraten von mehr als 20%. Kaum eine Straße in Tel Aviv, in der nicht ein Fahrradgeschäft seine Tore geöffnet hat. Längst ist die Begeisterung nicht nur auf die hohen Feiertage um Jom Kippur begrenzt, wenn Eltern ihre Räder entstauben um ihren Nachwuchs adäquat zu überwachen. Laut Umfragen können 80% der Bevölkerung Rad fahren, 42% der Kinder tun es mindestens einmal pro Woche. Aus dem einmaligen Jahresereignis ist ein ganzjährige Volksbewegung geworden: «Etwa 200.000 Israelis radeln am Wochenende durch die Berge Israels», schätzt Alex Kaplan, Sprecher der israelischen Fahrradvereins. Hinzu gesellen sich etwa 30.000 Biker, die auf Landstraßen in die Pedale treten. Während der Woche nutzen immerhin rund 60.000 Menschen das Verkehrsmittel auf täglicher Basis. Nach Jahren überheblicher Ignoranz hat die Regierung nun endlich die zahlreichen Vorteile des muskelbetriebenen Zweirads erkannt. Es ist nicht nur für den Radfahrer gesund, dessen Ausgaben für Medikamente und Behandlungen Dank gesteigerter Fitness sinken. Auch die Umwelt profitiert erheblich von mehr Fahrradfahrern. In einem Land, in dem Abgasuntersuchungen nur lax durchgeführt werden, erinnern die dunklen Abgase der Auspuffe abenteuerlicher Fahrzeuge nicht selten an die biblische Wolkensäule, die die Kinder Israel durch die Wüste geführt haben soll. Jeder, der die Straßencafés Tel Avivs besucht hat, weiß, dass der Straßenverkehr dem israelischen Kaffe einen besonderen Geschmack verleiht, kann man doch keinen Espresso genießen ohne zugleich das süßliche Aroma von Dieselabgasen mitzuschmecken. So darf es nicht überraschen, dass allein im Großraum Tel Aviv jedes Jahr rund 1100 Menschen an Luftverschmutzung sterben. Das soll jetzt ein Ende haben. Nachdem der Bürgermeister von Paris mit dem kostengünstigen Fahrradverleih weltweit Furore machte, will die Stadt Tel Aviv nachziehen. Bis nächstes Jahr sollen in der heißen Küstenstadt, die in den letzten Jahren bereits mehr als 74 Kilometer Radwege angelegt hat, rund 2500 Mieträder aufgestellt werden, die an 25 Stationen zu einem symbolischen Preis gemietet werden können. Je nach Erfolg will man das Pilotprojekt weiter ausdehnen. Doch es gibt noch mehr gute Gründe dafür, dass Israel neuerdings aufs Rad setzt. Im Tourismusministerium hat man das immense wirtschaftliche Potential erkannt, dass sich hinter einer fahrradfreundlicheren Politik verbirgt. Fahrradwege lohnen sich, weil sich gerade der gehobene Mittelstand diesem Hobby verschreibt. «Man braucht genügend Freizeit und Geld, um ernsthaft Radfahren zu können», erklärt Kaplan. Facharbeiter, denen ein Auto vom Arbeitsplatz gestellt werde, nutzen das kostenlose Benzin, um mit ihren Drahteseln im Kofferraum am Wochenende ins Grüne zu fahren, um dort loszustrampeln. Aber den Ökonomen geht es um ausländische Devisen. Angesichts des steigenden Umweltbewusstseins ist der Ökotourismus das am schnellsten wachsende und eintragsreichste Segment der internationalen Tourismusbranche. Während der klassische Strandtourismus seinen Zenith bereits überschritten hat, verdreifacht sich laut manchen Schätzungen die Zahl der grünen Touristen jedes Jahr. Ein Urlaub auf dem Drahtesel kann als umweltfreundlicher «sanfter Abenteuerurlaub», «Erlebnisurlaub» oder «Aktivreise» auch jenseits des klassischen Marktes der biblisch angehauchten Israelreisen vermarktet werden. Die Klientel, die inzwischen bereit ist, um die halbe Welt zu reisen, um neue Fahrradwege zu erkunden, soll nun nach Israel gelockt werden. Vor dem vorzeitlich anmutenden Hintergrund Galiläas wurden im August die ersten 6,5 Kilometer eines neuen Radweges eingeweiht, der bis Ende 2008 den See Genezareth umrunden soll. Insgesamt 114 Kilometer lang soll das erste speziell für Radfahrer entworfene Projekt werden, bei dem die Hotelvereinigung, Landkreise und Regierung an einem Strang zogen. Ihnen geht es hauptsächlich um die begleitende Infrastruktur von Herbergen, Hotels, Restaurants, touristischen Attraktionen und Geschäften, die von der erhofften Welle von Bike-Freaks frequentiert werden sollen. Mögliches Motto: «Jesus ging über den See, sie können drum herum radeln». Der Boom soll nicht auf den Norden Israels begrenzt bleiben. Bis 2010 plant die Regierung, einen auf internationalen Standards basierenden «Trans-Israel»-Radweg zu errichten, auf dem man auf rund 1000 Kilometern in 10 bis 30 Tagesettappen vom Berg Hermon an der Nordspitze des Landes bis zum Roten Meer im Süden radeln kann. Wer nicht bis dahin warten will, dem hat das Land schon heute viel zu bieten. Der Jüdische Nationalfonds (KKL), der für die Aufforstung Israels verantwortlich ist, habe in den Wäldern Israels schon tausende Kilometer Radwege eingerichtet, begeistert sich Kaplan. Er lobt die neue Kooperation mit der Regierung in höchsten Tönen. Um dies bewerkstelligen zu können, eröffnete der KKL diese Woche in Zusammenarbeit mit dem israelischen Fahrradverein einen Kurs für international approbierte Radwegbauer. So hofft man in Jerusalem, Israel bald in das Reiseziel einer ganz neuen Zielgruppe zu verwandeln. Vielleicht gehören die Straßen des Landes den Autos dann in Zukunft nur noch für einen Tag im Jahr. |