Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Israel im FadenkreuzZwei amerikanische Universitätsprofessoren lösen in Israel heftige Kontroversen aus
Gerald M. Steinberg ist Dekan und leitender Direktor am Fachbereich Politikwissenschaften der Bar Ilan-Universität Ramat Gan in Israel. Er ist Experte für die Beziehungen zwischen der US-Außenpolitik und dem Nahen Osten. Die «Jüdische Zeitung» sprach mit dem international renommierten Wissenschaftler über das strittige Buch «Die Israel-Lobby - Wie die amerikanische Außenpolitik beeinflusst wird» der zwei amerikanischen Politikwissenschaftler John J. Mearsheimer und Stephen M. Walt. Die beiden Autoren zeigen, nach Auskunft ihres Verlages, dass sich die «materielle und diplomatische Unterstützung Israels durch die USA» nicht allein «aus strategischen und moralischen Gründen erklären lässt, sondern auf den großen Einfluss der Israel-Lobby zurückzuführen ist - einem losen, informellen Netzwerk pro-israelischer Individuen und Gruppen», wobei die Lobby angeblich «systematisch und erfolgreich israel-kritische Stimmen» unterbinde. Diese Lobby «bewege die USA zu Maßnahmen, die sie außenpolitisch isolieren würden». Herr Professor Steinberg, wie bewerten Sie die politische und wissenschaftliche Ausgangsposition von «Die Israel-Lobby»? Die Professoren Mearsheimer und Walt tragen eine sogenannte «politisch korrekte» Sichtweise vor wie wir sie auch bei vielen europäischen Intellektuellen antreffen. Nämlich, dass eine Verschwörung, bekannt auch als die israelische Lobby, dafür verantwortlich sei, die amerikanische Außenpolitik zu manipulieren. Und eben dieser Einfluss auf die Politik soll angeblich die ureigenen Interessen Amerikas schwächen, insbesondere im Irak und hinsichtlich der arabischen Länder allgemein. Auch die Interessen Europas solle Israel zu Ungunsten Europas beeinträchtigen. Die Menschen mit solcher Sichtweise sind gewissermaßen Realisten in dem Sinne, dass sie eine ziemlich extreme Version von Realpolitik befördern, mit unangemessenen moralischen Grundlagen und Normen im Gepäck. Sie glauben, dass die USA wie auch andere Nationen sich gefälligst mehr um ihre eigenen Machtinteressen kümmern sollten, zum eigenen Nutzen natürlich. Die USA sollten, ginge es nach Mearsheimer und Walt, den anderen Demokratien helfen, die ebenfalls durch Israel bedroht würden. Solche Meinungsverbreiter nenne ich «primitive Realisten» - Vertreter einer im übrigen höchst simplen und unethischen Form einer politischen Gesellschaft. Deren Verschwörungstheorien über jüdische Manipulation «Washingtons» ist mit den «Protokollen der Weisen von Zion» vergleichbar, allerdings als eine moderne Variante davon. Das schließt die typische Herausstellung von «Israel» oder «Israel-Lobby» und anderen Gruppen wie etwa «AIPAC» ein, die demgemäß dann munter verdammt werden. Gleichfalls wird aber der machtvolle Einfluss der «Saudi-Lobby» und der vielen anderen relevanten Gruppierungen ignoriert, welche die Substanz der politischen Basis in den USA unterstützen. Es wird stets der alte Mythos wiederholt, aus dem hervorgehe, dass Israel für das Leid insbesondere der Palästinenser komplett verantwortlich sei. Israel wird ebenfalls dafür schuldig gesprochen, die Geschichte der Gewalt und Ausgrenzung umzuschreiben, zu ihren Gunsten angeblich und zwar schon für die Zeit vor 1967, für die Zeit der «Besetzung». Das Buch der beiden Professoren, wie auch der frühere essayistische Vorläufer des Buches, ist eher «pseudo-wissenschaftlich» zu nennen. Es steckt voller Mythen und falscher Argumentationen. So etwas ist keine Wissenschaft, sondern eine einzige Polemik gegen Israel. Es kleidet sich nur im Gewand der Wissenschaft. Inwieweit sehen Sie die Gefahr, dass dieses Buch offene Türen etwa in Deutschland eintritt aufseiten derer, die mit diesem Buch ein schlagkräftiges Argument von Übersee in die Hände bekommen, um jetzt erst recht die alten Vorurteile zu bedienen, dass Juden und Israel die finanzielle und politische Weltherrschaft übernehmen wollten? Mearsheimer und Walt müssen in Europa, Deutschland eingeschlossen, gar nicht erst «offene Türen eintreten». Solche «Türen» stehen schon seit langem weit offen bei denjenigen, die nur darauf warten, solche Anti-Israel-Theorien in die Finger zu bekommen. Schon besagter Essay der zwei Professoren, der zunächst in der berühmten Buchsparte der «London Review of Books» veröffentlicht wurde, vertrat eine gleiche anti-israelische Position. Weiters ist in Europa folgendes Gebahren sehr virulent: die Förderung von Boykotten und Aufhetzung gegen Israel an europäischen Universitäten, pro-palästinensische und pro-Hamas-Demonstrationen, die Denunzierung überhaupt Israels und der Gebrauch von Begriffen wie «Apartheid» und «Rassisten», mit denen Israel gemeint ist. Damit soll dann Israel bloßgestellt und attackiert werden als eine grundsätzlich böse Nation, die zu dominant in Europa sei. Solche Grundhaltungen kursieren, während gleichzeitig in den USA durch so namhafte Politik-Persönlichkeiten wie den ehemaligen US-Außenminister George Schultz sowie durch viele andere, auch durch bekannte Zeitungskolumnisten der amerikanischen «Linken», Kritik laut wird. Aber in Europa wird diesbezüglich nur sehr wenig Kritik an Vertretern der Gattung «Mearsheimer und Walt» geäußert. Warum, glauben Sie, spitzten die beiden Buchautoren die Perspektive so sehr darauf zu, dass Israel angeblich die politischen und wirtschaftlichen Infrastrukturen anderer Länder attackiert? Dahinter verbirgt sich die sogenannte «Durban-Strategie». Damit ist der Missbrauch von zwar «korrekten» Sprachformen gemeint, deren Habitus und deren Duktus, die dennoch Israel verurteilen, nämlich inhaltlich. Israel wird dafür verurteilt, sich gegen Terror zu verteidigen. Solcherart Verhaltensmuster leisteten sich in 2001 auf dem «Forum» der «Non-Governmental Organizations» (NGO) - also dem Forum der Nichtregierungsorganisationen - die damaligen Referenten aus aller Welt, im Rahmen einer UN-Konferenz in der südafrikanischen Stadt Durban. Ebenfalls liegt es geradezu im Herzen einiger europäischer Argumentionsverfahren und Denunziationen gegen Israel, immer wieder Begriffe wie etwa «Kriegsspirale», «ethnische Säuberungen» und «Apartheid» zu gebrauchen. Darin steckt quasi die «Seele» jeder anti-israelischen Kampagne. Und eben diese «Seele» - diese Schablonen - eines nur scheinbar sprachlich und politisch «korrekten» Deckmantels übernehmen Mearsheimer und Walt ohne irgendeine wissenschaftlich profunde, unabhängige Analyse vorzunehmen. Viele ihrer Ziele im Buch und die Lösungsvorschläge darin basieren von daher auf falschen Darstellungen, samt der entsprechenden Darstellungsform wie es auch die NGO-Bewegung nicht müde wird zu praktizieren. Bei einem Begriff wie «Lobby» wird so getan, als sei es politisch völlig korrekt ihn zu verwenden, wann immer er zu passen scheint. Das ist eine gefährliche Strategie, solange da nicht öffentlich widersprochen wird. Wenn Sie etwas spekulieren: Warum veröffentlichen Mearsheimer und Walt ihr Buch gerade jetzt? Um das kollektive Irak-Trauma der USA aufzupeppen. Dieses Thema ist immer noch brisant. Sie argumentieren, dass der Irak-Krieg den USA geschadet habe. Und dafür benötigt man den Schuldesel: der ist Israel. Sie kritisieren kaum die Unfähigkeit der USA-Führung im Irak-Krieg. Glauben Sie, dass die US-Außenpolitik im Zuge solcher Israel-Lobby-Konstruktionen à la Mearsheimer und Walt in Zukunft verstärkt in eine anti-israelische Richtung getrieben wird? Es ist zu früh, zu sagen, ob diese Entwicklung sich verschärft. Aber es sieht so aus. Die pro-israelische US-Außenpolitik besteht seit 60 Jahren und basiert darauf, demokratische Werte, Frieden und andere moralische Faktoren miteinander zu teilen. Der frühere US-Präsident Jimmy Carter gebrauchte auch den Begriff «Apartheid», aber ohne den Hintergrund, damit die amerikanische Unterstützung Israels zu beeinträchtigen. Aber ich sehe die Gefahr, dass Mearsheimers und Walts Sichtweise - nämlich Israel als eine böse «Lobby» hervorzuheben - auch den europäischen Hass und Antisemitismus in die amerikanischen Universitäten tragen wird. Andererseits gibt es in den USA auch noch eine Tendenz zur offenen Debatte über solche Themen. Mearsheimer und Walt werden von daher noch eine Menge an heftiger Kritik abgekommen. Das ist zumindest meine Hoffnung und die vieler Kollegen von mir in Israel.
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