Die Strippenzieher von der Ostküste

Im fahlen Licht von Verschwörungstheorien wird übel gemunkelt

 

«Hurra - wir haben einen Schuldigen!» So könnte der eigentliche Titel des Aufsatzes von John Mearsheimer und Stephen Walt lauten. Denn pünktlich zur Debatte über das US-Engagement im Irak haben die beiden Professoren für internationale Beziehungen aus Chicago und Harvard die eigentlichen Verantwortlichen für das Debakel präsentiert: Die Israel-Lobby. Laut Mearsheimer und Walt sind es die vielfältigen jüdischen Interessensgruppen in Amerika gewesen, die Washington mit zum Krieg gegen den Irak überredet hätten. Denn ein befriedeter Irak ohne Saddam Hussein, das musste ja primär im Interesse Jerusalems sein.

Ohnehin sei im Nahen Osten eine eigenständige US-Außenpolitik kaum mehr möglich, behaupten Mearsheimer und Walt weiter. Auch hier habe die allmächtige Israel-Lobby das Sagen. Sie sorgt dank bester Verbindungen dafür, dass die Vereinigten Staaten in einer Art Nibelungentreue fest an der Seite des jüdischen Staates stehen und diesen munter mit Waffen und Hilfsgeldern alimentieren - natürlich alles auf Kosten der amerikanischen Steuerzahler. Sowieso sei Israel ohne größeren strategischen Wert und die Ursache dafür, dass es mit Washingtons Image in der islamischen Welt nicht gerade zum besten stehe.

«The Israel-Lobby» hieß denn auch folgerichtig der Essay, den Mearsheimer und Walt im März 2006 im «London Review of Books» veröffentlichten und zeitgleich auf die Internetseite der John F. Kennedy School of Government der Universität Harvard stellten. 275.000 Mal wurde der Text in nur drei Monaten heruntergeladen. Ursprünglich hatte die Zeitschrift «Atlantic Monthly» den Aufsatz in Auftrag gegeben, doch deren Herausgeber zogen nach der Lektüre von «The Israel-Lobby» in letzter Minute den Stecker und lehnten ohne Angabe von Gründen eine Publikation unter ihrer Flagge ab. Was folgte, war eine stürmische Debatte, wie sie die akademische und publizistische Welt in den USA seit den Tagen von Samuel Huntingtons «Kampf der Kulturen» nicht mehr erlebt hatte.

Die Tatsache, dass unter anderem Ku-Klux-Klan-Boss David Duke als auch die PLO und radikale Islamisten den Aufsatz sofort mit Begeisterung aufnahmen, sollte Alan Dershowitz, Walts Harvard-Kollege und Juraprofessor, wohl Recht geben. Der hatte behauptet, «The Israel-Lobby» sei eine üble Hetzschrift gegen Israel. Auch der Universität Harvard war das Ganze irgendwann nicht mehr geheuer, sie bestand darauf, dass ihr Logo von dem Papier wieder verschwand. Nun erscheint der ohne Fußnoten ursprünglich 42 Seiten zählende Essay von Mearsheimer und Walt als Buch zeitgleich in englischer und deutscher Sprache.

Doch wer ist eigentlich die viel zitierte und quasi allmächtige Israel-Lobby? «Die Lobby ist ein lockerer Verbund von Individuen und Organisationen, die aktiv darauf hinarbeiten, dass sich die US-amerikanische Außenpolitik in eine pro-israelische Richtung bewegt», schreiben Mearsheimer und Walt. Genannt werden AIPAC (American Israel Public Affairs Committee), die Anti-Defamation-League oder zahlreiche «Think Tanks». Fehlen dürfen natürlich auch nicht die Medien, allen voran das «Wall Street Journal» und die «New York Times». Spätestens jetzt sollte man hellhörig werden, zählt doch gerade die «New York Times» zu den lautesten Kritikern der israelischen Regierungspolitik.

Und so zeichnen die beiden Professoren munter das Bild eines Kraken, dessen Tentakel alles im Griff haben, angefangen vom Kongress bis hin zu den Elite-Universitäten und der Außenpolitik. «Ostküste» lautete früher das Schlagwort, um die jüdischen Strippenzieher im Hintergrund zu benennen. Jetzt heißt es Israel-Lobby. Zitate werden aus dem Zusammenhang gerissen. Eine detaillierte Analyse der Arbeitsweisen dieser pro-israelischen Netzwerke gibt es nicht, dafür aber jede Menge Anekdoten und faktische Fehler zuhauf. Wenig historisches Verständnis zeigt ebenfalls der Campus-Verlag, der die «Israel-Lobby» mit einem reichlich unglücklichen Cover ins Rennen um die Lesergunst schickt: Die Darstellung der US-Flagge, deren Sterne durch Davidssterne ausgetauscht wurden, ist ein häufig benutztes Bild von Gruppen, die es mit Juden alles andere als freundlich meinen und so «Zions Macht» über Washington symbolisch darstellen wollen.

Die Vorgehensweise der beiden Professoren bewegt sich nicht immer auf akademischem Niveau. «Israel versorgte die Vereinigten Staaten bei verschiedenen Gelegenheiten auch mit falschen oder irreführenden Informationen», behaupten Mearsheimer und Walt. «Möglicherweise, um die Vereinigten Staaten zu einer von Israel gewünschten Handlungsweise zu bewegen.» Ein wenig konkreter als «möglicherweise» hätte man es dann doch gerne. Ferner ist die Behauptung, dass das Engagement Washingtons zugunsten Israels in den Tagen des Kalten Krieges Ägypten und Syrien in die Arme der Sowjetunion getrieben hatte, bei genauerer Kenntnis der Geschichte des Verhältnisses zwischen den USA und Israel kaum haltbar. Die genauere Lektüre des Buches von Michael B. Oren, «Power, Faith and Fantasy, America and the Middle East: 1776 to the Present», das Standardwerk zum Thema, hätte da wohl nicht geschadet.

Wie «mächtig» die Israel-Lobby ist, konnte man exemplarisch wunderbar 1987 beobachten, als die USA Druck auf Jerusalem ausübten, das israelische Lavi-Kampfjet-Programm einzustellen, weil Washington keine Konkurrenz haben wollte. Auch verkaufen die Vereinigten Staaten trotz Protesten jüdischer Gruppen regelmäßig militärisches Gerät an Länder, die israelfeindlich eingestellt sind, allen voran Saudi-Arabien. Und wenn es den USA nicht passt, dass Israel an China Waffen exportiert, dann muss Jerusalem selbst Milliarden-Deals wieder rückgängig machen, die bereits unter Dach und Fach gebracht wurden wie im Falle des Flugabwehrsystems Phalcon. Nicht einmal das Buch von Mearsheimer und Walt konnten die Israel-Lobbyisten verhindern. Aber das sind nur Feinheiten. Die «Israel-Lobby» wird auch in Deutschland ein Publikum finden, das sich durch Fakten nicht irritieren lassen möchte, sondern lieber auf Verschwörungstheorien setzt.

 

Ralf Balke

«Jüdische Zeitung», Oktober 2007