«Historikerstreit»

In den USA hat sich die israelfreundliche Politik und die enge Bindung an den Judenstaat der US-Administration zu einem regelrechten Historikerstreit ausgewachsen, der einen beachtlichen publizistischen Widerhall findet. Die öffentliche Debatte in den Vereinigten Staaten hält unvermindert an, wenn von einer viel beschworenen «jüdischen Lobby» die Rede ist, gemischt mit offenen oder unterschwellig antisemitischen Tönen. Nicht zuletzt an Norman Finkelsteins Buch «Beyond Chutzpah: On the Misuse of Anti-Semitism and the Abuse of History» hat sich der Streit entzündet, in dem dieser Israel und die USA mit seiner israelfreundlichen «jüdischen» Lobby des geschichtlichen Missbrauchs von Antisemitismus bezichtigt. Diese Streitschrift ist als eine Replik auf das apologetische Plädoyer von Alan M. Dershowitz «The Case for Israel» zu lesen, das 2003 in amerikanischer Originalausgabe und zwei Jahre später in deutscher Ausgabe unter dem Titel «Plädoyer für Israel: Warum die Anklagen gegen Israel aus Vorurteilen bestehen» erschienen ist. Der Publizist Steven T. Rosenthal zieht folgenden Vergleich: «Für Millionen amerikanischer Juden war Kritik an Israel eine schlimmere Sünde als einen Nichtjuden oder eine Nichtjüdin zu heiraten». Es handelt sich schlicht und ergreifend um eine mächtige Interessengruppe, einer Pressure Group, aus Juden und Nichtjuden («christlichen Zionisten»), deren Interesse darin liegt, dem jüdischen Staat aus höchst unterschiedlichen Gründen zu nützen. Wie andere ethnische Lobbys auch, sind die Aktivitäten der Israel-Lobby eine legitime Form der Teilnahme am demokratischen politischen Leben in den USA und stehen dort in der langen Tradition aktiver Interessengruppen. Ein Hinweis am Rande: 750.000 US-Dollar Verlagsvorschuss sollen Mearsheimer und Walt dem Vernehmen nach für ihr Werk erhalten haben - ein stattliches Honorar für Zeithistoriker, die bislang noch nicht mit Untersuchungen zu Nahost in Erscheinung getreten sind.

Theodor Joseph

«Jüdische Zeitung», Oktober 2007